Selbstverteidigung

So können sich Mädchen gegen Angreifer verteidigen

Die 16-jährige Omayma aus Libyen hat in ihrer Heimat schon Kampfsport trainiert. Andere Mädchen im Selbstverteidigungskursus der Kampfsportschule an der Heggerstraße haben keine Vorerfahrung.

Die 16-jährige Omayma aus Libyen hat in ihrer Heimat schon Kampfsport trainiert. Andere Mädchen im Selbstverteidigungskursus der Kampfsportschule an der Heggerstraße haben keine Vorerfahrung.

Foto: Fischer

Hattingen.   Kampfsportler Christian Rihm gibt Mädchen Tipps zur Selbstverteidigung. In einem Kursus können sich aktuell geflüchtete Jugendliche ausprobieren.

Schüchterne Mädchen betreten den Trainingsraum der Wing Chun Akademie an der Heggerstraße. Sie kommen aus Somalia, Syrien, Libyen und Marokko. In den nächsten acht Wochen wollen sie und drei weitere Jugendliche von Christian Rihms (43) Selbstverteidigung lernen. Der Kursus richtet sich bewusst an Mädchen zwischen zwölf und achtzehn Jahren, die aus geflüchteten Familien stammen. Die städtische Koordinierungsstelle für Flüchtlingsangelegenheiten hat sie angesprochen.

Zur Unterstützung hat Rihm seine Tochter Alma (12) und Trainerin Sophia Heinemann (28) dazu­geholt. Er hofft, dass die Jugend­lichen mit weiblichen Trainingspartnern ungezwungener üben können. Und tatsächlich: Sehr schnell entwickeln die Mädchen Vertrauen. „Ihr werdet Techniken lernen, wie man sich wehrt, wenn jemand einen würgen, schlagen oder schubsen will“, erklärt Rihm.

Arme des Angreifers herunterschlagen

Als erste Technik demonstriert er, wie man die Arme eines Angreifers blitzschnell herunterschlägt. „Die Hand, die vorne ist, muss zuerst weggeschlagen werden.“ Die Mädchen bilden Zweiergruppen und probieren es abwechselnd aus. Eine hebt ihre Arme zum Angriff. Rechte Schlaghand vorne, linke dahinter. Zur Verteidigung schlagen die Mädchen mit der rechten Handfläche auf den rechten Unterarm der Gegner und dann mit der Linken auf den linken Arm.

Omayma (16) übt mit Trainerin Sophia Heinemann, bei der sich nach kurzer Zeit schon die ersten Effekte der Übung zeigen. Die Unterarme sind schon ziemlich rot, schmerzhaft sei das aber nicht. Omayma hat sichtlich Spaß.

Im Notfall nicht in Schockstarre verfallen

Rihm baut die Übung im nächsten Schritt aus: Nach dem Wegschlagen der Hände folgt ein Schlag. Ein dumpfer Klang ist zu hören, als Rihms Faust das Brustbein seiner Kollegin trifft. Die Mädchen gucken sich erschrocken an, scheinen aber auch fasziniert und probieren es erst zaghaft, dann immer mutiger aus. „Klatsch, klatsch, boom“ halt es durch den Raum. „Das tut nicht weh. Ihr dürft nur nicht mit den Fingerknöcheln treffen“, erklärt Rihm. Hinter dem Schlag steckt die Idee, dass die Mädchen spüren, wie sich ein Angriff anfühlt und sie im Notfall nicht in eine Schockstarre verfallen, sondern reagieren können.

Das jüngste Mädchen Rojin (12) trägt einen rosafarbenen Pulli mit Häschen-Aufdruck und wirkt zierlich. Klatsch, klatsch, boom. „Nimm die Arme höher, schütze dein Gesicht.“ Rojin verbessert sofort ihre Technik, nimmt die Fäuste hoch. „Die Kleine ist pfiffig, sie setzt Verbesserungsvorschläge sofort um“, sagt Rihm anerkennend.

Beide Arme zur Abwehr nutzen

Auch Omayma überrascht die Trainer. Als Rihm fragt, wie man sich wohl gegen Würgen verteidigen könne, hat die 16-Jährige gleich Ideen. Schläge gegen den Hals des Gegners etwa. „Das ist schon mal ein guter Vorschlag. Aber bedenkt, dass ihr zwei Arme habt.“ In dem Moment schnellt sein Arm schon gegen den der Jugendlichen, die Sekundenbruchteile vorher noch die Hand am Hals des Kampfsportlers hatte. Die Schülerin nickt, sie hat die Übung verstanden. Die zwei tauschen die Rollen. Rihm packt mit rechts den Hals, Omayma schlägt mit der Rechten den Arm den Angreifers runter. Rihm greift mit links zu, Omayma wechselt instinktiv die Hand, schlägt mit links zurück.

Als Kind habe sie in Libyen Kampfsport trainiert, erzählt sie auf Englisch. Deutsch verstehe sie zwar, aber sprechen mag sie es nicht. Basketball und Fußball spiele sie außerdem. „Das merkt man. Jeder Sport hilft, die Koordinationsfähigkeiten zu trainieren“, meint Rihm.

Wie man sich gegen Verfolger wehrt

Wenn man verfolgt wird, sei Abstand halten das Wichtigste. Wenn das nicht mehr funktioniert und der Verfolger bis auf zweieinhalb Meter heran ist, gilt es, die Arme vors Gesicht zu nehmen. „Die Armlänge Abstand, die mal vorgeschlagen wurde, ist Blödsinn“, sagt Trainer Christian Rihm. „Das ist schon viel zu nah.“

Wenn der Verfolger auch die Arme zum Angriff hochnimmt, müsse man schnell sein. Ein Mädchen, dass von erwachsenen Männern angegriffen wird, muss zuerst handeln, wenn kein Weg mehr daran vorbeigeht. „Angriff ist in dem Fall die beste Verteidigung“, ist der Trainer überzeugt.

Natürlich könne man das nicht pauschalisieren. Bei ebenbürtigen Gegnern, sei es für Angreifer auch strafrechtlich relevant. „Aber der Gesetzesgeber achtet auf die Verhältnismäßigkeit.“

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