Leben an der Ruhr

Mit der Seilbahn bei Hochwasser über die Ruhr

Die im Zweiten Weltkrieg von den Nazis beim Rückzug zerstörte Obergrabenbrücke in Wetter wird derzeit wieder saniert.

Foto: Stadtarchiv Wetter

Die im Zweiten Weltkrieg von den Nazis beim Rückzug zerstörte Obergrabenbrücke in Wetter wird derzeit wieder saniert. Foto: Stadtarchiv Wetter

Wetter/Herdecke.   Die Wege über die Ruhr waren früher zum Teil abenteuerlich. So musste ein Lkw über die überspülte Brücke gelotst werden.

„Fischer, Fischer, wie komme ich übers Wasser“, rufen die Kinder, und ein Spielkamerad überlegt sich, ob sie schwimmen, hüpfen oder rollen sollen. Ganz so fantasievoll geht es im wahren Leben nicht zu, oder sollte man sagen nicht mehr? Denn über die Ruhr ging es noch vor wenigen Jahrzehnten auch noch anders als über eine schnöde Autobrücke, von denen in Wetter drei den Fluss queren und in Herdecke eine.

Arbeiter kommen zu Fuß

Einer, der sich noch daran erinnert, wie man das Wasser auch ohne großes Bauwerk quert, ist Horst Fichtel. Die Ruhr ist für ihn ein Stück Heimat. Geboren ist er zwar in Hagen, und dort lebt er auch schon seit mittlerweile wieder 40 Jahren, doch an der Ruhr ist er groß geworden. Und das direkt am Ufer. „Mein Vater war Maschinist im Wasserwerk“, erzählt er.

In den Maschinenraum durfte er nur, wenn der Vater ihn mitnahm oder er im Henkelmann das Essen bringen musste. „Zu gefährlich“, sagt er und zeigt Bilder von den offen liegenden Zahnrädern. An denen gingen die Maschinisten mit dem Ölkännchen entlang. Diese fünf Mitarbeiter kamen jeden Tag über die nun schon lange sanierungsbedürftige Seilhängebrücke zur Schicht. „Der Rest wohnte direkt am Wasserwerk. „Die Häuser gibt es nicht mehr“, sagt Fichtel.

Die kleine Brücke, um deren Erhaltung sich inzwischen ein rühriger Arbeitskreis kümmert, war aber nicht der einzige Weg übers Wasser. Mit einer Seilbahn wurde die Kohle vom Bahnhof Volmarstein zum Werk transportiert. Hatte die Ruhr Hochwasser und die Brücke war nicht mehr passierbar, dann durften auch die Arbeiter und Schulkinder in einer Passagiergondel mitfahren. Horst Fichtel erzählt auch als Erwachsener noch gerne davon. Allerdings immer mit einem Kommentar seiner Mutter dazu: „Sie hat behauptet, ich hätten mir bei der Fahrt vor Angst in die Hose gemacht.“

Wagen von den Fluten erfasst

Vier Personen passten in die Gondel, oder es wurde eine Lore mit Kohle über die Ruhr geschickt. Musste mehr Material Richtung Wasserwerk transportiert werden, rollten Lkw über eine Brücke. Doch die verschwand regelmäßig in den Fluten. Die Redakteure Udo Meier und Klaus Brandt berichten am 24. Februar 1970 davon, dass Jochen Müller nach einem Krankenhausaufenthalt zurück zu seiner Frau wollte.

Das Ehepaar lebte in einem der Häuser am Wasserwerk. Der „einzige Verbindungsweg war in der Strömung der Ruhr nur zu erahnen“, heißt es in dem Artikel. Zunächst habe ein Lkw-Fahrer es allein versucht, doch noch Richtung Wasserwerk zu fahren. Doch das schien zu gefährlich. Man erinnerte sich noch daran, dass zehn Jahre zuvor ein Wagen von den Fluten weggespült worden war. Die Insassen wurden gerettet, dennoch sollte so etwas nicht noch einmal geschehen.

Schulfrei für die Kinder

Eine dreiviertel Stunde später machte man sich doch auf, allerdings mit einer Vorhut. Zwei Männer in hohen Schaftstiefeln liefen als Lotsen vor dem Wagen her. Mit langen Stangen suchten sie den Weg im reißenden Ruhrwasser.

Für die Bewohner der Ruhrinsel gab es nicht nur ein Wiedersehen mit Jochen Müller, sondern auch Kisten und Kästen mit Lebensmitteln. Horst Fichtel erinnert sich auch aus einem anderen Grund noch an die Hochwasser der Ruhr. Denn für die Wasserwerk-Kinder hieß es im Frühjahr, wenn das Schmelzwasser aus dem Sauerland den Pegel steigen ließ, oft „Ab nach Hause“. „Wir wurde von der Schule früher losgeschickt, damit wir überhaupt noch auf der Insel ankamen.“ Bis die Biggetalsperre gebaut wurde kam das „eigentlich in jedem Jahr“ vor, erinnert er sich. „Und dann haben wir da drei Tage festgesessen.“

Viele Wege führen über die Ruhr 

Jüngste Ruhrbrücke ist die Querung der Bundesstraße 226 in Wetter. Die 360 Meter lange und 16,50 Meter breite Brücke wird von fünf runden Doppelstützen in Säulenform getragen. Freigegeben wurde sie im Frühjahr 2011. Sie ist als herausragendes Objekt der Ingenieurbaukunst im Internet zu finden unter: www.baukunst-nrw.de

Die Overwegbrücke führt in Höhe der Demag über die Ruhr. Die erste Brücke an dieser Stelle wurde 1899 in Betrieb genommen. Nach der Zerstörung 1945 wurde 1954 eine neue Brücke fertiggestellt. Benannt ist sie nach dem Landeshauptmann Karl Overweg des Provinzialverbandes Westfalen. Parallel verläuft ein Radsteg, der 2007 eröffnet wurde.

Die Straßenbrücke über den Obergraben wird derzeit ersetzt. Die anschließende Brücke über die Ruhr wurde 1931 fertiggestellt und im Krieg kaum zerstört. Der Überbau wurde 2005 erneuert.


1947 wurde die Eisenbahnbrücke über den Obergraben fertiggestellt, nachdem die ursprüngliche 100 Jahre alte Brücke 1945 zerstört worden war. Diese Brücke soll nun saniert werden. Die anschließende Brücke über die Ruhr wurde 1936 in Betrieb genommen. Deutsche Truppen hatten 1945 versucht, die Brücke zu sprengen. Ein Brückensegment stürzte in die Ruhr und konnte 1947 geborgen und wieder aufgebaut werden.

In Herdecke wurde 1951 für die Ruhrbrücke ein Ersatzbau eingeweiht. Die 1900 eingeweihte Brücke war 1945 zerstört worden. Zunächst fuhr eine Fähre, dann gab es eine Notgehwegbrücke, die aber 1946 von einem Hochwasser weggeschwemmt wurde. Im gleichen Jahr wurde eine einspurige Gitterträgerbrücke, gefertigt von der Demag in Wetter, aufgebaut.

Die Ruhrtalbrücke (Viadukt) wurde 1879 fertiggestellt. Ein Pfeiler wurde bei der Möhnekatastrophe zerstört, im 2. Weltkrieg wurde die Brücke von der Wehrmacht gesprengt.

1928 wurde die Eisenbahnbrücke über den Hengsteysee freigegeben. Sie dient derzeit vor allem als Fußgängerbrücke.

Wasserwerk leistet sich einen eigenen Steg 

Eine Brücke, über die niemand mehr gehen kann, steht seit einigen Jahren im Fokus der Diskussion. Die historische Seilhängebrücke, 1893 vom Barmer Wasserwerk gebaut, steht zwar unter Denkmalschutz, verfällt aber zunehmend.

„Bei Gründung des Wasserwerkes gab es im gesamten Stadtgebiet keine einzige Brücke, sondern lediglich zwei Fähren, die sogenannte „obere Fähre“ im Bereich der heutigen Doppelbrücke nach Hagen-Vorhalle und die „untere Fähre“ etwa 1400 Meter westlich von hier“, heißt es in einer Dokumentation zur Seilhängebrücke von Klaus-Jürgen Winter. „Zwischen Wetter-Freiheit und Hagen-Vorhalle gab es zwar seit ca. 1605 eine hölzerne Jochbrücke, die allerdings bei Hochwasser immer wieder schwer beschädigt und ab 1790 dann ganz aufgegeben wurde.“

Die heutige Overwegbrücke zwischen Wetter-Dorf und Oberwengern sei erst 1898/99 erbaut und habe die „unter Fähre“ abgelöst. „So lange wollten die Wasserwerker nicht warten. Das Barmer Wasserwerk hatte wohl auch durch den Verkauf des Ruhrwassers nach 10 Jahren so viel Geld verdient, dass es sich nun eine eigene Brücke vom Süd- zum Nordufer leisten konnte“, schreibt Winter.

Hoffnung auf Freizeitrevier

Die jahrzehntelang unterbliebene Pflege der Brücke habe inzwischen zu zahlreichen Schäden geführt, bedauert der Autor. Am auffälligsten seien der Rostansatz sowie der verrottete Holzbelag. Winter, Mitglied des 2012 gegründeten Arbeitskreises Seilhängebrücke, hofft nun, dass im Zuge der Planungen für ein Freizeitrevier Ruhrseen die Brücke eine neue Chance bekommt.

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