Gedenken

Schauspieler Roman Knižka: Widerstand gegen rechten Terror leisten

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Foto: Tom Solo

Hattingen.   Schauspieler Roman Knižka setzt sich dem Ensemble Opus 45 gegen das Vergessen ein. Im Interview erklärt er, dass er junge Leute erreichen will.

Schon bald nach dem Untergang des NS-Regimes lebte in Deutschland rechtsextremes Gedankengut wieder auf, bis heute fallen Menschen rechtsextremen und rassistischen Übergriffen zum Opfer. Allein seit der Wiedervereinigung im Jahr 1990 wurden nach jüngsten Recherchen mindestens 169 Menschen von Rechtsextremisten und Neonazis getötet.

Mit dieser Problematik setzen sich Roman Knižka und das Bläserquintett Ensemble Opus 45 bei der zentralen Gedenkfeier der Stadt Hattingen anlässlich der Reichspogromnacht vor 80 Jahren auseinander. Ihre Collage aus Lesung und Kammermusik, die sie am Freitag in der Henrichshütte präsentieren, trägt den Titel „Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen“. Über Inhalt, Intention und die Hintergründe des ca. 80-minütigen Bühnenprogramms sprach WAZ-Redakteurin Sabine Kruse mit dem Schauspieler.

Herr Knižka, Ihr Programmtitel ist das Zitat des Auschwitz-Überlebenden Primo Levi, der bereits vor über 30 Jahren davor warnte, im Gedenken an die Verbrechen des Holocaust nachzulassen.

Knižka: Exakt – und darin liegt auch der Kern dessen, was wir zu sagen haben: dass wir die Gräueltaten der NS-Zeit nicht vergessen dürfen.

Das also ist Ihr Appell?

Knižka: Ja, aber unser Programm hat ein weiteres Anliegen: Vor dem Hintergrund der NS-Gräuel wollen wir den Menschen klarmachen, wie schwer erkämpft unsere freiheitliche demokratische Gesellschaft ist. Wir müssen sie gegen rechten Terror verteidigen.

Die szenische Lesung in der Henrichshütte beleuchtet dabei ausschließlich Ereignisse und Gewalttaten der extremen Rechten seit Gründung der Bundesrepublik: das Attentat auf Rudi Dutschke, die Pogrome von Solingen, Mölln und Rostock, die rechtsextremen Terrorakte des NSU. Warum?

Knižka: Nun, unser Vorläufer-Programm „Den Nazis eine schallende Ohrfeige versetzen!“ behandelte den Widerstand gegen das NS-Regime. Autoren wie Kästner, Brecht, Celan, Oskar Maria Graf oder Tucholsky kamen hier zu Wort. Im Publikum saßen dabei meist gebildete ältere Leute, die sich mit der NS-Zeit ohnehin kritisch und intensiv beschäftigt haben. Mit dem aktuellen Programm wollen wir nun auch beim jüngeren Publikum eine Auseinandersetzung mit rechter Gewalt und Terror anregen. Und das gelingt, so denken wir, leichter, wenn die Ereignisse, von denen im Programm die Rede ist, ihnen auch zeitlich möglichst nahe sind.

Außer Texten wird das Publikum in der Henrichshütte auch Kammermusik hören. Das Bläserquintett Ensemble Opus 45 spielt Werke von Paul Hindemith, Pavel Haas und György Ligeti, alle drei Opfer des NS-Regimes. Welche Bedeutung haben diese musikalischen Beiträge für die Gesamtwirkung des Abends?

Knižka: Eine ganz entscheidende. Mal reagiert die Musik unmittelbar auf einen Text, mal fängt sie eine bestimmte Stimmung ein. In gewisser Weise „moderiert“ die Musik das Konzert. Meine Freunde vom Ensemble Opus 45 machen das wirklich phänomenal!

Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie mit rechtem Gedankengut schon gemacht?

Knižka: Nun, ich Iebe seit 20 Jahren in Berlin und in letzter Zeit begegne ich dort im Alltag immer wieder mal Leuten, die mir ins Gesicht sagen, dass sie rechter Gesinnung sind. Bis hin zu einem Schauspielerkollegen, der neulich im Fernsehen sagte: „Ich bin Rechts.“ Das finde ich schockierend, zumal ich gerade unsere Lebenswelt als Schauspieler immer als besonders aufgeschlossen empfunden habe. Aber auch dort gibt es inzwischen andere Stimmen und ich denke, wir sollten uns damit kritisch auseinandersetzen.

Wie sollte diese Auseinandersetzung denn Ihrer Meinung nach stattfinden?

Knižka: Mich hat zum Beispiel der Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim in Bautzen tief bewegt. So kannte ich meine Heimatstadt nicht. Warum ausgerechnet die Menschen im Osten Deutschlands eine so starke Abwehrhaltung gegenüber Flüchtlingen einnehmen, ist auch rational kaum zu begreifen. Es gibt dort bundesweit die wenigsten Ausländer. Diese Ängste liegen tiefer und sie haben auch mit Nachwendeungerechtigkeiten zu tun, die nun offen zu Tage treten. Von der verfehlten Treuhand-Politik über den Elitenaustausch, die Abwertung von Berufsabschlüssen und den Verlust von Betriebsrenten bis hin zum Generalverdacht ­politischer Rückständigkeit, weil man in der DDR und somit in einer Diktatur gelebt habe. Ich finde es gut, dass nun auch darüber diskutiert wird. Straftaten rechtfertigt dies freilich nicht. Es relativiert sie auch nicht.

Können Argumente denn gegen rechte Gesinnung helfen? Wie ist Ihre Erfahrung?

Knižka: Wenn auch nicht in jedem Fall – aber ja, durchaus. In der ­Lesung etwa lassen wir unter ­anderem eine Neonazi-Aussteigerin zu Wort kommen, die in einer ­kompletten „Naziwelt“ aufgewachsen ist. Heute, mitten in Deutschland! Sie ist in dieser Welt groß ­geworden, hat selbst den Arm zum Hitlergruß erhoben. Am Ende hat sie sich aber von der rechtsextremen Szene losgesagt. Jeder Mensch hat eine Wahl.

>>> Öffentliche Gedenkveranstaltung in Hattingen

Am 9. November begeht Deutschland den 80. Jahrestag der Novemberpogrome, mit denen die Nazis in aller Öffentlichkeit mit der massenhaften Verfolgung und Vernichtung der Juden begannen. Hattingen erinnert daran mit Aktionstagen.

In der Stadt Hattingen findet die zentrale Gedenkfeier zur Reichspogromnacht am kommenden Freitag, 9. November, ab 18.30 Uhr in der Gebläsehalle der Henrichs­hütte, Werksstraße 31-33, statt. Einlass ist ab 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Alle Bürger sind eingeladen.

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