Soziales

Häusliche Gewalt: Politik in Herdecke will helfen

Der Weg ins Frauenhaus (unser Bild) kann ein Ausweg aus der häuslichen Gewalt sein. Oft aber  sind die Frauenhäuser belegt. Eine eigene Wohnung ist kaum bezahlbar, vor allem in Städten wie Herdecke

Der Weg ins Frauenhaus (unser Bild) kann ein Ausweg aus der häuslichen Gewalt sein. Oft aber sind die Frauenhäuser belegt. Eine eigene Wohnung ist kaum bezahlbar, vor allem in Städten wie Herdecke

Foto: Peter Steffen/dpa

Herdecke.  Der Bericht der Gleichstellungsbeauftragten schreckt die Mitglieder im Sozialausschuss in Herdecke auf. Die wollen dran bleiben am Thema.

22 Fälle häuslicher Gewalt hat es in Herdecke im vorigen Jahr gegeben. Es zeichnet sich bereits ab, dass es in diesem Jahr kaum weniger sein werden. Und: Die Dunkelziffer dürfte bei einem Vielfachen liegen. Das berichtete Evelyn Koch, Gleichstellungsbeauftragte bei der Stadt Herdecke, jetzt im Sozialausschuss.

Häusliche Gewalt hat viele Gesichter. Opfer sind immer wieder auch Migrantinnen und Menschen mit Behinderungen. Häusliche Gewalt ist keine Frage des Einkommens. „Sie spielt sich nicht nur am sozialen Rand und bei fremdländischem Hintergrund ab“, wollte Evelyn Koch mit einem weit verbreiteten Vorurteil aufräumen. Ihre jüngste Erfahrung vor Ort: „Es sind vermehrt Frauen über 60, die von häuslicher Gewalt betroffen sind.“

Mit etwas mehr als einer halben Stelle ist Evelyn Koch bei der Stadt Herdecke als Gleichstellungsbeauftragte tätig. Häusliche Gewalt und Gewalt gegen Frauen sind dabei längst nicht die einzige Aufgabe, aber eine, die sie immer wieder an ihre Grenzen führt. Viel mehr als eine Erstberatung kann sie nicht leisten, und doch tun sich vor ihr alle Problemfelder der betroffenen Frauen auf. Möglichst in der eigenen Stadt beraten werden möchten sie, weil sie von ihren Männern oft an der kurzen Leine gehalten werden, beim Geld wie bei der Abwesenheit von zuhause. Aber die Beratung in Herdecke ist sehr beschränkt. Frauenhäuser sind überlastet. Zuletzt hat Evelyn Koch eine Frau in Olpe unterbringen können. Näher an Herdecke war nichts zu haben. Und auf der Suche nach einer eigenen Wohnung bekommen auch Frauen, die der Gewalt durch den Partner entfliehen wollen, die Misere auf dem Wohnungsmarkt zu spüren. Koch: „Finden Sie mal hier in Herdecke eine bezahlbare Wohnung!“

Ein Thema aus der Tabu-Zone

Nicht nur Ausschussmitglied Elisabeth Wader zeigte sich „erschrocken“ über die aus ihrer Sicht „extreme Situation“ der betroffenen Frauen. Dass es in vielen Fällen gar nicht zu einer Anzeige kommt, fand Gundula Conjaerts besonders erschreckend. Ihr Frage war eigentlich eine Feststellung: „Wie viele Täter kommen so ungestraft davon?“

Schließlich wurde im Ausschuss der Wunsch deutlich, das Beratungsgebot in Herdecke zu verbessern. Womöglich sei ja eine Dependance der Beratung durch den Kreis denkbar. Was dort bisher geleistet wird, soll in einer der nächsten Sitzungen die Beraterin des Kreises vorstellen. Und vielleicht hat sie auch ein paar Tipps, wie man reagieren soll, wenn man von häuslicher Gewalt weiß. Diese Hoffnung hatte jedenfalls Sozialpolitiker Klaus Klostermann.

Gewalt gegen Frauen ist ein Tabuthema, Gewalt gegen Männer noch mehr, weil das Eingeständnis der Schwäche hier noch mal peinlicher ist, so die Gleichstellungsbeauftragte. Damit Wege aus der Gewaltspirale möglich sind, müssen die Auswege zunächst einmal bekannt sein. Evelyn Koch weiß, wie wichtig das ist, aber auch dass es funktioniert. Bald macht sie wieder eine Infoaktion auf dem Markt: „Danach stehen die Telefone wieder nicht still.“

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