Mein Advent

Warum sich ein Hattinger Muslim über jeden Kirchgänger freut

Der Gebetsraum in der Fatih Moschee an der Martin-Luther-Straße ist für viele Muslime ein Treffpunkt. Yalcin Dogru freut sich über jeden Christen, der zur Adventszeit den Weg in die Kirche findet.

Foto: Manfred Sander

Der Gebetsraum in der Fatih Moschee an der Martin-Luther-Straße ist für viele Muslime ein Treffpunkt. Yalcin Dogru freut sich über jeden Christen, der zur Adventszeit den Weg in die Kirche findet. Foto: Manfred Sander

Hattingen.   Yalcin Dogru sieht Ähnlichkeiten in der Fasten- und Adventszeit. Er lebt angepasst, nicht assimiliert. Darum ist er stolz auf seine Heimatstadt.

„Ich habe 30 Tage im Jahr Weihnachten“, erzählt Yalcin Dogru. Gemeint ist der Ramadan, die muslimische Fastenzeit – denn als praktizierender Moslem feiert er das christliche Weihnachtsfest nicht. Dennoch sieht der 33-Jährige Ähnlichkeiten zwischen der Fasten- und der Adventszeit. Die religiöse Brücke lässt sich im Hinblick auf Besinnlichkeit und das Beisammensein mit der Familie schlagen. Nun lässt er seine eigene Kindheit in Hattingen Revue passieren und erzählt, wie sich seine Sicht auf die Adventszeit als Erwachsener geändert hat.

In vielen Kindergärten hängen bereits Adventskalender. Es werden Weihnachtslieder gesungen und Plätzchen gebacken. In Sportvereinen kommt der Nikolaus. Das war bei Märkisch Hattingen, dem Fußballverein, in dem Yalcin Dogru einst spielte, nicht anders. „Als Kind kann man solche Dinge noch nicht reflektieren und mit einer Religion verknüpfen“, weiß er und fügt hinzu: „Mit dem Alter wächst der Abstand. Wir möchten angepasst leben, aber nicht assimiliert werden.“

Zu Hause kam er nicht mit der Tradition in Berührung

Zu Hause kam Dogru nicht mit solchen Traditionen in Berührung. Es gab es keinen Weihnachtsbaum, keinen Adventssschmuck und keine Bescherung. „Es war eine seltsame Situation als nach den Ferien alle Mitschüler neue Sachen hatten und ich nicht. Da ist man schon etwas außen vor“, erinnert er sich.

Das ganze Jahr musste Dogru nicht auf Geschenke verzichten. Zum Zuckerfest, dem Ende der muslimischen Fastenzeit, bekommen Kinder kleine Präsente. „Sie sind eine Art Belohnung für den Fleiß in dieser Zeit“, erklärt er. Die ganze Zeit fasten Kinder nicht mit, aber ein paar Stunden täglich probieren es viele in jungen Jahren bereits. Während des Ramadan rücken außerdem die Gebete und das Besinnen auf sich selbst mehr in den Fokus.

In dieser Hinsicht ähneln sich die Fasten- und die Adventszeit. „Den religiösen Aspekt kann ich verstehen, auch wenn es nicht meine Religion ist.“ Während christliche Familien am Heiligen Abend zusammen sitzen, versuchen es Muslime an jedem Abend im Ramadan. „Man bricht zusammen das Fasten. Ich besuche in dieser Zeit abends Freunde und Verwandte, um mit ihnen zu essen.“ Außerdem träfe man sich beim Gebet in der Moschee. Als gläubiger Moslem freue er sich über jeden, der in der Adventszeit den Weg in eine Kirche finde. „Durch solche religiösen Taten haben wir etwas gemein. Bei vielen ist Weihnachten leider die einzige Zeit in der sie einen Gottesdienst besuchen.“

Hattingen als Weihnachtsstadt

Aufgewachsen ist Dogru in einem sehr gemischten Freundeskreis. Wenn seine Freunde auf den Weihnachtsmarkt gehen, verzichtet er. Ein Problem war das nie. Dennoch genießt er die Atmosphäre der Adventszeit. „Hattingen ist eine Weihnachtstadt und darauf bin ich stolz. Ich bin froh, dass die Stadt in dieser Zeit belebt wird und eine solche Anziehungskraft hat“, findet der 33-Jährige. Während der Dezember-Wochen sind die Straßen teilweise so voll, dass man nur im Schneckentempo durch die Altstadt kommt. Dazu kommen lange Schlangen an den Kassen. „Dieser Stress bleibt mir erspart. Denn Geschenke kaufen, muss ich nicht“, sagt Dogru und lacht.

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