Geschichte

60 Menschen erlagen in Herdecke 1866 der Cholera

Ansicht von Herdecke vom südlichen Ruhrufer aus, Aufnahme von 1865. Ein Jahr später grassierte die Cholera in dem Ort.

Ansicht von Herdecke vom südlichen Ruhrufer aus, Aufnahme von 1865. Ein Jahr später grassierte die Cholera in dem Ort.

Foto: Privat

Wetter/Herdecke.  Corona ist nicht die erste Krankheit, die Menschen bedrohte. Historiker Gerhard E. Sollbach hat sich mit der Cholera in Herdecke beschäftigt.

Seuchen gibt es, seit Menschen in Siedlungen wohnen. Auch Herdecke ist in der Vergangenheit immer wieder von Epidemien und Pandemien betroffen worden. 1619 und erneut 1636 wütete hier die Pest. 1866 wurde Herdecke dann von der damals in Deutschland ausgebrochenen Cholera-Epidemie heimgesucht. Bei der Cholera handelt es sich um eine bakterielle Infektionskrankheit vorwiegend des Dünndarms (Durchfallerkrankung), die vor allem durch verunreinigtes Trinkwasser ausgelöst wird. Den Erreger (vibrio cholerae) entdeckte schließlich 1883 der Begründer der Bakteriologie, Robert Koch.

Erste Cholerafälle hatte es in Herdecke aber bereits 1859 gegeben. Allerdings kam es damals hier noch nicht zu einer eigentlichen Epidemie. Die Ende September dieses Jahres aufgetretene und bereits Anfang Oktober wieder abgeklungene Krankheit befiel in diesem Zeitraum lediglich fünf Herdecker. Vier der Erkrankten starben, einer konnte sich wieder erholen.

Maßnahmen

Zu einem epidemischen Auftreten der Cholera, und zwar mit größter Heftigkeit, kam es in Herdecke dann jedoch im Sommer 1866. Wie schon sieben Jahre zuvor, versuchten die Ortsbehörde und die örtliche Gesundheitskommission auch dieses Mal, der Ausbreitung der Krankheit mit gesundheitspolizeilichen Maßnahmen entgegenzuwirken. Dabei stand an oberster Stelle, eine erhöhte Sauberkeit auf den Straßen und in den (Hinter-)Höfen zu schaffen. Unter anderem mussten daher ab sofort sämtliche Straßen und Gassen der Stadt von den Anwohnern alle zwei Tage gründlich gereinigt werden; alle (offenen) Abzugskanäle und Rinnen waren gründlich mit Wasser auszuspülen und die im Ort damals noch häufigen Mistgruben mit Chlorkalk abzudecken.

Den Metzgern beispielsweise wurde untersagt, ihre Schlachtabfälle wie bisher einfach in die Mistgruben zu werfen; vielmehr mussten diese unverzüglich vergraben werden. Doch sind die von der Ortsbehörde und der örtlichen Gesundheitskommission angeordneten strengen gesundheitspolizeilichen Maßnahmen nicht von allen Einwohnern und auch nicht mit der notwendigen Gründlichkeit durchgeführt worden. Daher sah sich der Bürgermeister genötigt, die Anordnungen noch mehrmals mit allem Nachdruck durch öffentliches Ausschellen in der Stadt bekanntzumachen. Außerdem wurde denjenigen, die diesen Anweisungen nicht zügig nachkommen sollten und ihre Mitmenschen dadurch in Gefahr brachten, eine Bestrafung mit der „ganzen Strenge“ des Gesetzes angedroht. Auch führte die örtliche Gesundheitskommission wiederholt strenge Kontrollen vor allem hinsichtlich der gründlichen Reinigung der Abzugskanäle, Düngegruben, Abtritte und ähnlicher Örtlichkeiten durch.

Schwestern und Hilfsdiakon

Eine wünschenswerte zentrale Krankenstation für die Cholerapatienten konnte trotz aller Bemühungen des Bürgermeisters in der Stadt aber nicht eingerichtet werden. Auf Grund der in Herdecke ständig herrschenden Wohnungsnot ließ sich dafür einfach kein geeignetes Gebäude finden. Die Erkrankten mussten daher zu Hause gepflegt werden, wofür der Bürgermeister gleich zu Beginn zwei Barmherzige Schwestern vom hl. Vincenz von Paul aus Salzkotten verpflichtete.

Als sich die Cholera in Herdecke rasend schnell immer weiter ausbreitete, vermochten diese beiden Personen aber nicht mehr alle Erkrankten auch nur einigermaßen zu versorgen. In dieser Notlage wandte sich der Bürgermeister Anfang Oktober telegrafisch an die Diakonissenanstalt in Kaiserswerth mit der Bitte um Übersendung von Pflegekräften. Doch dort war man wegen der ringsum herrschenden Choleraepidemie personell bereits derart in Anspruch genommen, dass einfach keine Pflegekräfte abgestellt werden konnten. Mehr Glück hatte der Bürgermeister dann mit seinem Hilferuf bei der Diakonieanstalt in Duisburg. Von dort erhielt er einen Hilfsdiakon zugesandt, der zuletzt Cholerakranke in Dortmund gepflegt hatte.

Ruhig bleiben

Bereits 1831, als eine neuerliche Cholera-Epidemie auch auf das Gebiet der preußischen Monarchie überzugreifen begann, war in Berlin eine Königliche Immediat-Kommission zur Abwehr der Cholera berufen worden. Diese ließ von ihren ärztlichen Mitgliedern zu Beginn des Jahres 1832 eine Zusammenstellung der wichtigsten Vorschriften zur Verhütung und Behandlung der Cholera erarbeiten, die als Plakat an alle Behörden gesandt wurde. Das vom Landratsamt in Hagen dem Herdecker Bürgermeister übersandte Exemplar mit dem Titel „Anleitung zur Verhütung und vorläufigen Behandlung der asiatischen Cholera“ traf hier am 19. März 1832 ein.

Da man damals aber noch nicht die eigentliche Ursache der Krankheit kannte, enthält die „Anweisung“ folglich manches für die Eindämmung der Cholera durchaus Hilfreiches, aber auch viel Spekulatives sowie gänzlich Irriges und hinsichtlich der Bekämpfung der Seuche völlig Nutzloses. So heißt es gleich zu Anfang: „Man schützt sich am sichersten vor der Cholera durch Mäßigkeit in allen Genüssen, durch Reinlichkeit, angemessene Kleidung, gesunde Nahrung, Bewegung in freier Luft, steter Beschäftigung, Verbannung aller übertriebener Furcht und ein ruhiges Gott ergebenes Gemüth.“

Zu den verschiedenen noch folgenden Ratschlägen gehören auch die Empfehlungen, die Leib- und Bettwäsche öfters zu wechseln und die Wohnräume regelmäßig zu lüften. Die zum Schluss folgende eindringliche Warnung, sich auf keinen Fall von übertriebener Furcht plagen zu lassen, weist auf den eigentlichen Zweck dieser „Anweisung“ hin: Sie sollte die Bevölkerung beruhigen und eine Panik verhindern. Das war bei dem damaligen medizinischen Kenntnisstand aber auch nicht anders zu erwarten.

Epidemie 1866

Die Cholera breitete sich auch in Herdecke weiter aus. Vom 5. September bis zum 19. Oktober 1866 grassierte sie in der Stadt. 172 Herdecker erkrankten in diesem Zeitraum an der Seuche. Das waren fünf Prozent der Gesamteinwohnerschaft. Von diesen 172 überstanden 109 die Krankheit; mindestens 60 erlagen ihr jedoch nach zumeist wenigen Tagen.

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