Schlagzeilen

Der stille und traurige Abschied vom Hattinger Stahlwerk

Ihre Tränen konnten viele Arbeiter nicht zurückhalten, als mit der Schließung des Stahlwerks.

Ihre Tränen konnten viele Arbeiter nicht zurückhalten, als mit der Schließung des Stahlwerks.

Foto: Walter Fischer

Hattingen.   Vor 25 Jahren wurde auch das Stahlwerk der ehemaligen Henrichshütte geschlossen. Alle Rettungsversuche waren gescheitert.

138 Jahre Stahltradition in Hattingen wurden 1993 symbolisch zu Grabe getragen. In diesem Jahr, sechs Jahre nach dem Hütten-Aus, wurde auch das Stahlwerk der Vereinigten Schmiedewerkgesellschaft (VSG) geschlossen. Für Hattingen bedeutete das abermals den Verlust vieler Arbeitsplätze, für die Arbeiter blieb eine große Traurigkeit, nachdem Rettungsversuche scheiterten.

Nach der Hüttenschließung 1987 war unter anderem das Stahlwerk übrig geblieben. Wie zum Beispiel auch die Gießerei wurde es von der Vereinigten Schmiedewerkgesellschaft übernommen. Das Aus kam wenig später, angefeuert durch einen Gutachterstreit zwischen den drei Gesellschaftern Krupp, Klöckner und Thyssen, wie sich der damalige Erste Bevollmächtigte der IG Metall, Otto König, erinnert.

Streit der Gesellschafter Krupp, Klöckner und Thyssen

„Es gab den Vorwurf, das Stahlwerk sei viel zu teuer gewesen und zu Konditionen verkauft worden, die vorher nicht klar waren“, sagt König. Darüber hätten sich die drei Gesellschafter zerstritten. Zudem sei die Technik veraltet gewesen. „Wir haben vorgeschlagen, ein Elektro-Stahlwerk zu installieren“, erinnert sich der Gewerkschafter. Dafür wurde von der Belegschaft Anfang 1993 ein symbolischer Grundstein gelegt. Diese Forderung sei aber nicht gehört worden.

Auch Vorschläge zur Rationalisierung oder der, andere mit ins Boot zu holen, um den Betrieb weiterzuführen, wurden abgelehnt. „Unsere Vorschläge hatten keine Chance“, resümiert Otto König. Für 662 Arbeitsplätze, 190 in Stahlwerk und Gießerei, war es das Aus. „Ende ‘88 bin ich gekommen. Ein Standort mit großer Zukunft, hieß es. Die Zukunft hat viereinhalb Jahr gedauert“, wird einer der Schweißer im Zeitungsartikel von 1993 zitiert.

Resignation statt Wut, Aufbegehren, Kampfeswillen

Dabei hat Frank Grieger, der damals für die WAZ berichtete, den Abschied als vergleichsweise still erlebt: „Ich erinnere mich vor allem an Depression, Resignation, Verbitterung. Gestandene Kerle, die wie kleine Kinder heulten“, sagt er. „Es gab kaum mehr Wut, Aufbegehren, Kampfeswillen wie zu vielen Gelegenheiten zuvor, sondern nur tiefe Tristesse – es war ein Tod auf Raten.“ Viele Arbeiter, die schon den Hüttenkampf erlebt hatten, waren mit in die VSG übergegangen. „Jetzt wollten sie sich erst recht wehren“, erinnert sich dagegen Otto König.

Doch ohne Erfolg. Zum Teil gab es Sozialpläne oder alternative Beschäftigungsangebote. Die Jüngeren wurden an neue Standorte versetzt. Aber: „Auch wenn viele Jobs tatsächlich sozialverträglich abgefedert wurden, blieb doch bei vielen ein Gefühl der Nutzlosigkeit – ‘wir gehören zum alten Eisen’, beschreibt der WAZ-Redakteur.

>>> Abriss trotz Denkmalschutz

Auch sichtbar verschwand das Stahlwerk schließlich mit der Sprengung im Jahr 2005.

Das Siemens-Martin-Stahlwerk stand auf der Denkmalliste der Stadt Hattingen. Es war zwar nicht in seiner Art, aber doch in seiner Größe einzigartig in Europa. Das LD-Stahlwerk war die letzte Erweiterung aus dem Jahr 1970.

Per Minister-Entscheid wurden der Abriss und die Sprengung des Stahlwerks 2005 beschlossen. Grund war, dass in diesem Fall wirtschaftliche Interessen höher eingestuft wurden, als die Erhaltung des Denkmals.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben