Serie

Heiligenhauser Thomas Pischke will mehr Farbe in der Stadt

Thomas Pischke will anecken mit seiner Kunst und Leute aufrütteln. Er setzt sich in Heiligenhaus für die Jugend ein.

Thomas Pischke will anecken mit seiner Kunst und Leute aufrütteln. Er setzt sich in Heiligenhaus für die Jugend ein.

Foto: Alexandra Roth

„Heiligenhaus aus der Sicht von“ heißt unsere Serie. Der Künstler mit Herz für den Nonnenbruch sieht sich als Streiter für Kunst und Jugendkultur

Der Künstler Thomas Pischke mag die Punk-Attitüde, aber nicht den Punkrock; lieber hört er Jazz, Reggae und Sprechgesang. „Ich will mit meiner Kunst anecken“, sagt er, „die Leute aufrütteln“. Er sieht sich als Streiter für die bildenden Kunst in Heiligenhaus, aber auch für die Jugendkultur. Die Stadt, so empfindet der 42-Jährige es, bremse jedoch die örtliche Szene oft aus.

Aufgewachsen ist er im Nonnenbruch, doch als Jugendlicher hatte er seinen Freundeskreis in Düsseldorf, wo er später auch studierte. Der Grafiker und Kommunikationsdesigner kommt aus der Sprayer-Szene. Zuwider seien ihm abgehobene Künstler mit Bonzenschlitten und Koksnase. Auf seine Heimat habe er sich auch wegen ihrer bodenständigen, kreativen Kunstszene zurückbesonnen, und gerne lässt er sich durch Heiligenhaus inspirieren. So hat er mit der Gruppe Kunstquadrat Heljens zur Kulturhauptstadt 2010 als kulturreiches Zweistromland zwischen Angerbach und Vogelsangbach präsentiert – mit bewusstem Verweis auf Mesopotamien.

Erfolgreich bei der Kommunalwahl angetreten

Kunst, Bildung und Jugendkultur sind für Pischke miteinander verwoben und politisch. Deshalb kandidierte er als Parteiloser bei der Kommunalwahl 2009 und arbeitet derzeit für die Grünen im Kultur- sowie im Jugendhilfeausschuss mit. Er hat sich von diesem Engagement versprochen, dass er helfen könne, das bestmögliche Kulturprogramm zu verwirklichen. Inzwischen ist er aber ernüchtert.

„Es gibt nur Folk, Folk, Folk“, und das Kulturbüro sei nicht davon abzubringen. „Man gibt den Leuten nur noch Kartoffeln zu fressen und behauptet dann einfach, sie wollten nur noch Kartoffeln haben“, ärgert er sich. Doch die Verwaltung müsse allen Bürgern gerecht werden und für alle gute Kulturangebote machen. „Es ist super, wenn sich das Kulturbüro mit Folk etabliert hat“, räumt er ein, und auch Auftritte von Fricklesome Amsel und Claymore seien toll, „aber das ist sehr viel Nostalgie.“ Daher wünscht er sich für das Stadtfest ein neues Konzept.

Immer nur Folk sei zuviel

Er wollte, dass der Freitag für die Jugendlichen da ist, dass eine Hiphop-Band auftritt, ein DJ oder ein Youtube-Star. Ein Kindertheater war ein weiterer Vorschlag. Der Kulturausschuss wollte ebenfalls ein jüngeres Programm und beauftragte die Stadt, dies umzusetzen. „Jetzt haben wir einen Bergmannschor und Schlager“, sagt Pischke; der Auftrag sei verfehlt.

Allerdings bescheinigt Pischke Heiligenhaus viel künstlerisches Potenzial, es habe Laien auf gutem VHS-Niveau bis hin zu erfolgreichen Profis wie Mathias Lanfer, Yoshio Yoshida oder Nils Hamm. Wenn jedoch kreisweite Veranstaltungen stattfinden, etwa die Tatorte, beteiligen sich immer weniger Künstler. Ein Grund sei, mutmaßt er, dass ein Ort für bildende Kunst fehlt. „Wir haben keine Galerie.“ Nicht zuletzt deshalb hätten sich schon viele Künstler nach Düsseldorf oder Hösel umorientiert, wo es „hochprofessionelle Kunst“ gibt.

Sozial gerechter und bunter werden

Zwar gibt es hier das Alte Pastorat. Das baufällige Haus wirke aber, als hätten Studenten es besetzt, nicht wie eine Galerie und Kunstwerkstatt. „Für das Pastorat gibt es kein Budget.“ In Eigenregie habe das Kunstquadrat die Wände gestrichen und Räume gestaltet. Zwar ist Pischke dankbar, dass die Stadt die Gruppe gewähren lässt. „Wir wissen aber nicht, ob wir in einem halben Jahr noch hier sind.“ Das Gebäude soll abgerissen werden; so ließe sich kein Landesfördergeld für Projekte beantragen.

Wenngleich die Tage des Pastorats gezählt sind, eine finstere Zukunft sieht Pischke für die hiesige Szene nicht, insbesondere weil die Heiligenhauser viele Kulturangebote sehr zu schätzen wüssten. „Wir wollen selber was machen, und können uns nicht nur auf Verwaltung und Mäzene verlassen.“ Dennoch fehlten Stadt und Politik der Wille, etwas Neues zu wagen und auch Jugendlichen mehr Freiräume zu gestattet. Dass man in einer konservativen Kleinstadt an altbewährtem festhalten wolle, sei verständlich. Die Leute kämen ja gerne zu Bernd Stelter oder Ross Anthony, „aber Heiligenhaus bietet seit Jahren dasselbe – und irgendwann reicht das nicht mehr.“

Daher appelliert Thomas Pischke an Stadt, Politik, Künstler und Jugend: „Mehr Mut! Wir müssen mehr Buntes, mehr Farbe in die Stadt bringen.“

>>> AUSSTELLUNG BEIM STADTFEST

  • Das Kunstquadrat lädt im Rahmen des Stadtfests zu einer weiteren, letzten Ausstellung am Samstag und Sonntag ins Alte Pastorat ein. Einige Künstler werden hier von 10 bis 19 Uhr ihre Werke präsentieren, innen und außen. Ein Besuch lohnt sich!
  • Dass es kein jüngeres Programm auf dem Stadtfest gibt, hat die Verwaltung teils mit Desinteresse des Jugendrats begründet – die Mitglieder wehren sich gegen diesen Eindruck. Sie beteiligen sich mit einem Stand und einer Fußballwand am Fest und seien mit dem Bühnenprogramm zufrieden. Ein anderes Programm lässt sich ohnehin erst für 2019 oder 2020 erreichen, weil Auftritte lange im Voraus gebucht werden.
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