Reportage

Sprockhövel: Eine Entdeckungsreise

Bei einer Entdeckungsreise durch Sprockhövel ist schnell ein Ort mit Lieblingsplatz-Potenzial gefunden: der Brunnen am Kirchplatz.

Bei einer Entdeckungsreise durch Sprockhövel ist schnell ein Ort mit Lieblingsplatz-Potenzial gefunden: der Brunnen am Kirchplatz.

Foto: Bastian Haumann / FUNKE Foto Services

Sprockhövel.  Von Dorfcharakter über Kleinstadt-Idyll bis Großstadt-Flair – all das gibt es in Sprockhövel. Die neue WAZ-Redakteurin war auf Entdeckungstour.

Das Wichtigste vorweg: Ich bin neu hier. Seit gut zwei Wochen arbeite ich für die WAZ-Redaktion Hattingen und Sprockhövel. Doch während ich langsam beginne, so etwas wie Ortskenntnis in Hattingen aufzubauen und den Weg zur Redaktion schon ohne Navi finde, kenne ich Sprockhövel bislang nur vom Hörensagen. Zeit das zu ändern, befanden die Kollegen kürzlich. Und schickten mich auf eine Entdeckungsreise nach Sprockhövel. Denn den Blick von außen bekommt man als Lokaljournalist nicht oft.

Was also ist zu erwarten von der Stadt mit den vielen Reibe- und Verschlusslauten im Namen? Bewusst wollte ich mit so wenig Hintergrundinformationen wie möglich an die Sache herangehen. Denn es geht ja – so die explizite Arbeitsanweisung – um meinen ersten Eindruck als Ortsfremde. Lediglich ein paar Hinweise dazu, wo ich mich am besten umschauen soll, werden mir angereicht. Schließlich will ich nicht irgendwo zwischen den Hügeln verloren gehen.

Niedersprockhövel: Kleinstadt-Idyll mit geheimnisvollen Ecken

Und so beginnt meine Reise in Niedersprockhövel. Mit dem Fotografen-Kollegen, der mein Entdeckungsabenteuer im Bild festhalten soll, bin ich hier verabredet. Sprockhövel habe übrigens auch den großartigen Beinamen „Sporthövel“, lässt er mich wissen. Unser Treffpunkt könnte also passender nicht sein: das Stadion Im Baumhof. Diese Arena mit den zwei Fußballplätzen, der Turnhalle, dem Fitness-Treff und dem nebenan liegenden Freibad scheint der körperlichen Ertüchtigung auf den ersten Blick tatsächlich viel Raum zu geben.

An der Hauptstraße betreten wir dann den Inbegriff eines Kleinstadt-Idylls. Niedersprockhövel wirkt ein bisschen wie aus der Zeit gefallen. Ich könnte gar nicht sagen, wann ich zum letzten Mal gesehen habe, dass Verkäufer mit Kunden an den Ladentüren stehen und plaudern. Hier scheint das die Regel zu sein. Und auch, dass nicht etwa große Ladenketten die Haupteinkaufsstraße säumen, sondern kleine, inhabergeführte Geschäfte ganz selbstverständlich in A-Lage zu finden sind, befeuert nostalgische Gefühle.

Schnell finde ich einen Ort mit Lieblingsplatz-Potenzial: den Kirchplatz. Auf einer Bank im Schatten eines Baumes hat das Plätschern des Brunnens etwas Meditatives und die an diesem Morgen recht viel befahrene Kreuzung Hauptstraße/Mühlenstraße irgendwie auch. Im Rücken habe ich die Kirche mit ihrem ikonischen Zwiebelturm und blicke auf Fachwerk, in die Einkaufsstraße und durch eine Blickschneise sogar auf einen grün bewachsenen Hügel.

Fast alles, was sich um diesen Platz herum befindet, ist unheimlich inspirierend – jede Menge Kleinigkeiten, die zusammen auch eine gute Romankulisse abgeben würden. Hinter jeder Schieferschuppe der früheren Apotheke, jeder Verzierung an den alten Häusern und jedem Stück Handwerkskunst an Türen und Fenstern könnten sich potenzielle Geschichten verbergen.

Und dass sich nur wenige Meter von diesem Idyll scheinbar ein „Lost Place“ mitten im Ortskern befindet, macht das Ganze nur noch interessanter. Was ist das für ein Ort, der aussieht wie eine alte Fabrikhalle – mit einem sich langsam abribbelnden „Zu vermieten“-Schild, der blauen Sprühfarbe auf den roten Ziegeln und den zerstörten Schieferschuppen an der Rückseite? Ein Passant, scheinbar ein Ortskundiger, kann da auch nicht weiterhelfen. „Ich wohne jetzt seit 17 Jahren hier und das war schon so, als ich hergezogen bin“, gibt er schulterzuckend Auskunft.

Haßlinghausen: Kreativ-Viertel mit Grün-Oasen

Weiter geht die Reise Richtung Haßlinghausen. Unterwegs fallen mir – neben der serpentinenartigen Straßenführung – viele Pferdeanhänger auf, die am Straßenrand geparkt sind. Glaube ich also an die Sportaffinität der Sprockhöveler, scheint Haßlinghausen die Reiterhochburg zu sein.

Zunächst aber fühlt es sich hier an, wie die kleine Version einer Großstadt – wenig idyllisches Fachwerk, dafür offenbar Anlaufstelle für die kreative Szene. Ein ganzes Geschäft für Kuchendekoration fällt mir auf oder ein anderes Ladenlokal, das mit Kunst- und Grafikdesign wirbt und über dessen Pforte ein teilzerstörter Pferdekopf thront. Selbst am Busbahnhof scheint sich ein Künstler ausgetobt zu haben – wie ist sonst das viele, in den Augen brennende Blau zu erklären?

Eine Passantin gibt mir den Tipp, mal die „Fahrrad-Trasse“ anzuschauen. Und macht mich dabei – wohl unbemerkt – auf eine interessante Sache aufmerksam. Offenbar habe ich den „Ne-Woll-Äquator“ übertreten. In Haßlinghausen heißt es nämlich: „Ich wüsste nicht, was es hier sonst für Sehenswürdigkeiten gibt, woll?“

An der Trasse erwartet mich mehr Grün, als ich erwartet habe, und ein sanfter Pferde-Geruch. Herrlich. Auch die vielen Vogelhäuschen in den Bäumen fallen mir positiv auf und es gibt eine Brücke mit interessanter Akustik. Mein Pfeifen wird unter der Wölbung derart verstärkt, dass passierende Radfahrer sich ganz verwirrt umschauen. Das wäre sicher auch ein guter Ort für eine Trommelrunde.

Eine junge Frau mit Kinderwagen bestätigt meinen Eindruck von Haßlinghausen: „Wir haben hier viele schöne Ecken zum Spazierengehen“, sagt sie und empfiehlt auch die Lemperteiche an der Lemperstraße. Und das Dorf, das gleich hinter der Mittelstraße liegt, sei „auch sehr nett“, zumindest aber „nichts Hässliches dran“.

Gennebreck: Ein Traum von Dorf

Apropos Dorf: So richtig dörflich wird es dann in Gennebreck. Schon der Weg dorthin begeistert, denn so detailverliebt bepflanzte Kreisverkehre kenne ich von zu Hause nicht. Das Erste, was ich dann bewusst von Gennebreck wahrnehme, ist ein hübsches Fachwerkhaus am Fuße des Hügels, über den ich komme. Spontan weckt das Assoziationen an einen Schwarzwald-Urlaub aus Kindertagen: pures Bergdorf-Gefühl.

Geparkt wird an der Kirche im Ortsteil Herzkamp, der allein für seinen Namen schon Pluspunkte verdient. Relativ schnell ist mir klar, dass es hier – typisch Dorf – nur wenig mehr als Wohnbebauung gibt. Die kann sich dafür sehen lassen. Egal ob Fachwerk oder Altbauvilla – jedes einzelne Haus wirkt liebevoll gepflegt und ist nett anzusehen. Natürlich gibt es aber auch darunter besonders schöne Stücke, wie eine weinbepflanzte Fassade, die gerade den Farbwechsel zwischen grünen und roten Blättern vollzieht.

Wo es wenig drumherum gibt, lässt sich eine starke Dorfgemeinschaft vermuten. Ob das auch auf Herzkamp zutrifft? Ein erstes Indiz dafür: Ein pinkfarbenes Herz vor der Kirche, auf dem sich scheinbar Kinder verewigt haben. Ein anderes ist das breite Banner an der gegenüberliegenden Straßenseite, das den Wunsch nach weniger Verkehrslärm deutlich macht.

Auf dem Weg in den Ort verrät mir zum ersten Mal ein Schild, das in Sprockhövel „kein Platz für Rassismus“ sei. Dass die Herzkamper das auch wirklich ernst meinen, wird dann im Bereich des Sportplatzes klar. Denn hier steht ein Bauwagen mit dem eindeutigen Slogan „FCK NZS“. Diesen Bereich will der Kollege Fotograf mir beharrlich als Dorfzentrum verkaufen. Sollte das tatsächlich stimmen, hätte sich der Name „Sporthövel“ ein weiteres Mal bestätigt.

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