Kommunalpolitik

Interview: Wie es ist, Bürgermeister in Heiligenhaus zu sein

Drei von ihnen war, einer von ihnen ist Bürgermeister von Heiligenhaus: Helga Schniewind, Peter Ihle, Jan Heinisch und Michael Beck.

Drei von ihnen war, einer von ihnen ist Bürgermeister von Heiligenhaus: Helga Schniewind, Peter Ihle, Jan Heinisch und Michael Beck.

Foto: Alexandra Roth / FUNKE Foto Services

In einer Woche startet der neue Rat. Dem vor steht immer der Bürgermeister. In Heiligenhaus gibt es aktuell vier, die wissen, wie das Amt so ist.

Das höchste Amt der Stadt zu bekleiden, wie fühlt sich das eigentlich an? Vier Heiligenhauser haben darauf eine Antwort, denn sie alle waren oder sind noch aktuell Bürgermeister der Stadt. Und das zu ganz unterschiedlichen Zeiten mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Bevor der neugewählte Rat der Stadt zusammen kommt, sprach WAZ-Redakteurin Katrin Schmidt mit Helga Schniewind (94, FDP), Peter Ihle (84, CDU), Jan Heinisch (44, CDU) und Michael Beck (51, CDU).

Was bedeutet es, Bürgermeister in Heiligenhaus zu sein?

Michael Beck:

Es ist für mich eine große Ehre, diese Position inne haben zu dürfen. Aber es gibt ganze viele Dinge, die dieses Amt auch schwer machen: Wir sprechen derzeit von Quarantäne, von Kita-Schließungen, wir erleben gerade eine ganz besondere Zeit mit Corona. Wir müssen Dinge stemmen, die man nie gedacht hätte stemmen zu müssen, da müssen viele Räder ineinander greifen. Ich bin sehr glücklich, dass die Mitarbeiter der Stadt alle mitziehen. Die Pandemie, sollte sie etwas Gutes gehabt haben, hat zu einem verstärkten Wir-Gefühl beigetragen. Man sitzt dann auch am Wochenende mal zusammen, und das ist nicht selbstverständlich.

Jan Heinisch: In meine Zeit fiel die Weltwirtschaftskrise. Ich werde nie vergessen, wie ich in meinem Büro noch im Neubau saß und auf die Gießerei Hitzbleck schauen konnte – und plötzlich waren die Schlote aus. Das war schon ein sehr mulmiges Gefühl. Es waren mehr die finanziellen Dinge und die hiesige Industrie, die meine Amtszeit prägten. Wir hatten einen Produktions-Lockdown, und sahen zu, wie der Handel zusammenbrach. Es gab viele sorgenvolle Blicke: Wo führt das hin? Da fing das Bangen an, denn irgendwo muss das Geld ja herkommen. Eine nächste Herausforderung war dann die Flüchtlingskrise und die Errichtung der Landesnotunterkunft am Sportfeld. Die Entwicklung lag kaum in eigenem Ermessen, da konnte man nur gespannt die Luft anhalten.

Beck: Man wusste ja auch nicht, wie lange geht das noch gut? Zu der Zeit war ich ja noch Kämmerer. Die wirtschaftliche Lage war so deutlich im Minus, das hat uns fast Kopf und Kragen gekostet.

Helga Schniewind:

Wenn ich das höre, muss ich sagen, bei mir war es noch die gute, alte Zeit. Ich war ja auch nur ehrenamtliche Bürgermeisterin, mein Vorgänger war 15 Jahre lang im Amt, und der wollte das nach meiner Wahl immer noch. Es hat Wochen gebraucht, bis er seinen Schreibtisch geräumt hat. Ich erinnere mich noch an meine Wahl in der Aula, was hat er da für einen Aufstand gemacht, da brauchte man schon ein dickes Fell. Am Ende hatte ich genau eine Stimme mehr, und das war meine eigene (lacht). Ich bin überzeugt, wenn man für ein Amt kandidiert, dann muss man sich auch selber wählen, weil man ja dahinter stehen sollte. Da es ja den Stadtdirektor zu meiner Zeit noch gab, waren meine Aufgaben eher repräsentative Geschichten, wie zu den Taubenzüchtern und Vereinen zu gehen. Der Stadtdirektor Klein wusste, wo es langgeht, durch die Verwaltung hatte er natürlich auch immer einen Informationsvorsprung.

Peter Ihle:

Ich würde heute nicht mehr Bürgermeister sein wollen. Was die beiden (schaut Beck und Heinisch an) gemacht haben, ist schon stark. Wäre das Defizit 20 bis 30 Millionen damals mehr gewesen, wäre es für die Stadt sehr schwer geworden. Ich habe als ehrenamtlicher Bürgermeister angefangen, das war auch mit viel Vereinsmeierei verbunden. Die sollten mich ja auch alle wählen (lacht). Noch heute bin ich in 13 Vereinen Mitglied, es waren mal 23. Herausfordernd war dann die erste Amtszeit als hauptamtlicher Bürgermeister. Wir haben die Kameralistik damals abgeschafft, einige Dezernenten gingen weg, das war schon alles nicht so einfach. Dr. May war bis dahin Stadtdirektor. Mein größter Erfolg war jedoch, so will ich betonen, die Öffnung der Divi-Spange (Bogen bei Real, Anmerkung der Redaktion).

Wie wichtig sind denn Kontakte, wenn man Bürgermeister werden will?

Beck: Das Reden mit den Menschen ist schon sehr wichtig, ich finde auch, dass das Gesprochene viel wichtiger als das Geschriebene ist. Einige sind davon überrascht, wenn ich um persönliche Gespräche bitte, aber ich finde, wenn man sich in die Augen schauen kann, kann man vieles klären, was schriftlich schwieriger

wäre. Gute Kontakte haben immer nur denen geschadet, die keine haben (lacht).

http://Heimat_wird_für_den_Heiligenhauser_Heinisch_immer_Thema_sein{esc#211934967}[news]Heinisch: Es ist ja nicht so, dass es bei einem Bürgermeister ein offizielles Buch mit allen Ansprechpartnern gibt, die wichtig für die Stadt sind. Man ist neu, die Kontakte sind neu – und manchmal ist auch Wissen weg, was sehr schade ist. Am Anfang hat es schon sehr viel Mühe gekostet, Kontakte zu pflegen. Ich war erst 28 Jahre alt, noch nicht lange im Rat und bin auch wegen meines jungen Alters von anderen Parteien im Wahlkampf sehr angegangen worden. Nachdem ich dann nach der Wahl offiziell der jüngste Bürgermeister NRWs war und das Fernsehen mich interviewte, fanden es alle plötzlich ganz toll. Aber es gab natürlich auch Führungskräfte in der Verwaltung, die einen wie einen Azubi sahen. Da war das Misstrauen und die Unsicherheit am Anfang schon da, auf beiden Seiten.

Beck: Man muss als Bürgermeister lernen, ein dickes Fell zu haben. Und es ist gut, wenn das Verständnis sowohl für die Parteien als auch für die Verwaltung vorhanden ist.

Ihle:

Ich muss ja ehrlich sagen, als ich angefangen hatte, hatte ich von Verwaltung keine Ahnung. Wenn man zum Amt musste, war man drei Tage vorher schon nervös. Und ja, ich dachte auch: Die Leute sind doch alle faul – aber dann habe ich gesehen, was sie alles gemacht haben. Da war ich schon beeindruckt.

Beck: Man muss ganz klar sagen: Bürgermeister sein, das ist kein Job. Da muss man wirklich mit Herzblut dabei sein und sich verantwortlich fühlen. Die Sitten sind verroht, da muss man lieben, was man tut.

http://Zwei_Altbürgermeister_erzählen_bewegende_Geschichten{esc#215492083}[news]Schniewind: Bei uns gab es noch einen ganz anderen Stil. Da waren wir schon geschockt, als die Grünen das erste Mal in den Rat einzogen. Ich weiß noch, als Berninghaus später den angemessenen Ton im Rat einforderte und auch einen vernünftigen Kleidungsstil. Es war ein ganz gutes Arbeiten ansonsten möglich, ich habe mich damals sehr um die Städtepartnerschaften bemüht und war auch oft in Meaux und Mansfield. Und hatte damals das Gefühl: Es ist egal, was man sagt, die Leute haben einfach geklatscht. Ich weiß nicht, können Sie sich noch erinnern an unsere Zeit? (zu Peter Ihle)

Ihle: Liebe Frau Schniewind, ich muss an der Stelle mal betonen: Ohne MEINE Stimme wären Sie gar nichts geworden (lacht)! Nein, wir hatten einen anderen Umgangston, und generell ein gutes Auskommen. Es war doch eher friedlich. Und ich werde heute auch noch immer viel erkannt von den Menschen. Und mische mich hier und da noch gerne ein. Übrigens möchte ich auch, dass das Schwimmbad bleibt. Da sollen sich mal alle vertragen und an einem Strang ziehen, damit was Gescheites bei rum kommt.

http://Viele_Bürgermeister_waren_in_Heiligenhaus_im_Einsatz{esc#216077339}[news]Was waren die Höhepunkte Ihrer Amtszeit, an was denken die vier gerne, an was nicht so gerne zurück? Teil zwei des Interviews folgt in den nächsten Tagen. Hier lesen Sie weitere Nachrichten aus Heiligenhaus.

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