Erinnerungen

Acht Senioren erinnern sich an die Sütterlin-Schrift

Sütterlin-Schrift können heute nur noch wenige lesen.

Foto: Manfred Sander

Sütterlin-Schrift können heute nur noch wenige lesen.

Hattingen./Sprockhövel.   Sütterlin wurde seit 1900 bis 1942 und um 1954 in deutschen Schulen unterrichtet. Hattinger und Sprockhöveler erinnern sich an ihre Schulzeit.

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Im November 1917 ist Ludwig Sütterlin gestorben, also vor genau 100 Jahren. Die von ihm entwickelte Schrift prägte eine ganze Generation. Die WAZ-Redaktion hatte ihre Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, Briefe und Schriften in Sütterlin herauszukramen und ihre Geschichte(n) dazu zu erzählen – und viele meldeten sich. Beispielsweise Karola Schnelle, 85 Jahre alt, die diesen Vers in Sütterlin-Schrift zeigt: „Wenn einer ißt, iß mit! Wenn einer trinkt, trink mit! Wenn einer schafft, laß’n schaffn!“

Im Jahr 1959 zog Josef Katzer nach Hattingen. „Ich komme eigentlich aus der Donauwörther Ecke, an der Grenze zu Mittelfranken“, sagt er. An die „Deutsche Schreibschrift hab ich ganz lebendige Erinnerungen“, sagt Katzer, der am vergangenen Sonntag einen runden Geburtstag feierte: 70 Jahre wurde er. Denn auch in Bayern wurde lange Zeit die schnörkelige Schrift gelehrt, die heute kaum noch jemand lesen kann.

Josef Katzer kann sich noch gut daran erinnern, dass er mit einer Stahlfeder geschrieben hat. „Wenn wir krakelig schrieben, bekamen wir einen Schlag in den Nacken.“ Das waren noch andere Zeiten. Kleine und große Buchstaben lernten sie, alles durcheinander, sagt der 70-Jährige. Die Kenntnis dieser Schrift sei ihm allerdings im Laufe der Jahre „verschütt gegangen. Ich muss bei vielen Buchstaben mittlerweile raten.“

Es habe aber eine Zeit gegeben, da sei die Schrift noch komplizierter gewesen. Sütterlin habe die Schrift schon vereinfacht, sagt Katzer. An sein Schulbuch kann er sich noch gut erinnern. „Deutsche Schreibschrift – Lesen und Schreiben lernen“, hieß es. „Da waren Schriftproben unterschiedlicher Zeiten drin. von 1749, 1814 und 1900.“

2007 habe der Weltbildverlag noch mal ein Buch herausgebracht, indem man die Schriftkunde nachlesen könne. Josef Katzer hat sogar noch einen Taufschein von 1840, von dem 1940 eine Abschrift gemacht wurde. Auch dieses Dokument ist noch in deutscher Schreibschrift. „Wichtig ist für mich, dass ich das noch einigermaßen lesen kann“, sagt der Wahl-Hattinger. „Denn dann weiß ich, wo meine Wurzeln sind.“

Die Mutter kam aus Oberschlesien

Die Wurzeln der Mutter lagen woanders. Sie kam aus Oberschlesien. „Müttlerlicherseits konnten Unterlagen im Krieg gerettet werden. Die konnten wir noch mitnehmen, zum Beispiel einen Taufschein von 1920 in reiner deutscher Schrift von Beamten ausgestellt“, schildert Katzer seine Schätze, die er zu Hause hütet. Ihn interessiert Geschichte generell, die anhand von Dokumenten lebendig und begreifbar wird. Eigentlich kommt er aus seinem Beruf heraus nicht gerade aus der literarischen Ecke. „Als Maschinenbautechniker kommt man um Schrift nicht herum. Dabei sind ja große Unterschiede festzustellen. Manche schreiben gestochen scharf, das bekommt man schon Respekt. Andere wiederum kritzeln Buchstaben, die man kaum erkennen kann.“ Aber ob schön oder schluderig – Josef Katzer liest sich begeistert ein und hat ein Faible für Schriften, Geschichte und Dokumente.

Entstanden sei diese Leidenschaft wohl in seiner Jugend, vermutet der 70-Jährige. Da legte seine Lehrerin großen Wert auf eine Schrift, die tipptopp war. und wehe, wenn ein Schüler anfing zu krickeln zu werden.

Wenn sie anfingen zu krakeln, mussten sie immer schreiben „ich darf nicht kleckern“ erinnert sich der geborene Bayer. Denn dann verstand „Fräulein Lehrerin“, wie die Pädagogin angesprochen werden musste, so gar keinen Spaß mehr. Zuletzt arbeitete der 70-Jährige als Architekt im Bauamt der Stadt. „Da kommt man oft mit alten Dokumenten in Berührung. Ich war immer der einzige, der die noch lesen konnte.“

>>> INFO: Ludwig Süttterlin erfand die Schrift

Ludwig Sütterlin (15. Juli 1865 bis 20. November 1917) war von Beruf Grafiker und zog mit 23 Jahren vom Schwarzwald nach Berlin. Die Schrift erschuf er 1911 im Auftrag des preußischen Kultur- und Schulministeriums, um Schulkindern die Schreibschrift beizubringen.

Von 1924 bis 1941 war Sütterlin die deutsche Standardschrift für die Erstklässler. Dann wurde sie von den Nazis verboten, weil sie angeblich auf sogenannte „Judenlettern“ zurückzuführen war. Von diesem Zeitpunkt an wurde die lateinische Schrift eingeführt.

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Ruth Fiedler: Rauf, runter, rauf, Pünktchen obendrauf

Ein kleines Mädchen mit blonden Locken war Ruth Fiedler, die heute 91 Jahre alt ist und in Bredenscheid lebt. Sie hat noch einen ganz besonderen Schatz in ihrem Haushalt, ein Klassenfoto aus den ersten Schuljahren. „Wir mussten die Lehrerin immer mit Fräulein anreden“, lacht sie. „Das gehörte sich so.“ Die ersten Jahre verbrachte sie in Hagen auf einer katholischen Grundschule.

Bis viertes Schuljahr Sütterlin gelernt

An der rechten Wandseite im Klassenraum war Schneewittchen in ihrem Sarg zu sehen, weiß die 91-Jährige noch. Daneben hingen ganz große Wandtafeln mit dem Alphabet in der Sütterlinschrift, die damals ausschließlich gelehrt wurde. Dann gab es für die kleinen Schülerinnen und Schüler Hilfe in Form von Reimen, damit man in den „Rhythmus“ der Schrift fand, die ja aus lauter Schwüngen und Bögen bestand. „Rauf, runter, rauf, Pünktchen obendrauf“, haben wir immer gelernt. Denn die deutsche Schrift war schnörklig und die Kinder waren angehalten, ordentlich zu schreiben. „Sonst kann man die Schrift auch nicht lesen. Das ist bei der lateinischen Schrift anders.“ Manchmal, gibt die 91-Jährige fitte Dame zu, würden ihr noch heute einige Buchstaben in Sütterlin dazwischen rutschen, wenn sie schreibt.

So eine wunderschöne Schrift wie ihr Vater habe sie aber nie gehabt. „Da war jeder Buchstabe wie gemalt“, schwärmt sie vom Schriftbild ihres Vaters. Sie findet die Sütterlinschrift nicht gerade schnell und einfach zu schreiben. „Da sind ständig irgendwelche Schlingen drin“, sagt sie. Die lateinische Schrift sei im Alltag viel besser zu handhaben, das gehe deutlich einfacher. Lange Zeit hat Ruth Fiedler in der Anzeigenannahme der Zeitung gearbeitet. „Da war ich Mädchen für alles“, sagt sie. Nachher auch nicht nur im Anzeigenbereich tätig, sondern genauso in der Lohnbuchhaltung.“

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Karola Schnelle: Viele Testamente waren noch in deutscher Schrift verfasst

Richtig schön und ordentlich geschrieben hat Karola Schnelle immer. Die heute 85-Jährige durfte 1940 ausschließlich in deutscher Schrift schreiben. „Obwohl die Schrift ja Anfang der 40er Jahre offiziell abgeschafft wurde und man nur noch in der lateinischen Schrift schreiben sollte, hab ich immer noch sehr lange Zeit in Sütterlin geschrieben“, erzählt sie. Sie hat beruflich später in einer Anwaltspraxis gearbeitet und hatte mit vielen Dokumenten zu tun, die noch in Sütterlin verfasst worden waren. „Vor allem bei alten Testamenten war häufig die deutsche Schrift zu finden. Da war ich immer die einzige, die diese Schriftstücke noch lesen konnte. Die Chefs waren immer ganz froh, noch eine Mitarbeiterin zu haben, die das konnte“, freut sich die alte Dame.

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Liesel Schwager: Über jeden Feldzug gibt’s ein Tagebuch

Liesel Schwager ist mit ihren 72 Jahren vergleichsweise jung, wenn es um das Thema deutsche Schrift, also Sütterlin geht. Sie hat noch Kriegstagebücher ihres Vaters und ein Kochbuch, das er geschrieben hatte. „Darin hat er die Rezepte zusammengefasst, die meine Mutter immer gekocht hat“, sagt sie stolz.

Lesen kann sie Sütterlin nicht mehr

Lesen kann sie Sütterlin allerdings nicht, denn sie hat in der Schule beim Schreiben gleich mit der lateinischen Schrift gestartet, die ja ab 1941 offiziell eingeführt worden war. Trotzdem hat sie zu den Heften, die ihr Vater verfasst hat, eine ganz besondere Beziehung.

Ihr Vater, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, hat in den Kriegsjahren ganz besondere Härte erlebt. „Er hat direkt den Polenfeldzug mitgemacht, dann den Frankreichfeldzug und schließlich musste er noch in Russland kämpfen, wo er sehr schwer verwundet wurde“, schildert Liesel Schwager das Schicksal ihres geliebten Papas. Direkt am 1. September 1939 wurde er eingezogen und kam am 1. April 1942 schwer verwundet nach Hause. Er hatte bei einem Angriff den linken Arm verloren. „Über die Grausamkeiten des Krieges hat er uns Kindern nie erzählt, er hat alles immer mit Humor genommen“, sagt die 72-Jährige. Aber drei Tagebücher hat er in den schwierigen Jahren in deutscher Schrift verfasst. Ein eigenes über Polen, Frankreich und Russland.

Als er nach dem Krieg von einem kleinen Jungen gefragt wurde, was mit seinem Arm passiert sei und er - wie immer - antwortete, er habe ihn im Krieg verloren, war die Antwort des Kleinen: „Warum hast du ihn nicht wieder aufgehebt“, erzählt Liesel Schwager. „Wenn der Vater die Geschichte erzählte, haben wir uns ausgeschüttet vor Lachen. Einschließlich mein Vater.“ Er schrieb - natürlich in Sütterlin - immer Briefe und Karten an Verwandte und Freunde, er war ein Freund des Schreibens. „Damals hatten wir kein Telefon, wussten trotzdem immer alle Neuigkeiten über die Freunde.“

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Annelise Gampe: Meine Schulhefte sind eine Rarität

„Meine Schulhefte sind eine echte Rarität“, schwärmt Anneliese Gampe. Ordentlich, sauber und gestochen scharf geschrieben – da kann sich heute manch’ einer eine Scheibe von abschneiden. 92 Jahre alt ist die Hattingerin jetzt und hat noch ihre Originalhefte. „Wir haben damals alle super geschrieben“, sagt sie. Schmierschrift war ganz einfach nicht zugelassen. Das machten allerdings auch die Lehrer vor. Im Zeugnisheft sind auch die Noten in sauberen Buchstaben geschrieben. „Wer hat heute so etwas denn noch“, fragt sie und ist immens stolz auf ihre Schätze.

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Helmut Runge: Das Schreiben mit der Stahlfeder im Kunstunterricht hat Spaß gemacht

Ein künstlerisches Talent war er nie, sagt Helmut Runge von sich. Der 66-jährige „Jungspund“ hat natürlich in der Schule kein Sütterlin mehr gelernt, schließlich ist er 1951 erst geboren worden, da war die schwungvolle deutsche Schnörkelschrift schon lange aus dem Verkehr gezogen. Aber er hat Sütterlin im Kunstunterricht in Lippstadt gelernt. „Das hat total Spaß gemacht“, sagt der Hattinger. „Je nachdem, ob ich die Feder senkrecht oder waagerecht gehalten habe, wurden die Striche sehr schmal oder auch richtig breit.“

Der Kreativität konnte er allerdings nicht einfach freien Lauf lassen. „Was wir im Kunstunterricht machen mussten, war vorgegeben.“ Mit 22 Jahren kam der Radio- und Fernmeldetechniker nach Herne und beherrschte eine aussterbende Kunst: Er konnte mit der Stahlfeder schreiben. Das hat bei dem Techniker zumindest teilweise bis heute Spuren hinterlassen. „Ich kann die deutsche Schrift immer noch einigermaßen lesen“, sagt der 66-Jährige. Aber beim Schreiben hört es dann wirklich auf. „Das kann ich nicht mehr.“

Wie viele, die der Sütterlinschrift nicht mächtig sind, hat auch der „Künstler an der Stahlfeder“ mit diversen Buchstaben so seine Probleme. „Das ist ja so kompliziert. Da muss man zum Beispiel am Wortende ein s anders schreiben als mitten im Wort. Auch das S ist dem F ziemlich ähnlich, so dass man manchmal beim Lesen ins Rätseln kommt, wie das Wort nun ausgesprochen wird.“

Da die Schrift 1941 von den Nazionalsozialisten verboten und auf die lateinische Schrift umgestellt worden war, hat er sich - als Hitlers Buch „Mein Kampf“ im Internet freigegeben worden war - das Buch runtergeladen. „An Schrift und Inhalt verliert man allerdings schnell die Lust“, sagt Runge.

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Annelise Schaub: Sütterlin schreibt sich viel langsamer

1938 wurde sie eingeschult, „damals gab es nur die Sütterlinschrift“, sagt die 85 Jahre alte Dame aus Niedersprockhövel. Sie kann noch aus dem Kopf das Alphabet in der deutschen Schrift scheiben, „obwohl wir damals ja kaum zur Schule gegangen sind“, stellt sie mit Wehmut fest.

Wie bei allen Leserinnen und Lesern, die sich zum Thema Sütterlinschrift bei der WAZ-Redaktion gemeldet haben, kommt bei der älteren Generation immer gleich auch der ganze geschichtliche Hintergrund der schlimmen Hitlerzeit wieder ins Gedächtnis.

„Ich bin damals bei Pflegeeltern aufgewachsen“, schildert Anneliese Schaub ihre Situation. Als sie 20 Jahre alt war, wusste sie nicht mehr, wie es für sie weitergehen sollte, doch dann habe sie sich entschlossen, dem Leben wieder einen Sinn zu geben und weiter zu kämpfen. Sie sei gerne zur Schule gegangen, habe gerne gelernt, aber die Kriegsjahre warfen sie in der Bildung zurück. „Wirklich aufholen konnte man das ja nicht mehr“, sagt Anneliese Schaub.

Probleme mit dem X und dem Y

Die deutsche Schrift ist ihr so sehr ans Herz gewachsen, dass sie die ­lateinische Schrift nur in großen Druckbuchstaben schreiben konnte und auch immer noch kann. Allerdings, räumt sie ein, habe sie immer einige Schwierigkeiten mit manchen Sütterlin-Buchstaben gehabt. So bereiteten das X und das Y ihr immer Probleme. Das Y sieht in der Tat in der Sütterlinschrift arg verschnörkelt aus. „Und das V deutet man heute eigentlich eher als ein W. Das W hat allerdings noch viel mehr Bögen und Schwünge, die man beachten muss. Das schreibt sich alles viel langsamer als die lateinische Schrift heute.“

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Helmut Engel: Schulaufsatz Bomben auf England

Helmut Engels, 1929 in Langenberg geboren (und fit wie ein Turnschuh), wurde 1936 eingeschult. Natürlich lernte er in diesen Jahren in der Volksschule schreiben mit der Süttlerinschrift. „Erst später haben wir gelernt, die Druckschrift zu schreiben“, sagt er. Auch bei ihm ist das Erlernen dieser Schrift eng mit Erinnerungen an die Kriegsjahre verbunden geblieben.

Der Aufsatz, den er am 28. September 1940 schreiben musste, hatte das Thema „Bomben auf England“ vorgegeben. Erst viel später, sagt der ehemalige Lehrer, sei ihm klar geworden, was man da mit ihm und den anderen Schülern im Alter von elf Jahren angestellt hat. „Wir hörten jeden Tag die Wehrmachtsberichte über den Volksempfänger. Und da wurde an dem Tag berichtet, dass die Engländer die Deutschen angegriffen haben, Bethel, aber auch Krankenhäuser getroffen worden seien“, erzählt der 88-Jährige. Über die Reaktion der Deutschen sei dann offiziell übers Radio gesagt worden, Deutschland habe zurückgeschlagen. „Natürlich haben wir dann nur gehört, dass keine zivilen Objekte angegriffen worden seien, sondern ausschließlich militärische. „So etwas glaubt man als Elfjähriger dann natürlich, weil man einfach noch nicht so kritisch sein kann.“ Helmut Engels hält seinen Aufsatz aus dem Jahr 1940, verfasst in Sütterlinschrift, in den Händen und kommt aus dem Kopfschütteln kaum mehr heraus. „Wie sind wir als Kinder verführt und beeinflusst worden“, sagt er. Dabei hat er sehr schreckliche Erfahrungen gemacht als Jugendlicher. Er musste mit 15 Jahren Schützengräben ausheben. Mit anderen Jugendlichen stand er auf einem Feld, einen Spaten in der Hand und schuftete, als ein Flieger ankam und eine Bombe abwarf.“Danach waren zwei der Jungen, die mit mir auf dem Feld gearbeitet haben, nur noch Fetzen“, erinnert sich der Lehrer an die grauenhafte Zeit zurück.

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