Pogromnacht

Schüler unterrichten Schüler

Foto: Gero Helm / WAZ FotoPool

Hattingen.  Macher der Ausstellung „Hattingen hat jüdisches Leben - Religion im Alltag“ informieren Jüngere über das Judentum. Heute ist 75. Jahrestag der Pogromnacht.

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„Lecker“ beurteilt Isabell (9) das koschere Haribo – ein Import aus Spanien. Die Schülerin der Grundschule Bredenscheid lässt sich gerade von Achtklässlerinnen der Realschule Grünstraße im Bügeleisenhaus das Judentum erklären – und darf erfahren, dass das Weingummi mit Fischgelatine auch nicht anders schmeckt als das mit Schweinegelatine.

Von dem Erlebnis am gestrigen Freitag wird sie sicher auch am heutigen 75. Jahrestag der Pogromnacht erzählen. Am 9. November 1938 hatten Nazis in ganz Deutschland Synagogen verwüstet und in Brand gesteckt.

Ein Jahr lang befassten sich die evangelischen Religionskurse der Klassen 8 und 10 der Realschule Grünstraße mit dem Judentum, stellten eine Ausstellung auf die Beine, die aktuell im Bügeleisenhaus zu sehen ist. „Der Heimatverein unterstützte uns. Die Ausstellung passt hierher, weil es in dem Haus 90 Jahre lang jüdisches Leben gab, eine Metzgerei war hier. Die Ausstellungsidee entstand durch den Engel der Kulturen“, erklärt Judith Nockemann, Religionslehrerin an der Realschule Grünstraße. Sophia (13) stellte den Kontakt zu ihrer alten Bredenscheider Grundschule her. Die war begeistert von der Idee, dass Schüler Schüler unterrichten.

Eine Stunde dauert das Programm. Die halbe Gruppe lauscht unten im Brunnenraum, sich auf den eigens aus der Grünstraße angeschleppten Riesensitzsäcken lümmelnd, den Ausführungen von Caro (14) und Michelle (13) über jüdische Symbole, Feste, jüdischen Alltag, die Tora, das koschere Essen – und auch über das Nasenvorurteil. Die andere Hälfte der Gruppe aus der gemischten Klasse 3 und 4 bastelt unterm Dach die Innenansicht einer Synagoge, angeleitet von den Museumsmachern.

Tipps von Lehrerin zu Lehrerin gibt’s: „Ich habe Kinderliteratur-Ansichtsexemplare zum Judentum aus der Stadtbibliothek mitgebracht. Wir haben ein kurzes Video gedreht über hebräische Sprache, das man im Unterricht nutzen kann“, so Judith Nockemann.

Die an diesem Morgen knapp 50 Grundschüler reißen sich darum, die Exponate wie den Torazeiger, der beim Lesen statt des Fingers benutzt wird, um die wertvolle Pergamentrolle zu schützen, einmal in der Hand zu halten. Zuvor wussten die Acht- bis Neunjährigen nicht viel über jüdische Tradition. Hinterher wissen sie: Fisch mit Flossen und Schuppen dürfen Juden essen, Krabben aber nicht.

„Lernen durch Lehren war ein Experiment für uns. Aber es hat perfekt funktioniert“, freut sich Judith Nockemann nach der Veranstaltung. Weitere sollen folgen.

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