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Ausbildung: Handwerk ist in Herne nicht mehr Spitzenreiter

Berufe im Handwerk sind nicht mehr bei allen jungen Menschen der Favorit.

Berufe im Handwerk sind nicht mehr bei allen jungen Menschen der Favorit.

Foto: Felix Kästle / dpa

Herne.  Die Top 10 der Ausbildungsberufe in Herne zeigt: Das Handwerk ist nicht mehr spitze. Viele wollten sich nicht mehr die Hände schmutzig machen.

Der beliebteste Ausbildungsberuf 2018 in Herne ist der zahnmedizinische Fachangestellte. Das geht aus der Top 10 der Ausbildungsberufe hervor, die das Landesamt für Statistik nun veröffentlicht hat. Auffällig: Das Handwerk rangiert nicht ganz vorne. „Berufe, bei denen man sich tatsächlich mal die Hände schmutzig machen muss, sind nicht so begehrt“, sagt Jörg Linden, Sprecher der IHK Mittleres Ruhrgebiet.

Immerhin: „Bei aller Veränderung der Berufsbilder und der Arbeitsrealität ist festzustellen, dass die klassischen Ausbildungsberufe wie der Kaufmann für Büromanagement immer noch favorisiert werden“, erklärt Jörg Linden, der Sprecher der Industrie und Handelskammer (IHK) Mittleres Ruhrgebiet, mit Blick auf die Statistik. Trotzdem wäre es wünschenswert, wenn alle über den Tellerrand schauen würden: „Es ist nicht mehr zeitgemäß, dass Jungs Jungsberufe lernen, Mädchen Mädchenberufe. Die Berufe sind für alle da.“

Positiver Trend auf dem Ausbildungsmarkt

Herne habe in den letzten Jahren zwar wirtschaftliche Schwerpunkte im Bereich Logistik geschaffen und dabei Bedarfe geschaffen. „Die Frage ist aber, wie attraktiv erscheinen solche Ausbildungsberufe jungen Leuten?“, fragt Linden. In Herne sei aus Sicht der IHK zwar ein positiver Trend auf dem Ausbildungsmarkt zu verzeichnen. Die Schere zwischen angebotenen Ausbildungsstellen und Nachfrage schließe sich allmählich. Es falle aktuell aber auf, dass Unternehmer aus dem industriell-technischen Bereich Probleme hätten, ihre Stellen zu besetzen. Besagtes Hände schmutzig machen gefalle vielen jungen Menschen nicht.

Martin Klinger, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Herne, sieht dies ähnlich. Dabei tut Nachwuchs Not: „Wir haben einen enormen Fachkräftemangel. Das ist ein deutschlandweiter Trend.“ Gerade im Handwerk könne der Bedarf nicht gedeckt werden. „Das liegt auch daran, dass das Handwerk bei jungen Leuten durch Unkenntnis nicht die Rolle spielt, die es spielen sollte.“ Alle machten Abitur, gingen studieren, „da fällt das Handwerk hinten über“. Und es gebe die üblichen Vorbehalte – körperliche Arbeit, frühes Aufstehen.

Dabei deckten sich die Vorurteile mit den heutigen Berufsfeldern nur noch in ganz wenigen Fällen: „Viele wissen einfach nicht um die Chancen im Handwerk.“ Der Meisterbrief sei etwa heute schneller zu erlangen. Er befähige zum Studium. Und: „Handwerksmeister verdienen in der Regel mehr als Hochschulabgänger.“ Nicht zuletzt gebe es immer wieder Handwerke, die wegfallen. So würden Schuhmacher etwa nicht mehr so nachgefragt. Trotzdem, betont Klinger, gebe es den Bedarf für Spezialanfertigungen für Menschen mit orthopädischen Einschränkungen. Die Imagekampagne des Handwerks, die seit einigen Jahren laufe, komme zwar gut an. „Trotzdem müssen wir Lobbyarbeit machen, für das Handwerk werben und junge Menschen über Möglichkeiten aufklären.“

Handwerk hat viele Vorteile

Rüdiger Sprick, stellvertretender Kreishandwerksmeister und Elektroinstallateur-Meister, bestätigt: „Das Bild des dreckigen Handwerks ist schwer aus den Köpfen zu bekommen.“ Die heutige Situation sei durch mehrere Faktoren entstanden. Vor Jahren sei in einigen Gewerken die Meisterpflicht abgeschafft worden. „Das hatte zur Folge, dass sich erfahrene Gesellen mit einer Genehmigung selbstständig machen konnten.“ Im Gegensatz zu einem Meister durften diese jedoch nicht ausbilden. „Dazu müssten sie einen Ausbilderschein machen und das haben viele nicht.“

Gerade im Bereich Elektronik komme hinzu, dass die Ansprüche gestiegen seien. „Viele, die den Beruf früher ergreifen konnten, schaffen das heute nicht mehr.“ Sie seien zwar engagiert, scheiterten aber an den schulischen Anforderungen. Hinzu komme, dass viele Kunden scheinbar nicht wollten, dass Betriebe ausbilden: „Wir werden teils richtig aggressiv angefahren, wenn wir Lehrlinge dabei haben. ,Der steht ja nur rum, dafür bezahlen wir nicht‘ – heißt es“, sagt Rüdiger Prick.

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