Tierbesuch

Alle in der Lebenshilfe lieben „Hasen Harry“ und sein Team

Hund Keks liegt, seinem Namen entsprechend, auf dem Tisch. Die Besuche in der Lebenshilfe ist er gewöhnt, genauso wie die zahlreichen Kaninchen und Meerschweinchen von „Hasen-Harry“

Hund Keks liegt, seinem Namen entsprechend, auf dem Tisch. Die Besuche in der Lebenshilfe ist er gewöhnt, genauso wie die zahlreichen Kaninchen und Meerschweinchen von „Hasen-Harry“

Foto: Alexandra Roth / FUNKE Foto Services

Heiligenhaus.  Einmal im Monat besucht „Hasen-Harry“ mit seinen Tieren die Lebenshilfe-Wohneinrichtung in Heiligenhaus. Die Bewohner freuen sich riesig.

Tief in sich gesunken sitzt Martina in ihrem Rollstuhl, auf ihrem Schoss liegt ein grüner Baustellenhelm, darin ein kleines struppiges Meerschweinchen, das entspannt an winzigen Stückchen Möhre knabbert.

Immer wieder streichelt die geistig behinderte Frau, die in der Wohneinrichtung der Lebenshilfe Heiligenhaus wohnt, vorsichtig über den Rücken des kleinen Nagers, ihr Kopf sinkt immer tiefer, bis ihre Nase das Fell des Tieres berührt, sie setzt zu einem Kuss an. „Haben haben“, stammelt sie und „Hier, hier“ – ganz offensichtlich möchte sie sich nie wieder von dem kleinen kecken Schweinchen trennen, das noch immer genüsslich an seinem Gemüsestückchen nagt. Harry Laskowski beobachtet die Situation. „Das ist es, warum ich meinen Beruf so sehr liebe“, erklärt der ‘Alltagsbegleiter für tierunterstützte Therapie’, „mitzuerleben, wie die Menschen, die sonst introvertiert sind, aus sich herausgehen, die Nähe zum Tier sichtlich genießen.“

Kaninchen tummeln sich auf dem Tisch

An dem großen Gartentisch neben der Gartenhütte sitzen acht Bewohner der Einrichtung, heute wimmelt es nur so vor Besuch: Auf dem Tisch tummeln sich jede Menge zutrauliche Kaninchen, große, kleine, mit Schlapp- oder Stehohren und in allen denkbaren Farben.

„Das ist Coca-Cola“, erklärt Kalle und zeigt auf ein Widderkaninchen, dann lacht er. „Der Hase ist schwarz wie Coca-Cola.“ Der 56-Jährige greift zu einer Angel, an deren Ende eine Wäscheleine befestigt ist, in der einige Blätter Löwenzahn klemmen und fuchtelt damit ein wenig vor den Kaninchen herum.

Einige sind völlig aus dem Häuschen

Die zutraulichen Tiere beginnen sofort zu fressen, dann hält Kalle die Angel etwas höher. Um weiter an das Futter zu kommen, beginnen die Nager Männchen zu machen. Die Truppe um den Tisch quietscht und lacht vor Freude und Manuela, eine kleine Frau mit Down-Syndrom, gibbelt am allermeisten. Sie lacht und lacht, zeigt immer wieder auf die Situation, ist restlos aus dem Häuschen.

Behinderung ist keine Krankheit

„Ich bin kein Therapeut“, erklärt Hasen-Harry, der seit mehreren Jahren hauptberuflich Wohneinrichtungen und Seniorenheime mit seinen Tieren in großen Teilen NRWs besucht, „ich würde auch nicht therapieren wollen, ich sehe eine Behinderung oder Einschränkung nicht als Krankheit an“. Der Wuppertaler verteilt lange Gräserhalme an die Bewohner. „Das sind Kaninchenspaghetti“, erklärt er und lacht. Kalle schaut skeptisch. „Wo ist die Tomatensoße?“, fragt er, ist dann aber direkt durch Twix, ein kleines Farbzwerg-Häschen, abgelenkt.

Es geht um Freude im Umgang mit den Tieren

Eigentlich, sagt Hasen-Harry, gehe es in erster Linie um Freude, um Spaß, um Zuneigung, um Nähe – er reicht Manuela eine Hundebürste. Und: Der Umgang mit den Tieren schule zudem die Feinmotorik, er stärke die Gruppengemeinschaft und die Zuwendung, die die Tiere zeigten, wirke sich positiv auf die Menschen aus.

Highlight des Monats

Dann springt Keks auf den Tisch – ein ruhiger brauner Hund, ein Mix aus Australian Shepherd, Husky und Berner Sennenhund. Die Bewohner kennen ihn jetzt seit über einem Jahr und: Sie alle lieben den Hund sehr. Keks streckt sich entspannt zwischen all den Nagern aus und Manuela fängt an, ihn zu brüsten. Beide genießen das ganz offensichtlich. „Das machst du gut“, lobt Steffi ihre Mitbewohnerin, Hasen-Harry gibt ihr einen Löffel mit einem Stück Banane in die Hand, schon kommt das weiße Kaninchen Raffaelo angehoppelt. „Einmal im Monat kommt Harry zu uns“, erklärt Lebenshilfe-Mitarbeiterin Gaby Freitag, die das Geschehen mitverfolgt, „das ist jedes Mal das absolute Highlight für unsere Bewohner.“

Tiere haben Feierabend

Langsam endet die gemeinsame Zeit, Feierabend für die Tiere – Hasen-Harry achtet sehr genau darauf: „An oberster Stelle steht das Wohl der Tiere, wir halten uns da auch an strenge Vorgaben. Maximal drei Stunden an drei Tagen in der Woche dürfen die Nager eingesetzt werden.“ Auch für Manuela bedeutet das nun den Abschied von Meerschweinchen Rafiki, sie ist traurig, hat Trennungsschmerz. Bleibt zu hoffen, dass sie nicht allzulang daran zu nagen hat. Weitere Fotos auf waz.de/staedte/heiligenhaus

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