Wirtschaft

Heiligenhauser Firma Lüttgens verlagert Fertigung nach Polen

Das Heiligenhauser Unternehmen Lüttgens verlagert einen Teil seiner Produktion nach Polen aus.

Das Heiligenhauser Unternehmen Lüttgens verlagert einen Teil seiner Produktion nach Polen aus.

Foto: Holger Lüttgens

Heiligenhaus.  Das Heiligenhauser Traditionsunternehmen Lüttgens lagert einen Teil seiner Produktion nach Polen aus. Das hat für die Mitarbeiter Konsequenzen.

Der Kunststoffverarbeiter Lüttgens wird Ende Mai kommenden Jahres seine gesamte Produktion in das Zweigwerk in den polnischen Masuren verlagern. Für einen Teil der Beschäftigten im Gewerbegebiet an den Hasselbecker Straße hat das weitreichende Konsequenzen.

Leicht hat sich die Unternehmensleitung die Entscheidung nicht gemacht. „Für mich war klar, dass die strukturelle Krise für das produzierende Gewerbe nicht durch Kurzarbeit oder einzelnen Stellenabbau aufgefangen werden kann“, sagte Geschäftsführer Holger Lüttgens der WAZ. „Wir hatten lediglich die Wahl zwischen einer schlechten oder einer ganz schlechten Entscheidung.“

Unternehmen leidet unter schrumpfenden Märkte

Als Zuliefer von Kunststoffteilen für die Elektro- und Elektronikindustrie, den Maschinenbau und den Automobilzweig leide auch Lüttgens unter den schrumpfenden Märkten. „Die Zerrissenheit im globalen Welthandel, die aktuelle Vollbremsung der Automobilhersteller und die Unentschlossenheit der Politik in der Einordnung und Förderung neuer Technologien“ hätten in diesem Jahr zu weiteren Absatzrückgängen von zehn bis 15 Prozent geführt. „Um das Unternehmen sicher in die Zukunft zu führen und wettbewerbsbeständig zu bleiben, müssen wir den Weg der strukturellen Veränderung einschlagen“, bedauert Holger Lüttgens.

Verständnis für den Entschluss des seit 1957 in Heiligenhaus ansässigen Betriebes, einen Teil des deutschen Standortes zu schließen, zeigt der Heiligenhauser Wirtschaftsförderer Peter Parnow, obwohl das Vorhaben aus wirtschaftlicher Sicht bedauerlich sei. „Wenn man sich die Entwicklungen anschaut, vor allem in der Automobilbranche, erkennt man einen Trend, von dem eben auch die gesamte Zulieferindustrie betroffen ist. Insofern ist das nachvollziehbar, wenngleich mich die Nachricht dann doch sehr überrascht hat.“

68 Mitarbeiter verlieren ihren Arbeitsplatz

68 Mitarbeiter in der Produktion werden Ende Mai ihren Arbeitsplatz verlieren, bis dahin aber läuft der Betrieb wie gewohnt weiter. Das teilte das Traditionsunternehmen mit. Der Bereich Entwicklung, Konstruktion und Logistik mit 50 Beschäftigten bleibt dagegen am Standort Heiligenhaus erhalten. „Wir werden hier vor Ort auch in neue Technologiebereiche investieren“, erläutert Holger Lüttgens weiter.

Im polnischen Nielbark dagegen werden die Beschäftigungsverhältnisse aufgestockt, auch rund 70 externe Arbeitsplätze aus Tschechien werden nun nach Polen verlegt. „Wir hatten unser polnisches Werk eigentlich als Ergänzung zu unseren Tätigkeiten hier in Heiligenhaus gesehen und geführt und entsprechend beide Standorte gleichberechtigt gefördert und entwickelt. Aber wir konnten die Kostensteigerungen hier, trotz Fortschritte in der Produktivität, nicht kompensieren und somit wirtschaftlich erfolgreich bleiben“, bedauert der Geschäftsführer.

Stollen für Fußballschuhe bei der WM 1974 hergestellt

Wie es genau für die teilweise über Jahrzehnte bei Lüttgens beschäftigte Produktionsmitarbeiter weitergehen wird, ist noch ungewiss. Die Firma bemühe sich aber im Rahmen ihrer Möglichkeiten um sozialverträgliche Lösungen, hieß es in einer Stellungnahme. „Es gibt teilweise vertragliche Sicherheiten, die wir auch gern erfüllen“, ergänzte Holger Lüttgens.

Der Heiligenhäuser Kunststoffverarbeiter Lüttgens blickt auf eine 80-jährige Geschichte zurück. Seit seiner Gründung hat sich der Familienbetrieb, der mittlerweile in dritter Generation geführt wird, auf Kunststofftechnik spezialisiert. Insgesamt wurden bislang rund 6500 Produkte entwickelt und produziert. Besondere Aufmerksamkeit erlangte die Firma 1974 bei der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland. Damals spielten die deutschen Kicker erstmalig in Fußballschuhen mit Stollen von Lüttgens.

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