Drückerkolonne

Netcologne nach Haustürgeschäften mit Senioren in der Kritik

Unter den Heiligenhauser Kunden, die Internetverträge unterschrieben haben, waren auch mehrere Senioren.

Unter den Heiligenhauser Kunden, die Internetverträge unterschrieben haben, waren auch mehrere Senioren.

Foto: Bernhard Kreutzer/dpa

Heiligenhaus.   Netcologne hat in Heiligenhaus offenbar fragwürdige Internetverträge an der Haustür verkauft. Mehrere Senioren hatten sich im Nachgang beschwert.

Der Netzbetreiber Netcologne steht aufgrund von fragwürdigen Haustürgeschäften in Heiligenhaus in der Kritik. In mehreren Fällen sollen unter anderem unnütze Internetverträge an Senioren verkauft worden sein, in einem Fall offenbar auch an einen Mann mit Demenz. „Bei uns im Geschäft sind seit Februar mehrere gravierende Kundenbeschwerden eingegangen“, berichtet Thomas Tyroff, Geschäftsführer der Firma Thold-IT, die bislang mit Netcologne zusammengearbeitet hat. Nun hat Tyroff die Konsequenzen gezogen.

Die Heiligenhauser Firma Thold-IT ist seit rund zwei Jahren Vertragspartner des Netzbetreibers Netcologne, der das Glasfaserinternet in Heiligenhaus ausgebaut hat. Im Geschäft an der Hauptstraße hat man für Netcologne Internetverträge abgeschlossen und Kunden beraten. Die technische Infrastruktur von Netcologne lobt er zwar ausdrücklich. Aufgrund der jüngsten Vorfälle habe er aber nun den Partnervertrag mit Netcologne gekündigt, sagt Tyroff. „Viele Kunden machen uns für die Haustürgeschäfte in jüngster Zeit verantwortlich. Dabei haben wir damit nichts zu tun.“ Bei Tyroff, der in Heiligenhaus bekannt ist, hätten sogar schon Kunden an der Haustür geklingelt und ihn auf der Straße auf die Vorfälle angesprochen.

Demenzerkrankter unterschrieb einen Vertrag

In einem Fall, so schildert Thomas Tyroff und zeigt den entsprechenden Beschwerdebrief vor, habe ein Netcologne-Mitarbeiter einem älteren Herrn zuhause einen DSL-Internetvertrag verkauft, obwohl dieser weder Computer ein Smartphone besitzt. Ein weiterer, ähnlicher Fall sei bei einer älteren Dame vorgekommen. Netcologne teilt nun auf Anfrage mit, dass man nur Tarife mit Doppelflat anbiete, es also gar keine Telefonverträge ohne Internet im Portfolio gebe.

Tyroff berichtet weiter: „Auch ein an Demenz erkrankter Mann hat offenbar einen Vertrag unterschrieben.“ So berichtet es dessen Ehefrau, die bei der Unterzeichnung im Nebenraum gewesen und das Schriftstück erst am nächsten Tag gesehen haben will. Netcologne erklärt auf Anfrage, die Frau habe den Vertrag unterschrieben. Letztlich lässt sich der Sachverhalt nicht eindeutig klären.

In allen drei Fällen seien die Verträge noch innerhalb der 14-tägigen Widerrufsfrist von den Kunden storniert worden. In einem anderen Fall sei einem jungen Mann von einem Netcologne-Mitarbeiter offenbar suggeriert worden, er unterschreibe lediglich ein Angebot statt eines bindenden Vertrags. Noch drei weitere ähnlich gravierende Fälle habe es gegeben, so Tyroff.

Netcologne bestätigt auf WAZ-Anfrage, dass es in der Vergangenheit Haustürgespräche gegeben hat. „Aktuell sind einige Mitarbeiter auch in Heiligenhaus unterwegs und informieren die Anwohner über unser derzeitiges Aktionsangebot.“ Bei der Vertriebsaktion handele es sich um eine zusätzliche Werbemaßnahme.

Netcologne will Verträge nun kontrollieren

Die Mitarbeiter würden für diese Gespräche gleichermaßen intern geschult. „Sollte es bei einem Vertragsabschluss zu einem Fehler kommen oder es Missverständnisse bei einem Beratungsgespräch geben, können Kunden spätestens bis zwei Wochen nach erfolgtem Installationstermin Änderungen vornehmen lassen oder von diesem Vertrag zurücktreten.“

Aufgrund der WAZ-Anfrage wolle Netcologne die Verträge, die derzeit aus Heiligenhaus vorlägen, noch einmal gesondert prüfen.

Ladenlokal steht auf dem Prüfstand

Thold-IT dagegen wird so bald wie möglich keine Netcologne-Produkte mehr im Geschäft an der Hauptstraße anbieten. Tyroff: „Netcologne-Kunden würden wir dann an die Hotline verweisen.“ Für Kunden anderer Anbieter stehe man in IT-Fragen aber zur Verfügung. Bis Sommer wolle man zunächst schauen, ob sich dieses Geschäftsmodell im Ladenlokal rechne.

>> VERBRAUCHERZENTRALE RÄT ZUR VORSICHT

Die Verbraucherzentrale warnt davor, Verträge an der Haustür zu unterschreiben, wenn man unsicher über den Inhalt sei. „Wenn ein Vertriebler an der Tür klingelt, ist man als Kunde ja oft überrumpelt, weil man gar nicht damit rechnet“, erklärt Oliver Müller, Referent für Telekommunikation bei der Verbraucherzentrale NRW. In so einem Fall sei es besser, auf den Verkäufer gar nicht erst einzugehen oder ihn gar hereinzulassen

Hat ein Verkaufsgespräch stattgefunden, solle man einen Vertrag nur unterschreiben, wenn man sich absolut sicher sei. „Besser ist es, sich im Internet oder im Geschäft über alternative Angebote zu informieren und Preise zu vergleichen“, so Müller. Auch von den Argumenten oder dem Auftreten des Vertrieblers solle man sich nicht unter Druck setzen lassen.

Mindestens 14 Tage Widerrufsrecht

Wurde bereits ein Vertrag unterschrieben, habe der Kunde in der Regel mindestens 14 Tage Widerrufsrecht, das ab der Belehrung über eben jenes Widerrufsrecht gelte. Wolle er den Vertrag widerrufen, sollte dies auf mehreren Wegen erfolgen: Und zwar per Einschreiben und zusätzlich per E-Mail mit allen nötigen Angaben. Müller: „Wurde der Kunde nicht über sein Widerrufsrecht belehrt, kann man sogar grundsätzlich bis zu zwölf Monate und 14 Tage später noch den Vertrag widerrufen.“

Grundsätzlich müsse das Unternehmen beweisen, dass eine solche Belehrung erfolgt ist. In jedem Fall seien Zeugen, die beim Gespräch dabei waren, hilfreich. Generell müsse man jeden Fall für sich betrachten. Bei Fragen hilft die Verbraucherzentrale in Velbert, Friedrichstraße 107, unter 02051/ 80 90 181.

  • In einer vorherigen Version des Textes stand, dass der Senior mit Demenz den Vertrag unterzeichnet hat. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass hier Aussage gegen Aussage steht und sich der Sachverhalt nicht hundertprozentig beweisen lässt.

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