Herne. Die Stadt Herne lehnt den schnellen, lückenlosen Ausbau von Elektro-Ladesäulen für Autos ab. Sie setzt stattdessen auf Schnell-Ladeparks.

In Herne gibt es aktuell 69 öffentliche Ladepunkte für Elektrofahrzeuge. In der Politik herrscht Uneinigkeit. Sind das zu wenig? Die Stadt Herne meint: Das reicht. Sie setzt auf einen langsamen Ausbau der Ladestationen, die meist mindestens zwei Ladepunkte haben. Vor allem aber setzt sie auf große Ladeparks, die in der Zukunft gebaut werden sollen. Murren über diese Strategie kommt vor allem von der CDU.

Die Zahl der Neuzulassungen von Elektroautos in Herne ist zuletzt stark angestiegen. Im vergangenen Jahr waren in Herne 2814 E-Autos angemeldet, in diesem Jahr seien es schon jetzt über 3000, sagt Jürgen Klein Altstedde vom städtischen Fachbereich Tiefbau und Verkehr zur WAZ. Die vorhandene Ladesäulen-Infrastruktur reiche für diese Fahrzeuge aktuell aus, das sage auch der Bund. Nicht zuletzt verdeutliche das ein Blick auf die Auslastung der Ladesäulen: Manche der 69 Ladepunkte „werden nur marginal genutzt“. So zeige die Ladesäule an der Fritz-Reuter-Straße (Wanne-Eickel) gerade mal 14 Ladevorgänge an – für das gesamte Jahr 2021. An der Langekampstraße (ebenfalls Wanne-Eickel) hätten 79 Fahrzeuge Strom getankt (siehe Grafik).

Stadt Herne: Technik von Ladesäulen ist schnell überholt

Statt flächendeckend nun überall in der Stadt neue Ladesäulen aufzustellen, will die Stadt lieber auf Schnell-Ladeparks setzen. Ähnlich wie an Tankstellen sollen E-Fahrzeuge dort in zehn Minuten oder noch schneller mit Strom betankt werden, sagt Klein Altstedde. Dafür müssten Flächen und Kooperationen zum Beispiel mit Tankstellenbetreibern gefunden werden; das will die Stadt nun angehen. Noch aber sei die Technik für die Schnellladeparks nicht ausreichend. Der Verwaltungsmann geht aber davon aus, dass das mittelfristig der Fall ist.

Den Bau von vielen Dutzend neuen Ladestationen in den Quartieren lehnt die Stadt auch deshalb ab, weil die aktuelle Technik schon bald überholt sei. 22-Kilowatt-Stationen, wie sie jetzt Standard seien, würden bald abgelöst durch Stationen, die mehr Energie lieferten und dadurch Fahrzeuge viel schneller auflüden. Klein Altstedde spricht von „100-Kilowatt-Stationen und deutlich mehr“. Würde Herne jetzt mit 22-Kilowatt-Ladesäulen zugepflastert, dann müssten sie in naher Zukunft wieder komplett erneuert werden. Das sei zu aufwendig und zu teuer. Besagte Schnellladeparks seien deshalb die bessere Lösung.

Setzt auf moderne Ladestationen, die Fahrzeuge schneller mit Strom auftanken: Jürgen Klein Altstedde (Stadt).
Setzt auf moderne Ladestationen, die Fahrzeuge schneller mit Strom auftanken: Jürgen Klein Altstedde (Stadt). © Ralph Bodemer

CDU-Ratsherr: „Ladepunkte sind wichtig, nicht die Anschlussleistung“

CDU-Ratsherr Andreas Barzik ist mit diesem Vorgehen unzufrieden. Im Ausschuss für Digitales, Infrastruktur und Mobilität (DIM) sagte er Anfang März, dass es darum gehen müsse, jetzt „viele, viele, viele“ Ladesäulen aufzubauen, um die Menschen zum Umstieg aufs E-Auto zu bewegen. Sie könnten ihre Fahrzeuge bei einer Fahrt in die Stadt angesichts der bestehenden Infrastruktur kaum aufladen. „Ladepunkte sind wichtig, nicht die Anschlussleistung“, betonte der Ratsherr und E-Auto-Fahrer. Beim Koalitionspartner SPD gab es diesmal kaum bis keine Kritik an der Strategie der Stadt. Ausschussvorsitzender Roberto Gentilini (SPD) hatte noch Anfang 2022 im DIM gesagt, dass Herne beim Ausbau der Ladesäulen „mehr Druck auf der Pipeline“ brauche. Auch er schien nun zufrieden mit dem Vorgehen der Stadt.

Dezernent Karlheinz Friedrichs bekannte im Ausschuss, dass die Stadt beim Ausbau durchaus etwas hinterher hinke, das sei aber dem besagten Wandel in der Technik geschuldet. Er versprach: „Wir werden uns schrittweise annähern.“ Dazu gehört auch, dass die Stadt in diesem Jahr fünf „Normal-Ladesäulen“ und eine Schnell-Ladesäule mit jeweils zwei Ladepunkten bauen will. Die Normal-Ladesäulen mit 22 Kilowatt sollen am Schloß Strünkede, Eickeler Park (Minigolf-Anlage), Neumarkt, Dammstraße (P+R-Parkplatz) und an der Künstlerzeche Unser Fritz aufgestellt werden, die Schnell-Ladesäule mit 100 Kilowatt auf dem Decathlon-Parkplatz.

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Die Schnell-Ladesäule bei Decathlon an der Holsterhauser Straße soll einen Vorgeschmack dafür geben, wie das Stromtanken später in den großen Schnell-Ladestationen funktionieren soll: E-Auto-Besitzerinnen und Besitzer schlössen ihr Fahrzeug an den Strom an und könnten für 20 Minuten etwa einen Kaffee trinken gehen.

>> WEITERE INFORMATIONEN: Geringe Eigentumsquote

Professor Haydar Mecit vom Institut für Elektromobilität der Hochschule Bochum, der die Stiftungsprofessur der Stadtwerke Herne für urbane Energie und Mobilitätssysteme erhalten hat und für das Herner Forschungsprojekt „Ruhr Valley“ arbeitet, sagte zuletzt, warum gerade Herne einen vergleichsweise hohe Bedarf an Ladesäulen habe: Die Stadt habe eine geringe Eigentumsquote, viele Menschen könnten ihre Autos also nicht zu Hause aufladen.

Auch zum Ausbautempo in Herne äußerte sich der Professor. Er sprach im Ausschuss von einem „sanften Hochlaufen“.