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Bootsflüchtling aus Vietnam wird Zahntechniker in Herne

Phong Kosien (43) lebt und arbeitet als Zahntechniker in Herne.

Foto: Barbara Zabka / Funke Foto Services

Phong Kosien (43) lebt und arbeitet als Zahntechniker in Herne. Foto: Barbara Zabka / Funke Foto Services

Herne.   Serien-Auftakt zur Vietnam-Ausstellung im Archäologischen Museum. Phong Kosienflüchtete als kleiner Junge mit seiner Familie aus Vietnam.

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Wie fühlt man sich als ehemaliges Boatpeople-Kind in der zweiten Generation in Deutschland? Ist Herne eine neue Heimat geworden? Viele Vietnamesen, die Ende der 70er- und Anfang der 80er-Jahre mit ihren Eltern auf dem Seeweg nach Deutschland flohen, leben seit gut 40 Jahren in Herne. Heute stellen wir einen von ihnen in einem Portrait persönlich vor.

„Ich bin geboren in Saigon, für uns Exilvietnamesen ist das natürlich immer noch Saigon und nicht Ho-Chi-Minh-Stadt.“ Phong Kosien ist 43 Jahre alt, verheiratet und hat eine kleine Tochter. Er beschreibt sich als lebenslustig und ehrgeizig. 1981, sechs Jahre nach dem Ende des Vietnamkriegs, flohen seine Eltern mit dem damals vierjährigen Phong und seinem älteren Bruder vor dem kommunistischen Regime. Erst der dritte Fluchtversuch glückte der Familie. Zuvor wurden sie zweimal erwischt und verpassten ein Boot in Richtung Australien. Es sei damals sehr chaotisch gewesen, da sich Tausende auf die Flucht über das Meer machten.

Kein Weg über Land

Eine andere Alternative habe es nicht gegeben, da über Land niemand nach China, Laos oder Kambodscha flüchten wollte. Doch dann war es endlich soweit: „Ich wachte mit Fieber im Maschinenraum unter Deck auf und hatte große Angst. Meine Mutter beruhigte mich und sagte, dass wir erstmal in Sicherheit seien.“ Der kleine Phong glaubte das, jedoch bedrohten trotzdem thailändische Piraten das Boot, zum Glück ohne Erfolg. Den Geruch der Exkremente von den vielen Boatpeople hat er immer noch in der Nase. „Es war natürlich total eng auf dem Schiff, wir waren da mit rund 150 Leuten drauf.“ Obwohl es ihm ewig lang vorkam, kam die Familie nach vier Tagen in Indonesien an. „Wir hatten natürlich, wie alle, die große Hoffnung, dass die Cap Anamur uns auffischt, aber das hat nicht geklappt.“ Wäre der Plan aufgegangen, hätte die Familie direkt nach Deutschland einreisen können. Immerhin war dies zwei Jahre zuvor seinem 14-jährigen, ältesten Bruder gelungen, der gemeinsam mit einem Onkel geflüchtet war. „Die beiden wurden im chinesischen Meer von der Cap Anamur aufgefischt und mein Bruder hat direkt in der Kombüse beim Kochen geholfen“, berichtet Phong Kosien. Über Hamburg seien die Männer dann in Gelsenkirchen-Erle gelandet. Bis zur Familienzusammenführung verging noch ein weiteres halbes Jahr in einem Flüchtlingscamp auf Jakarta, dort beantragte der Rest der Familie Asyl in Deutschland und kurze Zeit später ging es per Direktflug nach Frankfurt.

Viel Hilfe für die Familie

Beim Start in das neue Leben habe die Familie sehr viel Hilfe von Mitarbeitern der Arbeiterwohlfahrt und der Caritas erhalten. Zudem kümmerten sich zwei private Paten um die Neuankömmlinge. Ein Lehrerehepaar half bei der Wohnungs- und Jobsuche und brachte der Familie die deutsche Sprache bei.

Phong Kosien hat von seiner Mutter Tugenden wie Loyalität, Ehrlichkeit und Pünktlichkeit gelernt. „Sie hat uns Brüdern jeden Morgen ins Ohr geflüstert, wenn wir das Haus verließen: Denk dran, warum wir geflüchtet sind!“ Das habe gewirkt, er denke noch heute an ihre Worte. Der gelernte Zahntechniker arbeitet in der Haranni-Clinic und sei bei seinen Kollegen einigermaßen beliebt, erzählt er mit einem Augenzwinkern. „Die Tropenpflanze“ wird er in der Praxis genannt. Das mit dem deutschen Wetter sei so eine Sache, da werde er sich einfach niemals dran gewöhnen, erklärt er, wie es zu dem Spitznamen kommt. Und da merke er einfach, dass er auch ein wenig Vietnam in seinem Herzen trage, erklärte der Herner. Leben könne er dort jedoch nicht, dafür sei er zu sehr von der deutschen Kultur geprägt.

Bei seinen Besuchen fällt ihm aber immer die Offenheit der Menschen positiv auf. Was er besonders mag, ist die vietnamesische Essenskultur. „Ich schaue mir gerne das bunte Treiben auf der Straße an, das hat etwas Exotisches. An jeder Ecke gibt es Streetfood, das finde ich richtig cool“, erklärt Phong Kosien. Er war erst dreimal in Vietnam zu Besuch, wäre gerne öfter dort. Seine Mutter ist wieder nach Saigon gezogen, sie ist aber trotzdem häufig in Herne. Auch wenn die Söhne jetzt erwachsen sind, muss sie vielleicht einfach nach dem Rechten schauen und ihnen etwas ins Ohr flüstern.

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