Ehrenamt

Warum eine Sprockhöveler Friseurin kostenlos Haare schneidet

Ole (47) und Anne (51) Pikull engagieren sich bundesweit bei der Barber Angels Brotherhood., schneiden Obdachlosen Haare und Bart.

Ole (47) und Anne (51) Pikull engagieren sich bundesweit bei der Barber Angels Brotherhood., schneiden Obdachlosen Haare und Bart.

Foto: Barbara Zabka / FUNKE Foto Services

Sprockhövel.  Ole und Anne Pikull aus Sprockhövel engagieren sich bei den Barber Angels. Sie schneiden Obdachlosen kostenlos die Haare.

„Arm, und noch schlimmer: obdachlos zu sein, ist schlimm“, findet die Sprockhöveler Friseurin Anne Pikull. Um Obdachlosen zu helfen, engagiere sie sich seit Anfang 2019 bei dem gemeinnützigen Verein Barber Angels Brotherhood – bislang bei zehn Einsätzen in NRW und immer in der Vereinskleidung, einer schwarzen Weste mit Barber Angels-Aufnähern.

Sie will der Gesellschaft etwas zurückgeben

Pikull ist als Friseurmeisterin in einem Salon angestellt. „Ich bin nicht reich, kann also nicht groß spenden, aber ich kann meine Arbeitskraft einsetzen, um der Gesellschaft etwas zurückzugeben.“ Bei den Einsätzen des Vereins schneiden Barber Angels wie sie regulär durchschnittlich 125 Obdachlosen und bedürftigen Menschen die Haare. Ganz wichtig dabei ist der Umgang. Die Bedürftigen werden „Gäste“ genannt und mit Respekt behandelt, genauso wie auch zahlende Kunden im Salon. „Die Gäste sollen sich bei uns wie Könige fühlen!“

Einsätze können sehr emotional sein

Zu den Einsätzen kommen Männer, Frauen und auch Kinder, wer von den Erwachsenen zustimmt, von dem werden Vorher-nachher-Fotos geschossen, aber dazu soll natürlich niemand gedrängt, betont die 51-Jährige. Ihr Ehemann Ole arbeitet mittlerweile im Orga-Team mit, er teilt beispielsweise die Gäste ein. „Ich mache mit, weil ich etwas zurückgeben möchte, und zwar an Menschen, die es am meisten benötigen.“ Die Einsätze seien in der Regel sehr emotional, erzählt Anne Pikull. „Häufig erzählen die Gäste von ihren traurigen Schicksalen, das nimmt einen natürlich mit.“

Die Sache mit dem verfilzten Zopf

Besonders im Gedächtnis geblieben sei ihr ein Gast, der einen sehr verfilzten Zopf bis zum Gesäß trug und erzählte, dass er sich den nun abschneiden ließe, da er seinem Hund versprochen hatte, das zu tun, wenn dieser stirbt. „Da kämpft man dann mit den Tränen, denn man spürt, wie einsam diese Menschen sind.“ Ein anderer Gast, ein junger Mann mit Down-Syndrom, habe sich extra in der Behindertenwerkstatt freigenommen, um einmal von einem Engel die Haare geschnitten zu bekommen, wie er sagte. „Das ihm das so viel bedeutete, da musste ich echt schlucken“, sagt Pikull ergriffen.

Zuwendung über das Haareschneiden

Neben einem ordentlichen Haarschnitt erfahren die Gäste bei den Aktionen häufig das erste Mal seit langer Zeit wirkliche Zuwendung. „Viele bedanken sich hinterher überschwänglich und oft werden auch ein paar Tränen verdrückt.“ In der Vergangenheit hätten die Angels in so einer Situation Gäste auch mal in den Arm genommen. Doch seit der Pandemie sei das nicht mehr erlaubt. Aufgrund des erhöhten Infektionsgeschehens fänden derzeit sowieso nur in NRW vereinzelte Mini-Aktionen unter strikten Hygienebestimmungen statt. „Aktuell dürfen nur etwa acht Gäste bedient werden, die zudem vorher duschen und neue Kleidung anziehen müssen“, zählt Pikull auf.

Pandemie verändert die Einsätze

Den WAZ-Newsletter für Sprockhövel abonnieren - So geht sWie auch vor der Pandemie bekommen die Gäste nebst Haarschnitt und Zuwendung eine Goodiebag: „Da sind Pflegeprodukten wie beispielsweise Shampoo, Bürste, Hautcreme drin, von Firmen, die unsere Einsätze unterstützen.“ Und es melden sich immer mehr Firmen, die den noch relativ jungen Verein unterstützen möchten – nicht ohne Grund, berichtet Vereinsgründer Claus Niedermaier: „Mit einem ordentlichen Haarschnitt sind unsere Gäste nicht mehr als Obdachlose zu erkennen, sie erhalten Würde und Selbstbewusstsein zurück.“ Häufig habe er sogar miterlebt, wie der neue Haarschnitt Gäste angestoßen habe, sich aus ihrer Situation zu befreien: „Sie fanden plötzlich Mut und Entschlossenheit, sich um Job oder Wohnung zu bemühen und mit einem ordentlichen Äußeren klappte es damit auch besser“, erzählt der 59-Jährige.

Kälteopfer als Initialzündung für Vereinsgründung

Nachdem er im Winter 2016 vom ersten obdachlosen Kälteopfer gelesen habe, habe er sofort den Verein gegründet: „Da wollte ich einfach aktiv werden, mit dem, was ich kann.“ Wichtig sei ihm, dass es nicht ausschließlich ums kostenlose Haareschneiden gehe: „Wir helfen, in dem wir Haare schneiden, aber auch, in dem wir zuhören.“

Verein hat 300 Mitglieder in Deutschland

Der gemeinnützige Verein Barber Angels hat aktuell 300 Mitglieder in Deutschland und 94 im europäischen Ausland: Schweiz, Österreich, Niederlande und Spanien. 2019 wurde der Verein als erste deutsche Organisation mit dem „Grand Prix de Humanitaire de France“, dem französischen Menschlichkeitsorden, ausgezeichnet. Bislang durften sich bei 370 Einsätzen um die 40.000 Gäste „wie Könige fühlen.“

15 Euro Beitrag pro Monat

Friseure, Fotografen und Helfer können zu 15 Euro pro Monat über die Vereins-Webseite Mitglied werden, dazu meldet man sich als Gast-Angel oder Orga-Angel an. Wer als passives Mitglied den Verein finanziell monatlich unterstützen möchte, schreibt in der Nachricht „passives Mitglied“: https://b-a-b.club/mitglied-werden/Einrichtungen wie Obdachlosenheime und Tafeln können per Email einen Barber-Angels-Einsatz anfragen: info@b-a-b.club Sachspenden für die Goodiebags können über das Kontaktformular angemeldet werden: https://b-a-b.club/kontakt/

Informationen für einmalige Geldspenden gibt es hier: https://b-a-b.club/donate/Auf der Facebook-Seite berichtet der Verein im Nachhinein über die Aktionen: www.facebook.com/Barberangelsbrotherhood.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben