Kneipenserie

In Herdecke gibt es Bistros, Pubs und Bars statt Kneipen

Der Honschoff, Wirtschaft von Hermann Bien, stand auf dem heutigen Kampsträter Platz. Auf der Theke soll immer ein Glas Soleier gestanden haben. Das Fachwerkhaus wurde 1959 im Rahmen der begonnenen Innenstadt-Sanierung abgerissen.

Der Honschoff, Wirtschaft von Hermann Bien, stand auf dem heutigen Kampsträter Platz. Auf der Theke soll immer ein Glas Soleier gestanden haben. Das Fachwerkhaus wurde 1959 im Rahmen der begonnenen Innenstadt-Sanierung abgerissen.

Foto: Privat

Herdecke.  Die klassische Kneipe ist auch in Herdecke selten geworden, doch Möglichkeiten zum Ausgehen gibt es trotzdem. Das Angebot hat sich nur verändert.

Freitagabend, 19 Uhr: Ich habe drei Freunde nach Herdecke eingeladen. Wir wollen eine Kneipentour machen. Oder wie eine Kollegin es nennt: eine Wirtschaftsprüfung. Tatsächlich ist es in Herdecke noch möglich, einige Male den Tresen zu wechseln. „In Herdecke gab es nie das große Kneipensterben, es hat vielmehr einen Umschwung gegeben, was die Art der Kneipen angeht“, sagt auch der gebürtige Herdecker Frank Gautzsch (60). Die klassische Bierkneipe sei zwar selten geworden, dafür gebe es nun Bistros und Bars.

Meine Freunde und ich starten am Ruhrschlösschen neben dem Ringhotel Zweibrücker Hof. Um 1903 florierte die Gaststätte unter Louis Schwarz. Seit achteinhalb Jahren steht Bärbel Blankenburg hinter dem Tresen. Sie zapft uns vier Pils.

Brauereien erhöhen die Bierpreise

„Der Anstieg der Bierpreise ist ein Problem. Die Brauereien erhöhen und wir müssen damit klarkommen. Aber ich kann die Preise nicht ständig anziehen, dann kommt keiner mehr“, antwortet die 64-Jährige, als ich sie nach der Situation der Kneipen frage. Bier werde zwar noch viel getrunken, der traditionelle Frühschoppen funktioniere aber nicht mehr: „Ich mache nur noch Donnerstag ab 11 Uhr auf, wenn Markt ist.“

Für uns geht es weiter ins Dornröschen. Wir setzen uns an den runden Tresen, unter ihm stapeln sich die Knobelbecher. „Wenn meine Generation nicht mehr das ist, gibt es wohl auch keine Kneipen mehr“, sagt Wirtin Andja Duchene (47). Ihre Prognose begleitet sie mit einem Lachen, doch als Scherz ist sie nicht gemeint. „Die jungen Leute treffen sich heute entweder zuhause oder gehen in die Disco.“

Nach einer Runde Dart am Automaten verlassen wir das Dornröschen und laufen hinter dem Kreisverkehr die Hauptstraße hoch, vorbei am Bistro Sonne. An der Ecke Wilhelm-Gräfe-Straße (früher Sonnensteinstraße) gab es einmal die Gaststätten Markaner, Brenner und Stratmann.

Der Honschoff muss wegen der Innenstadt-Sanierung weichen

Wir kommen zum Kampsträter Platz. In den 1950er-Jahren stand hier noch der Honschoff. Wirt Hermann Bien war damals der einzige Wirt mit Abitur und außerdem Adenauer-Anhänger. „Wer über Adenauer schimpfte, wurde rausgeschmissen und brauchte nicht zu bezahlen“, erinnert sich Gästeführerin Doris Frohne. Im Rahmen der Innenstadt-Sanierung wurde der Honschoff dann 1959 abgerissen. Heute erinnert ein Gedenkstein an das große Fachwerkhaus.

Gegenüber vom Honschoff war die Gaststätte Hax, heute Textilpflege Weyler. Rudolf Lenz (89) ist dort öfter nach der Schule eingekehrt. Damals war die Friedrich-Harkort-Schule noch auf dem heutigen Aldi-Gelände angesiedelt. Lenz weiß noch, wie die Wirtin Adele ihn und seine Mitschüler zur Sperrstunde mit in ihr Wohnzimmer nahm und dann weiter getrunken wurde. Heute ist das Weinlokal Korkenzieher zu einem neuen Treffpunkt am Kampsträter Platz geworden. Hier gibt es allerdings nur Flaschenbier.

Kneipen müssen ein Erlebnis sein

Meine Freunde und ich biegen in die Fußgängerzone ein. Unser Ziel ist der Shakespeare Pub, früher Tante Alma. Es gibt zwölf frisch gezapfte Biersorten sowie regelmäßige Beertastings und Konzerte. „Man geht raus, weil man etwas erleben möchte“, erklärt Wirt Nathaniel Stott (50) sein Konzept. „Event“ heißt das Stichwort. Ich probiere ein exotisches Bier mit Kokosnuss – gewöhnungsbedürftig, aber definitiv mal etwas anderes.

Wir gehen weiter, vorbei am Rheinischen Hof. An dem Hotel war früher auch eine Gaststätte angeschlossen. Diese wurde später zu einem Café und Anfang September hat dort ein Bistro eröffnet. Eventuell soll die Kegelbahn wiederbelebt werden.

Wir laufen unterhalb des Rathauses geradewegs auf die Metzgerei Schmitz zu. In dem Haus war früher der Ratskeller. Herdeckes bessere Kreise sollen hier verkehrt haben. Ich biege mit meinen Freundinnen in die Vestestraße ein, um einen Abstecher ins Bachviertel zu machen. Denn da gab es gleich drei Wirtschaften.

In Herdecke eröffnen neue Lokale

Die Gaststätten „Zum Treppchen“ und „Zum guten Tropfen“ lagen sich direkt gegenüber. Beide sind nun Wohnhäuser. Und bis 2011 wurde noch im „Olle Bé“ gefeiert. Das Haus steht heute leer.

Wir kehren wieder um, gehen am Rathaus vorbei hoch zu Haus Pfingsten. Über mehrere Generationen war es Wirtschaft und Wohnhaus der Familie Pfingsten, später Jungheim. Für viele Herdecker war es unter dem Wirtspaar Albert und Reni Jungheim damals „die“ Kneipe in der Stadt. Inzwischen ist dort ein kroatisches Restaurant eingezogen.

Zeit für einen Absacker. Den nehmen wir im Biergarten der Gaststätte Panorama. Ilona Hill (67) bewirtet hier seit 2000 ihre Gäste. Vor einem Jahr hat sie die Kneipe allerdings an ihren Lebensgefährtin übergeben. Dennoch ist sie regelmäßig da und hilft. Wie sie die Kneipenszene in Herdecke sieht, möchte ich von ihr wissen. „Es wird immer besser“, antwortet sie. Das mache sie an den neueröffneten Lokalen wie der Lieb-Bar oder dem Steakhaus fest. Klassische Bierschwemmen sind das nicht, aber sie sind eben Beispiele für den von Frank Gautzsch beschriebenen Umschwung in der Stadt.

Treffpunkt für Bergleute vieler Kleinzechen

Ende. Etwa 50 Gaststätten und Ausflugslokale vergangener Jahrzehnte zählt Brunhilde Conjaerts (89) in Ende auf. Im Branchen-Adressbuch der Südwestfälischen Handels- und Industriekammer sind für das Jahr 1950 immerhin 15 Lokale aufgelistet. Darunter die Ender Mühle, Haus Walkenhorst, Haus Brinkmann oder die Gaststätte „Zur alten Buche“. Letztere war Treffpunkt für die Bergleute vieler Kleinzechen.

Hier soll es der Legende nach auch einen „Mondschein-Club“ gegeben haben: „Seine Mitglieder waren angeblich so trinkfest, dass sie von einer Schicht zur nächsten standhaft und senkrecht an der Theke ausharren konnten“, erzählt Conjaerts.

Nur noch Speiselokale mit Thekenbetrieb

Im Zuge der zunehmenden Motorisierung suchten die Bürger die Ausflugslokale immer weniger auf.. Durch die aufblühenden Supermärkte sei die Gesellschaft zudem dazu übergegangen, das Bier kastenweise zu kaufen und „zuhause vor dem Fernseher zu verzehren“.

Heute gibt es in Ende ausschließlich Speiselokale, in denen Gäste Bier und Schnaps trinken können:: Sportlertreff, Kronen-Stube, Landhaus Hesse und Haus Huster.

Das sind die Kneipen in Herdecke und Ende im Jahr 1950

Honschoff, Westfälischer Hof, Zur Tonalle, Ratskeller, Bonsmanns Hof, Gaststätte, Bormann, Schützenhof, Gasthof Zillertal, Wirtschaft am Bahnhof, Gaststätte Dören, Gaststätte Brenner, Gaststätte Stratmann, Markaner, Gaststätte Fischer, Gaststätte Flaßhoff, Zum guten Tropfen, Gaststätte Hauschke, Gaststätte Hortmann, Gaststätte Rheinischer Hof (Tenne), Gaststätte Knierim, Gaststätte Krumm, Gaststätte Kühling, Zum Treppchen, Gaststätte Paschedag, Zur Krone, Bachforelle, Haus Pfingsten, Tanzlokal Rings, Ruhrschlösschen, Gaststätte am Freibad, Haus Wendland

Gaststätte Strohn (Ender Mühle), Haus Bergeshöh, Haus Becker, Bonnermann, haus Brinkmann, Gaststätte Overhoff, Zur Waldlust, Haus Fingerhut, Haus Huster, Gaststätte Kohl, Zur guten Quelle, Zur alten Buche, Schaub im Grünen, Spiekmann’s, Haus Walkenhorst, Zum scharfen Eck, Gasthof Schmidt-Bratzel

Das sind die Kneipen (und Gaststätten mit Thekenbetrieb) in Herdecke und Ende heute

Ruhrschlösschen, Dornröschen, The Shakespeare Pub, Gaststätte Panorama, Haus Pfingsten, Blue Jay, Bistro Sonne

Kronen-Stube, Landhaus Hesse, Haus Huster, Sportler-Treff, Haus Maise

Quelle: Stadtarchiv Hagen, Archivbilder-Reihe Herdecke von Michael Schenk und Hans-Alfred Voeste, Zeitzeugen

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