Gesundheitspolitik

Notfalls ambulante Versorgung durch Kliniken

Gespannt verfolgten die Zuhörerinnen und Zuhörer im Restaurant Ess Pri den Vortrag vn  Landesgesundheitsminister Karl-Josef Laumann.

Gespannt verfolgten die Zuhörerinnen und Zuhörer im Restaurant Ess Pri den Vortrag vn Landesgesundheitsminister Karl-Josef Laumann.

Foto: Reinhard Köster

Hemer.   NRW-Minister Karl-Josef Laumann hat in Deilinghofen die Lage im Gesundheitswesen analysiert und Maßnahmen zur Behebung der Mängel erläutert.

Die Zahl der Hausärzte in Hemer sinkt wie nahezu überall im ländlichen Raum. Noch aber hat die Versorgungskrise die Stadt nicht unmittelbar erreicht, angesichts einer alternden Ärzteschaft ist das absehbar, wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Was kann Politik tun? Landesgesundheitsminister Karl-Josef Laumann hat am Dienstag im Rahmen einer Informationsveranstaltung der CDU Hemer im Restaurant Ess-Pri in Deilinghofen Maßnahmen aufgelistet, von denen er und die Landesregierung annehmen und hoffen, dadurch das Gesundheitswesen für die Zukunft besser aufstellen zu können.

Laumann machte allerdings keinerlei Versuche, diese Zukunft geschweige denn die Gegenwart schön zu reden. Der Mangel an Hausärzten sei besorgniserregend, und sowohl von der Politik als auch den Universitäten zu verantworten. In NRW gehen 400 Hausärzte pro Jahr in Rente, nur 200 rücken nach, so Laumann. Es ärgere ihn maßlos, dass viele junge Menschen Medizin studieren wollen, dies aber nicht können, weil Studienplätze fehlen.

Mehr Ausbildung im Bereich der Allgemeinmedizin

Ein gesondertes Problem in der Ausbildung und der Versorgung sieht Karl-Josef Laumann darin, dass sich immer weniger Ärztinnen und Ärzte der Allgemeinmedizin verschreiben und diese Sparte auch an den Universitäten vernachlässigt werde. „Wir wollen, dass an jeder medizinischen Fakultät in Land eine G3-Professur für Allgemeinmedizin eingerichtet wird, das nötige Geld und die Stellen werden bereitgestellt“, kündigte Laumann an. Es dürfe nicht sein, dass die Allgemeinmedizin einen schlechteren Ruf habe, als andere Fachdisziplinen, denn sie stelle die Basis der Versorgung da, sagte der Minister. In Bielefeld werde eine ganz neue Fakultät mit 300 Studienplätzen geschaffen, die schwerpunktmäßig auf die Allgemeinmedizin ausgerichtet sei.

Wie aber können junge Ärzte dazu gebracht werden, als Hausarzt auf dem Land zu arbeiten und nicht in die Ballungszentren zu drängen? Zu diesem Zweck sollen 7,4 Prozent der Studienplätze an Bewerber vergeben werden, die sich verpflichten, später in unterversorgte Regionen zu gehen. „Ich bin sicher, dass es solche Leute gibt“, verteidigte Laumann diese umstrittene Strategie. Das Land werde die Praxiseröffnung oder Übernahme eines Landarztes mit bis zu 60 000 Euro fördern und durch Vereinbarungen mit den Kassenärztlichen Vereinigungen die Verdienstmöglichkeiten attraktiver machen.

Aber für den Fall, dass alle Bemühungen nichts fruchten, hat Karl-Josef Laumann einen Plan in der Schublade: „Wenn alle Stricke reißen, wäre ich Mann’s genug, die Krankenhäuser für eine ambulante Versorgung zu öffnen. Nicht überall, aber überall dort, wo es unerlässlich ist.“

Jedes Jahr werden 4000 neue Pflegekräfte benötigt

Eine zweite große Baustelle neben der hausärztlichen Versorgung sei der drohende Pflegenotstand. Die demografische Entwicklung sorge für einen Anstieg der Pflegebedürftigen im Land von jährlich zwei bis drei Prozent. Das bedeutet laut Karl-Josef Laumann: Jedes Jahr müssen 4000 neue Pflegekräfte eingestellt werden. Damit werde allerdings der jetzige Standard der Versorgung und Qualität nicht wie gewünscht verbessert, sondern lediglich gehalten. Außerdem sei völlig unklar, wo diese 4000 neuen Pflegekräfte herkommen sollen. Deshalb lautet ein Ziel des Ministers, die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte zu verbessern, damit mehr junge Menschen bereit sind, diese Arbeit über viele Jahre zu übernehmen. Dass Pflege 365 Tage im Jahr rund um die Uhr erledigt werden muss und deshalb mit regelmäßigen Nachtschichten und Wochenenddiensten verbunden sei, liege in der Natur der Sache. „Aber unsere Pflegerinnen und Pfleger müssen sich zumindest auf ihre Schichtpläne verlassen können, auch wenn mal eine Kollegin oder Kollege durch eigene Krankheit oder anderen Gründen ausfällt“, forderte Laumann. Und ebenso die flächendeckende Bezahlung nach dem geltenden Tarifen.

Auch den Stellenwert der Pflege innerhalb des Gesundheitssystems sähe der Minister gern verbessert: „Die Pflege muss da eine ganz normale Profession sein und nicht nur eine dienende Funktion gegenüber anderen Professionen haben.“ Für überfällig hält Karl-Josef Laumann einen eigenen Interessenverband für die Pflegekräfte, denn wenn über Belange der Pflege verhandelt und entschieden werde, sitze die Pflege nicht mit am Tisch. Laumann: „Wenn es eine Ärzte-Kammer gibt und eine Apotheker-Kammer, warum soll es nicht so etwas wie eine Pflege-Kammer geben.“

Wenn die Gesellschaft insbesondere der Pflege alter Menschen dauerhaft lösen wolle, sei dies aber nicht nur mit professionellen Kräften zu lösen. „Das geht nur unter Einbeziehung der Familien, der Nachbarschaften und ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer.“ Und da gab der Minister seinen Zuhörern noch eine Weisheit mit auf den Weg: „So lange es ihm noch gut geht, sollte jeder so leben, dass ihn am Ende noch jemand gut leiden mag, wenn es ihm schlecht geht.“

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