Ausstellung

Tonnen in Rosa weisen Weg der Langen Weile in Hattingen

Auf der Suche nach leerer Zeit: Dozent und Szenograf Johann Jörg von der TU Berlin. Er lehnt an einer von vier Tonnen auf dem Gelände des Industriemuseums.

Foto: Barbara Zabka

Auf der Suche nach leerer Zeit: Dozent und Szenograf Johann Jörg von der TU Berlin. Er lehnt an einer von vier Tonnen auf dem Gelände des Industriemuseums. Foto: Barbara Zabka

hattingen.   Im Industriemuseum warten ein Hochofen als sprechenden Rentner, Licht- und Soundinstallationen, Tanz und Labyrinth. Studenten füllen leere Zeit.

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Stress, Stress, Stress und Staunachrichten prasseln auf den Besucher im Keller der Gebläsehalle ein. Im Wechsel flackern Leuchtstoffröhren auf, angeordnet wie Karriereleitern für den Weg nach oben. Die Licht- und Soundinstallation ist Teil der Ausstellung „Lange Weile – Auf der Suche nach der leeren Zeit“ im Industriemuseum.

Eröffnung am Sonntag im Biergarten

Eröffnet wird sie am Sonntag um 11 Uhr im Biergarten des Henrichs mit Musik bei freiem Eintritt. Bis zum 9. September sind die Resultate des Masterstudiengangs „Bühnenbild Szenischer Raum“ der TU Berlin zu sehen. Nicht nur von Victor Treushchenko-Bernhardt, der „Muße in Arbeit“ beschreibt. Sondern von vier Studenten. Eigentlich von sieben, doch von dreien sind nur Entwürfe zu sehen. Nicht alle Studenten wollten sich ein zweites Semester mit dem Thema auseinandersetzen. Und Geld war auch nicht im Überfluss vorhanden.

Ein sichtbares Ergebnis ist: Sie sehen nichts. Oder vielmehr: leere Vitrinen. Das ist kein Zufall und liegt auch nicht daran, dass Direktor Dirk Zache, Johann Jörg aus Berlin, Volontärin Delia Pätzold und die Helfer im Hintergrund nicht fertig geworden wären bis zur Pressevorstellung. Aber schließlich soll auch Raum bleiben für kreative Gedanken, für die tiefere Ebene hinter dem oft negativ besetzten Begriff Langeweile. Neues soll entstehen in Zeiten unendlicher Beschäftigungsmöglichkeiten, Zwängen und hoher Arbeitsbelastung. Deshalb steht nichts in den Vitrinen.

Johann Jörg und den Studenten geht es nicht darum, die Anforderungen der heutigen Zeit zu verteufeln. Der Mentor des Projektes und die Studenten aus unterschiedlichen Ländern wollen das Thema vielmehr mit einem Augenzwinkern angehen. Sie haben Menschen befragt, die ihre Sicht der Langeweile äußern – positiv wie negativ. „Zäh und lang wie oller Kaugummi“, wie Johann Jörg das Phänomen Langeweile beschreibt, muss sich der Rundgang jedenfalls nicht dehnen. Während die Kulturschaffenden drinnen die experimentelle Kooperation erläutern, tasten sich draußen auf dem Platz vor der Scheddachhalle junge Leute durchs Labyrinth von Anne Laure Jullian de la Fuente. Wenig später sind sie weg. Ob aus Langeweile, weil ihnen die Weile zu lang wurde oder weil sie keine Zeit mehr hatten, lässt sich nicht feststellen. Panik bekommt in diesem Labyrinth jedenfalls niemand. Keiner wird umzingelt von hohen Wänden, aus denen er nicht mehr herausfindet. Er steigt einfach über die Ziegel – und ist draußen. Insgesamt 6000 Stück wurden im Ziegeleimuseum Lage für die Hattinger Ausstellung gebrannt.

Takaya Kobayashi hat Neuland geschaffen als Ort, wo die Stille ist. Mit Jascha Viehstädt setzt er zu einer Performance an. Wer dem Tänzer zusieht, wie er in Zeitlupe ein kimonoartiges Gewand anzieht, weiß nicht recht, ob er jetzt tiefenentspannt werden oder sich noch im Nachhinein schämen soll, wenn er jemals Kinder auf dem Weg zu Kita oder Schule angetrieben hat, weil sie nicht schnell genug in ihre Klamotten gestiegen sind.

Schnelldurchlauf oder Müßiggang

Vielleicht hilft ein „Müßiggang“ mit Amina Nouns, die zu einem Spaziergang der Langeweile mit Hörspiel auf dem ganzen Gelände einlädt. Selbst schuld ist, wem jetzt keine Gedanken sprühen. Einmal hangelt sich der Besucher von einer rosafarbenen Tonne zur nächsten. Die Exemplare, für die es schon interessierte Abnehmer gibt, stechen wirklich ins Auge zwischen all dem Rost. Zum anderen erzählt ein „Rentner“ aus seinem Arbeitsleben, wie man ihn nicht alle Tage geboten bekommt: der Hochofen selbst. Die Gäste bekommen auf dem Weg von einer Tonne zur nächsten auf einem Zeitwahrnehmungsparcours 164 Jahre Geschichte von Stahl, Rost und Ruhrgebiet geboten.

Passend zum Thema bestimmen sie selbst, wie viel Zeit sie sich dafür nehmen.

Bezug zur Geschichte und den Ausstellungsräumen

Einen neuen Blickauf das Gelände und die Räumlichkeiten soll die Ausstellung bieten. „Wir haben kein Museum mit glatten weißen Wänden“, sagt Direktor Dirk Zache.

Durch das experimentelle Projekt sind Arbeiten entstanden, die Bezug auf die Geschichte des Ausstellungsortes nehmen und sich mit den Räumlichkeiten auseinandersetzen.

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