Geschichte

Heiligenhauser Forscher finden fliegende Berühmtheit

Die Hobby-Archäologen Jürgen Stecher (links) und Dr. Helmut Grau (rechts) haben gemeinsam mit Sven Polkläser ein Buch über die Moonlight Mermaid geschrieben. Auf der Rückseite des Buches ist das Flugzeug zu sehen.

Die Hobby-Archäologen Jürgen Stecher (links) und Dr. Helmut Grau (rechts) haben gemeinsam mit Sven Polkläser ein Buch über die Moonlight Mermaid geschrieben. Auf der Rückseite des Buches ist das Flugzeug zu sehen.

Foto: Alexandra Roth / FUNKE Foto Services

Heiligenhaus.  Heiligenhauser Hobby-Archäologen fanden einen Bomber aus dem Zweiten Weltkrieg. Nun haben sie ein Buch über die Moonlight Mermaid geschrieben.

Es ist ein seltsamer Anblick. Mehrere Menschen stehen auf einer grünen Wiese, einer von ihnen kniet und scheint etwas am Boden zu suchen. Direkt hinter ihm stehen vier Galloway-Rinder und beäugen die Situation. Aufgenommen wurde das Foto Ende 2017. Es zeigt die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Amtes für Bodendenkmalpflege bei der Arbeit. Doch wonach suchen sie?

Die Ehrenamtler halten auf dem Foto Ausschau nach winzig kleinen Metallteilen – oft nicht größer als eine Untertasse. Im Boden vermuteten sie nämlich eine Boeing B-17 Flying Fortress. Die „fliegende Festung“ war der bekannteste Bomber der US-Luftstreitkräfte im Zweiten Weltkrieg. Und einer davon soll im November 1944 genau dort, auf einer Wiese im Erkrather Stinderbachtal, abgestürzt sein.

Detektor schlug an mehreren Stellen aus

An mehreren Stellen schlug der Detektor von Helmut Grau aus. Den Spaten setzte damals Amateurfunker Jürgen Stecher an. „Das war sehr spannend. Man hebt einen Erdklumpen aus, dreht ihn um und sieht zunächst gar nichts“, erinnert sich der Geschichtsinteressierte, für den es die erste Prospektion war. „Anfangs haben wir nur kleine Blechteile gefunden und dann kam die erste Instrumentenscheibe“, sagt Jürgen Stecher.

Und bei einer ist es nicht geblieben. Auf der Wiese lag ein ganzer Fundschleier verstreut. 300 Teile haben die beiden Heiligenhauser ausgegraben. „Man wartet nur auf das erste Teil mit einer Baugruppennummer“, sagt Helmut Grau. Es kam und die Nummer darauf begann mit einer 57. Damit konnte es keine Flying Fortress sein. Denn die Ziffer 57 ist ein Alleinstellungsmerkmal für Bauteile einer Handley Page 57 Halifax, wie der Name des Flugzeugs bereits verrät. Ein britischer Bomber, der während des Krieges von Soldaten aus allen Commonwealth-Staaten (ehemaligen britischen Kolonien) geflogen wurde.

Die letzten Puzzleteile auf dem Friedhof

„Sobald der Typ klar ist, fängt die Heimarbeit an“, sagt Grau. Dann, wenn die Grasnarben auf der Wiede längst wieder angewachsen sind, wälzt der Ehrenamtler Teilekataloge. Seine Kollegen Sven Polkäser und Jürgen Stecher machten sich ebenfalls ans Werk. Von tausenden Halifax-Bombern blieben nach langen Recherchen sieben übrig, die in Frage kommen könnten.

Die letzten Puzzleteile fanden die Forscher auf dem Friedhof. Im Sterbebuch des Erkrather Kommunalfriedhofs war die Rede von drei namenlosen englischen Fliegern, die am 17. März 1945 dort beerdigt wurden. Namenlos, das klingt nach mehr Rechercheaufwand für die Heiligenhauser. Doch die Arbeit wurde ihnen bereits kurz nach dem Krieg abgenommen.

Die kunstvolle Meerjungfrau

Am 21. November 1947 wurden die vermeintlichen Engländer auf den Reichswald Soldatenfriedhof in Kleve überführt und in diesem Zuge auch identifiziert. Drei schneeweiße Grabsteine zeigen heute ihre Namen: Stewart Millen Bonter (Pilot), Sergeant Douglas Colquhoun (Flugingenieur) und Petty Officer Darwin Cameron Lawton (Mittlerer Turmschütze). Sie alle waren Teil der siebenköpfigen Crew einer Halifax der Royal Canadian Air Force.

Aufgrund des Kunstwerks an der Flugzeugnase wurde der Bomber „Moonlight Mermaid“, Mondlicht Meerjungfrau, genannt. Um die freizügige Dame, die sich auf einer Mondsichel räkelt, sind Sterne aufgemalt. Jeder Stern stand für einen erfolgreichen Einsatz – bei 82 ist Schluss.

Bomber überlebte lange

„Während des 83. Einsatzes ist die Moonlight Mermaid durch „Friendly Fire“, also versehentlichen Beschuss aus den eigenen Reihen, abgestürzt. Das ist erstaunlich für einen Bomber. Nur ganz wenige haben es überhaupt auf über 100 Einsätze gebracht“, erklärt Helmut Grau. Die lange Überlebensdauer des kanadischen Bombers hat ihn zu einer Berühmtheit in seiner Heimat gemacht.

„Uns interessieren vor allen Dingen die menschlichen Geschichten hinter den Funden“, sagt Helmut Grau und fügt hinzu, „glücklicherweise haben die Menschen im Commonwealth eine ganz andere Erinnerungskultur.“

Pilot war erst 26 Jahre alt

Schnell wurden die drei Heiligenhauser Ehrenamtler fündig und „haben einen ganzen Wust an Informationen zugeschickt bekommen.“ Militärische Akten, Testamente, aber auch ganz persönliche Briefe der Soldaten landeten bei Grau und seinen Mitstreitern. „Den emotionalsten hat Bonter geschrieben.“

Der 26-jährige Pilot der Halifax schrieb an seine Familie: „...wenn ihr diesen Brief erhaltet, werdet ihr die Nachricht schon gehört haben.“ Mit diesen Zeilen beginnt der letzte Brief, den der junge Kanadier jemals verfasst hat. Den Lesern gewährt er dabei tiefe Eindrücke in seine Gedankenwelt. „Ich habe niemals gelernt, den Feind zu hassen. Ich kann im Krieg nichts Glorreiches sehen“, schrieb Stewart Millen Bonter weiter. „Die Soldaten standen massiv unter Druck. Jeder Feindflug war eine enorme psychische Belastung“, erklärt Helmut Grau.

Buch rekonstruiert die Geschehnisse

Nicht nur in die Geschichte von Stewart Millen Bonter haben die Heiligenhauser Einblicke bekommen. Auch das Leben der anderen Besatzungsmitglieder konnten sie aufdecken. Wer mehr darüber erfahren möchte, kann das auf rund 160 Seiten und im heimischen Sessel tun. Denn Sven Polkläser, Helmut Grau und Jürgen Stecher haben ein Buch über die Moonlight Mermaid geschrieben.

Darin schildern sie die Zeit vom ersten Piepsen des Detektors bis hin zur Lösung des Rätsels. Haarklein haben die ehrenamtlichen Bodendenkmalpfleger den letzten Flug der Meerjungfrau zu einem Bombeneinsatz über Hagen rekonstruiert. Aber auch die Überbelastung der Flieger und die Ausbildung der jungen Menschen werden thematisiert. Das Buch „Das Schicksal des Halifax Bombers »Moonlight Mermaid«. Der Flugzeugabsturz bei Erkrath im Zweiten Weltkrieg“ ist für 15,99 Euro im Books on Demand Verlag erhältlich.

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