Gemeinsamer Unterricht

Alle Herner Gymnasien ziehen sich aus der Inklusion zurück

An Gymnasien werden künftig nur noch Kinder unterrichtet, die dasselbe Lernziel verfolgen.

An Gymnasien werden künftig nur noch Kinder unterrichtet, die dasselbe Lernziel verfolgen.

Foto: dpa

Herne.   Die Gymnasien in Herne nehmen ab dem Sommer keine geistig- und lernbehinderten Kinder mehr auf. Sie setzen damit einen Erlass des Landes um.

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Ab dem kommenden Schuljahr ist Schluss: Alle Herner Gymnasien steigen aus der Inklusion für geistig- und lernbehinderte Kinder aus. Schüler mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf werden dann nicht mehr gemeinsam mit Regelschülern unterrichtet. Die einzige Ausnahme: Kinder mit einem Handicap, die „zielgleich“ unterrichtet werden, also mit den gleichen Lerninhalten und der Absicht, das Abitur zu machen, können weiter ein Gymnasium besuchen.

„Der Erlass des Ministeriums ist eindeutig“, sagt Magdalene van Merwyk, Schulleiterin am Gymnasium Eickel, das bisher 34 Kinder mit Förderbedarf beschult – so viel wie kein anderes in Herne. Im Oktober 2018 hatte das NRW-Schulministerium in einem Runderlass zur Neuausrichtung der Inklusion das „Gemeinsame Lernen“ stark eingeschränkt. Erfreut ist die Schulleiterin darüber nicht. „Die Schule hatte sich auf den Weg gemacht, hier ist sehr viel Know-How vorhanden, aber das ist jetzt nicht mehr erwünscht.“

Zum Teil gute Erfolge bei Inklusion erzielt

Und sie erzählt weiter: „Wir haben zum Teil gute Erfolge gehabt.“ Einige Kinder mit dem Förderschwerpunkt Lernen hätten bei ihnen ihren Hauptschulabschluss geschafft. Ja, es habe Konflikte gegeben, aber die gebe es auch mit Regelschülern. „Natürlich brauchen die Kinder eine besondere Aufmerksamkeit, aber wir haben es durchaus geschafft“, sagt Magdalene van Merwyk.

Anders sieht das der Schulleiter des Pestalozzi-Gymnasiums, das derzeit 26 Kinder mit Förderbedarf unterrichtet. „Ich bin einer großer Fan der Inklusion, wenn die Rahmenbedingungen stimmen“, sagt Volker Gößling. Ob Inklusion gelingt, hänge aber vom Personalschlüssel ab. Und der habe nicht gestimmt. „Die Idee der Inklusion war gut, aber schlecht ausgeführt“, sagt er und präzisiert: „Es reicht nicht, mal gelegentlich Förderschullehrer in eine Klasse zu schaffen.“ In den letzten Jahren hätten sie sehr viel improvisieren müssen, und das sei unbefriedigend. Deshalb sei er nicht böse um diese Vorgabe des Schulministeriums.

Lehrer seien dafür nicht ausgebildet

Ähnlich geht es Nicole Nowak, Schulleiterin am Haranni-Gymnasium (derzeit acht Kinder mit Förderbedarf). „Den Unterricht so zieldifferent aufzuarbeiten, dass alle Kinder mitkommen, ist eine sehr sehr große Aufgabe“, sagt sie. Die Kollegen strengten sich unheimlich an und leisteten tolle Arbeit, aber: „Wir sind dafür nicht ausgebildet.“ Je älter die Kinder werden, umso größer gehe die Spanne auseinander. Und die Ausstattung sei einfach zu schlecht: Nur in sechs Schulstunden stehe ein Sonderschullehrer zur Unterstützung bereit.

„Die Inklusion ist eine gesellschaftliche Aufgabe, aber es muss auch für die Kinder sinnvoll sein“, sagt Nicole Nowak. Deshalb hält sie den Schritt der Landesregierung für richtig, betont aber, dass eine körperliche oder motorische Behinderung eines Kindes kein Hindernis für den Besuch eines Gymnasiums sein darf.

Das sagt auch Volker Gößling: „Das ist kein Ausstieg aus der Inklusion.“ Die zielgleiche Förderung werde es immer geben. „Wir wollen natürlich auch unseren Beitrag zur Inklusion leisten“, denn, das sieht er auch: Die Aufgabe der Gesamtschule, die eh schon schwierig genug sei, werde nun noch schwieriger.

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