Pflege

Heiligenhauser Pflegeheime treten Fachkräftemangel entgegen

Die Wohlfahrtsverbände im Ruhrgebiet befürchten eine Pflege-Katastrophe. In Heiligenhaus ist die Lage zwar noch nicht so dramatisch – doch auch die hiesigen Pflegeeinrichtungen sehen Handlungsbedarf.

Die Wohlfahrtsverbände im Ruhrgebiet befürchten eine Pflege-Katastrophe. In Heiligenhaus ist die Lage zwar noch nicht so dramatisch – doch auch die hiesigen Pflegeeinrichtungen sehen Handlungsbedarf.

Foto: Oliver Berg / dpa

Heiligenhaus.  Für die Träger wird die Personalsuche schwieriger. Sie fordern die Politik zum Handeln auf, und Pfleger sollen helfen, das Image zu verbessern.

Die Pflegebranche kämpft auch in Heiligenhaus gegen den Fachkräftemangel. Während die Wohlfahrtsverbände im Ruhrgebiet eine Pflege-Katastrophe befürchten, sind die drei hiesigen Pflegeeinrichtungen aber noch gut aufgestellt. Handlungsbedarf sehen aber auch ihre Träger Diakonie, Caritasverband und die Domizil Wohlfühlen GmbH. Sie appellieren an die Politik, die Situation zu verbessern – aber auch andere seien in der Pflicht.

Eine große Herausforderung seien etwa der Personalschlüssel und das vorgeschriebene Verhältnis von examiniertem Pflegepersonal und Hilfspersonal (je 50 Prozent), sagt Roland Spazier vom Caritasverband, der das Seniorenheim St. Josef betreibt. „Examinierte Pfleger sind gar nicht mehr zu kriegen, es ist schlichtweg niemand mehr da.“

Mitarbeiter sind an der Belastungsgrenze

Aufgrund des Fachkräfteschlüssels dürfe man nicht einfach Pfleger einstellen, um die Mitarbeiter zu entlasten. Doch diese sind laut Spazier bereits am Limit. Zumal Senioren immer später ins Heim kämen, teils schwer krank oder dement, und sie lebten dort durchschnittlich nur noch ein Jahr – manche Bewohner nur wenige Wochen. Das Ganze nicht zuletzt, weil die ambulante Pflege gestärkt wurde. Wegen gestiegener Qualitätsanforderungen, überbordender Bürokratie und massiv angezogener Prüfkriterien des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherungen (MDK) sei in Einrichtungen bald ein Punkt erreicht, „an dem wir das alles nicht mehr leisten können“.

Die hohe Arbeitslast der Pfleger kennt auch Gerhard Schönberg, kaufmännischer Vorstand der Diakonie Niederberg. Vor allem Dokumentationspflicht und Bürokratie würden einen zu großen Anteil ausmachen. „Die Pflegekräfte dokumentieren genaustens alles, was sie machen“, so Schönberg weiter, „das ist die einzige Versicherung, damit sie nicht haftbar sind“. Denn selbst bei angeblichen Fehlern seien die Einrichtungen in der Beweispflicht. „Das bedeutet eine große Verantwortung, gerade für die examinierten Kräfte.“

Mit Geld allein lassen sich die Probleme nicht lösen

Keine Pflegekraft habe ihren Beruf wegen der Bürokratie gewählt. „Man braucht viel mehr als Fachwissen“, so Schönberg, „man braucht Empathie und eine große Liebe zu den Menschen und muss dabei großen Druck aushalten.“ Das bestätigt auch Stefanie Schlimme, Sprecherin der Domizil Wohlfühlen GmbH: „Altenpflege ist psychisch und psychologisch ein sehr anstrengender Beruf.“ Während es schon zahlreiche Vorstöße gibt, den Einsatz von Muskelkraft zu verringern – etwa durch Exoskelette, die beim Heben helfen –, fordern alle drei Träger von der Politik, den Stellenschlüssel an tatsächliche Begebenheiten anzupassen und die Pflegedokumentation zu entbürokratisieren.

Zwar will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn 13.000 Stellen finanzieren, doch dafür fehlen die Pfleger. „Mit Geld alleine lassen sich die Probleme nicht lösen“, betonen Schönberg und Spazier. Gezahlt werde ohnehin meist der Tariflohn, vergleichbar mit dem von ausgebildeten Krankenschwestern und Facharbeitern. Schwerwiegender sei das Imageproblem, findet Stefanie Schlimme: „Pflegekräfte haben, anders als eine Krankenschwester, mit vielen Vorurteilen zu kämpfen.“ Dazu zähle etwa, ergänzt Schönberg, dass in Pflegeheimen die Bewohner nichts zählten und nur dahinvegetierten. „Es gibt schwarze Schafe“, sagt er, „aber Kontrolle ist der beste Schutz.“

Mehr Angehörige werden selbst pflegen müssen

Um das Image zu verbessern, appellieren die drei Träger auch an Pflegekräfte, die positiven Aspekte ihres Berufs herauszustellen. „Es gibt sehr viel Schönes und Positives. Und man kriegt sehr viel zurück“, sagt Schönberg. „Wenn sich die Situation weiter so entwickelt, droht das Chaos“, mahnt Roland Spazier. Doch soweit sei es noch nicht, ergänzt Gerhard Schönberg. Man bekomme noch gutes Personal, nur dauere es viel länger als früher, Stellen zu besetzen. Sollte sich nichts verbessern, sieht er jedoch eine Konsequenz, die auch die Heiligenhauser spüren werden: „Immer mehr Angehörige werden selbst pflegen müssen – oder die Intensität der Pflege geht zurück.“

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