Müll

Psychologische Erklärung für Müllverursacher an der Ruhr

Warum lassen Menschen ihren Müll einfach an der Ruhr in Hattingen zurück? Die WAZ spricht darüber mit der Hattinger Diplom-Psychologin Iris Reichetseder.

Warum lassen Menschen ihren Müll einfach an der Ruhr in Hattingen zurück? Die WAZ spricht darüber mit der Hattinger Diplom-Psychologin Iris Reichetseder.

Foto: Jürgen Theobald / FUNKE Foto Services

Hattingen.  Anne Saalow klagt, dass Menschen Müll an der Ruhr in Hattingen zurücklassen. Warum sie das tun, erklärt die Diplom-Psychologin Iris Reichetseder.

Müll an der Ruhr ist Anne Saalow ein Dorn im Auge. „Vermehrt ist uns in den vergangenen zwei Jahren aufgefallen, dass an den Liegeplätzen an der Ruhrbrücke Müll liegen gelassen wird“, erklärt die WAZ-Leserin. Dabei hat sie gar nichts dagegen, dass die Menschen dort grillen, ihren Spaß haben. „Aber wieso nimmt niemand den Müll mit, wenigstens bis zu den nächsten Mülltonnen, die ja wirklich in unmittelbarerer Nähe er Ruhrbrücke sind?“ Sie bedauert, dass der Mensch das Schöne um ihn herum zerstört, sie möchte die Menschen zum Klimaschutz anregen. Die WAZ wollte wissen: Was geht in den Köpfen der Müllverursacher vor? Darum sprach Liliane Zuuring mit der Hattinger Psychologin Iris Reichetseder.

Was veranlasst Menschen, ihren Müll einfach wegzuschmeißen?

Iris Reichetseder: In erster Linie ist es laut mehrerer Studien Bequemlichkeit, die Menschen jeden Alters dazu verleitet, Müll einfach liegen zulassen oder die Verpackung da, wo man sie geöffnet hat, sofort wegzuwerfen. Der nächste Mülleimer scheint viel zu weit weg zu sein. Da ist nicht das Umweltbewusstsein oder die Mülltrennung vorrangig, sondern wie man den Müll möglichst schnell los wird. Das vermehrte Angebot an Take-Away-Verpackungen fördert auf der einen Seite die Bequemlichkeit der Nahrungsaufnahme, vergrößert aber das Problem der Müllentsorgung.

Warum kommt an Stellen, wo schon Müll liegt, immer mehr dazu?

Iris Reichetseder: Da, wo schon Müll liegt, wird wie selbstverständlich Müll dazu geworfen, oft mit der Begründung „Das fällt dann nicht so auf“, „Andere tun es doch auch“. Damit wird das Gewissen beruhigt, denn man befindet sich doch in „guter“ Gesellschaft.

Wie groß ist der gesellschaftliche Druck?

Iri s Reichetseder: Der Aspekt der sozialen Gruppe, in der man sich bewegt, kommt besonders bei Jugendlichen zum Tragen. Es ist das soziale Umfeld, das Regeln vorgibt, die soziale Norm darstellt und somit das Verhalten stark beeinflusst. Widerstand gegen Regeln zu zeigen gilt bei Jugendlichen als cool. Müllentsorgung als Regel, so wie es in der Schule und zuhause gelernt und geübt wird, wird somit gebrochen. Es ist cool gegen Regeln zu verstoßen, und dabei wird nicht zuerst an die Umwelt oder sogar an Mülltrennung gedacht. Kurz gesagt, die sozialen Einflüsse und die Situation bewirken, ob jemand zum Litterer wird, weniger der Charakter.

Haben Sie schon mal mit Menschen über das Thema gesprochen?

Iris Reichetseder: Ein Jugendlicher sagte mir in einem Gespräch, die Bequemlichkeit sei auch nur die Ausrede dafür, dass es ihm völlig egal sei, es kümmere ihn einfach nicht. So steht auf der einen Seite Umweltbewusstsein und auf der anderen Seite Gleichgültigkeit, Bequemlichkeit und achtloses Wegwerfen. Menschen fühlen sich durch Verbote in ihren persönlichen Freiheiten eingeschränkt und neigen zu Trotzreaktionen.

Was kann getan werden, damit weniger Menschen Müll achtlos entsorgen?

Iris Reichetseder: Es möglichst leicht sein, sich umweltfreundlich zu verhalten, damit der Verlust an Bequemlichkeit nicht zu groß erscheint. Information, Erklärung und Aufklärung scheinen wir genug zu haben, und doch reicht es nicht, um zu einer Routine in der Müllentsorgung zu kommen. Information alleine reicht, das zeigen diverse Experimente und Studien, leider nicht aus. Anreize schaffen hat mehr Erfolg als Verbote auszusprechen. Nicht nur die Anzahl der vorhandenen Mülleimer führt laut einer Berliner Studie zu vermehrter Entsorgung, sondern vor allem deren Auffälligkeit. Die Studie zeigte, ein leuchtend oranger Papierkorb mit einem lustigen Spruch drauf, wurde deutlich öfter benutzt als ein grauer oder grüner Mülleimer. Am besten noch einer, der sich, ausgelöst durch einen Bewegungsmelder, bedankt, wie ein anderes Experiment zeigte.

Gibt es Orte, wo Menschen weniger Müll liegen lassen?

Iris Reichetseder: Bei einer Reise nach Japan ist mir aufgefallen, dass es dort keine Mülleimer und Papierkörbe gibt, aber auch kein Müll in den Straßen und Parks liegt. Ein wesentlicher Anstoß war der Giftgasanschlag 1995, bei dem in Papier gewickelte und dann in Papierkörben gesteckte Plastikflaschen für die Verbreitung des Gases genutzt wurden. Alle Papierkörbe und Mülleimer wurden daraufhin abmontiert. Das führte zu einem strikten Recyclingsystem, aber auch dazu, dass Müllentsorgung zum Gemeinwohl erklärt wurde und jeder Japaner Verantwortung übernimmt, indem der eigene Müll wieder mit nach Hause genommen und dort ordnungsgemäß entsorgt wird. Außerdem ist jedes Geschäft in Japan verpflichtet, nach dem Kauf den restlichen Verpackungsmüll wieder zurückzunehmen.

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