Hattingen am Mittag

Wer hier den Bus verpasst, muss zwei Stunden warten

Mittags an der Bushaltestelle Grenzberg in Hattingen-Niederbonsfeld. Gegenüber liegt ein Spielplatz.

Foto: Bastian Haumann

Mittags an der Bushaltestelle Grenzberg in Hattingen-Niederbonsfeld. Gegenüber liegt ein Spielplatz.

Hattingen.   Die Bushaltestelle Grenzberg in Niederbonsfeld hat ein hölzernes Wartehäuschen, an dessen Wänden es viel zu lesen gibt.

12.42 Uhr: Der Bus fährt an der Haltestelle Grenzberg am Winzermarkplatz in Niederbonsfeld an, gibt Gas. Seine Rücklichter leuchten kurz bei einem Tritt auf die Bremse, dann ist die Linie 331 Richtung Hattingen-Mitte aus dem Sichtfeld verschwunden. Es wird ruhig, sehr ruhig. Hätte ich den Bus Richtung Stadt nehmen wollen, wäre ich nun aufgeschmissen. Der nächste kommt in zwei Stunden.

34 Grad Celsius, die Sonne knallt vom Himmel, Grillen zirpen. Auf der Straße gegenüber, im Schatten vor einer vertrockneten Buchs-Hecke, steht ein orangefarbenes Stoffdreieck mit der Aufschrift: „Achtung, spielende Kinder.“ Der Spielplatz ist verlassen. Eine Fahne weht träge im leichten Windhauch.

Verblichene Suchmeldung

Ein Aufbrausen: Ein roter Wagen fährt viel zu schnell vorbei. Ihm folgt ein schwarzer mit Bochumer Kennzeichen. Dann ein weißer aus Mettmann – von dem verlangten Tempo 30 keine Spur. Eine Radfahrerin fährt gemütlich die Straße herunter, schaut nach rechts, dann nach links, bevor sie in die Tippelstraße einbiegt. Die Fahrradkette klackt leise und rhythmisch. Das Geräusch verhallt, als sie aus dem Blickfeld verschwindet.

Am Bushäuschen aus Holz hängt ein schon verblichener Zettel: „Unsere liebe Katze Elly wird seit dem 9.4.2017 vermisst. Hat jemand sie gesehen?“ Im Häuschen ist es trotz Schatten noch heißer und stickiger als davor. „Pro#pflegekammer“, „Schluss mit Fremdbestimmung“, „Nie ohne mein Team“, Herzchen und vieles mehr wurden ins Holz geritzt. Und immer wieder „M + S“. Vielleicht waren sie es auch, die sich mit ein paar Zeilen Lyrik – und zahlreichen Rechtschreibfehlern – im Holz verewigten: „Wir die lieder sangen/ die vom Leben lieben handeln/ In unsern häuschen saßen/ Tequila Tranken/ machten Jägermeister platt/ In den Mond schrien/ Verdamt wir sind/ die geilste Gang/ Der Stadt!“

Ein Mann geht zielstrebig mit seiner Hündin auf dem Bürgersteig durch den Schatten. „Ein Anwohner mit Lotti“, bemerkt er letztlich prosaisch und lachend, um seinen Namen partout nicht nennen zu müssen. Die Hündin mit dem schwarzen Fell müsse nur ganz kurz raus – trotz Hitze. „Eigentlich spielen um diese Zeit immer Kinder auf dem Spielplatz. Aber seitdem es so heiß ist, tut sich hier nichts.“ Die Bushaltestelle sei ohnehin fast immer wie verlassen, bei den wenigen Bussen, die dort hielten. „Als Anwohner hat man sich darauf eingestellt und fährt immer mit dem Auto runter in die Stadt.“

Hin und wieder ständen „Gestrandete“ an der Haltestelle. Leute, die versehentlich in die falsche Richtung in den Bus gestiegen und am Winzermarkplatz ausgestiegen seien, um schnell einen Bus zurück in die Gegenrichtung zu nehmen. Um dann zu entdecken, dass auch der erst in zwei Stunden komme. „Mit denen hat man dann Mitleid und nimmt sie mit runter.“ Aber jetzt müsse er wieder los, Lotti werde es zu warm.

Zwei Jungs steuern den Spielplatz an. Der eine hält einen Turnbeutel und tritt beim Gehen immer wieder gegen diesen wie gegen einen Fußball. Vor dem Überqueren der Straße nehmen sie einander intuitiv an die Hand, gehen über die Straße rauf auf den Spielplatz. Setzen sich auf eine Bank unter einen Baum und reden lebhaft. Der eine schiebt sich näher heran an den anderen – bloß keinen Sonnenstrahl zu viel abbekommen bei der Hitze.

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