Landwirtschaft

Landwirte in der Region setzen auf Nachhaltigkeit

Dirk Kalthaus  – hier in seinem neuen Kuhstall auf Rüggeberg – hat die Nachhaltigkeitsoffensive mit ausgearbeitet.

Foto: Jens Stubbe

Dirk Kalthaus – hier in seinem neuen Kuhstall auf Rüggeberg – hat die Nachhaltigkeitsoffensive mit ausgearbeitet. Foto: Jens Stubbe

Hattingen.   Die Landwirte im Ennepe-Ruhr-Kreis und Hagen starten eine Nachhaltigkeitsoffensive. Gesellschaftliche Ansprüche haben sich verändert.

Mit einer Nachhaltigkeitsoffensive will der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband die Mitgliedsbetriebe für das Jahr 2030 neu aufstellen. Das hat Auswirkungen auf die Landwirte vor Ort. Dirk Kalthaus, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Ennepe-Ruhr/Hagen, gehört einer Arbeitsgruppe an, die sich in den letzten eineinhalb Jahren intensiv mit der Thematik beschäftigt hat. Jens Stubbe sprach mit dem Milchbauern über das Thema.

Nachhaltigkeit ist seit vielen Jahren Thema in allen gesellschaftlichen Bereichen. Warum rückt es jetzt in den Fokus der Landwirte?

Dirk Kalthaus: Bei den weiterverarbeitenden Unternehmen wie Schlachthöfen und Molkereien wird schon länger über Nachhaltigkeit gesprochen. Auch die Endkunden legen immer mehr Wert darauf, dass Produkte nachhaltig hergestellt wurden. Von daher gewinnt nachhaltiges Handeln auch auf Erzeugerseite mehr und mehr an Bedeutung. Dem tragen wir in den letzten Jahren Rechnung.

Wie sieht das konkret aus?

Wir haben eine sogenannte Fokus-Gruppe eingerichtet. Darin haben Landwirte, Vertreter der Kammer, aber auch Landfrauen und Mitglieder der Landjugend in sieben Workshops mitgearbeitet. Begleitet wurden wir dabei von einem externen Berater-Unternehmen. Am Anfang haben wir einen Journalisten, einen Vertreter des Einzelhandels und den Hauptgeschäftsführer des Naturschutzbundes eingeladen und sie gebeten, uns Input zu geben. Damit war eine Basis für einen Prozess gelegt, an dessen Ende eine Vision 2030 herausgekommen ist. Die diskutieren wir gerade in den Ortsverbänden. Teilweise kontrovers. Aber: Die gesellschaftlichen Ansprüche an die Landwirtschaft haben sich eben geändert.

Warum? Wird das Projekt „Nachhaltigkeit“ so kritisch gesehen?

Nein. Das kann man nicht so generell sagen. Aber: Es beinhaltet eine selbstkritische Reflexion. Wir haben den Finger durchaus in die eigene Wunde gelegt. Wenn zum Beispiel davon die Rede ist, dass Landwirtschaft Boden, Wasser und Luft schädigt, so müssen einige – und das kann ich durchaus nachvollziehen – erstmal schlucken.

Weshalb schreiben Sie das so auf?

In vielen Bereichen ist das, was wir Landwirte seit Jahren tun, völlig in Ordnung. Aber eben nicht in allen. Wir wollen in die Offensive gehen, herauskommen aus einer Opferrolle und einer Abwehrhaltung. Wir wollen von uns aus etwas anbieten und damit einen Gegenpol bilden zu manchen Organisationen, die völlig unsachlich unterwegs sind und unsere Arbeit verteufeln. Uns ist klar: Die Diskussionen sind wichtig, müssen aber irgendwann vorüber sein. Dann wollen wir Dinge konkret umsetzen.

Ist die Bereitschaft, sich zu bewegen, eine Generationenfrage?

Nein. Das würde ich so pauschal nicht unterschreiben. Wenngleich die jungen Landwirte durch ihre Ausbildung an den Schulen vielleicht eine etwas andere Einstellung mitbringen. Und: Ich kann durchaus nachvollziehen, dass es einigen schwerer fällt, sich auf einen neuen Weg einzulassen, obwohl sie doch auf dem alten über viele Jahre gut unterwegs waren.

Was haben die Landwirte denn konkret vor?

Zunächst mal muss klar sein: Vieles geht nicht von heute auf morgen – auch wenn Einzelhandel und Verbraucher das gerne wollen. Aber wir sind bereit, uns auf den Weg zu machen. Beispiel: Wir haben festgeschrieben, dass wir auf das Enthörnen der Kälber weitestgehend verzichten wollen. Aber: Es gibt eine Hornloszucht, die schon jetzt rund 30 Prozent ausmacht – Tendenz steigend. Aber der Genetik-Pool ist relativ eng. Würde man ab sofort nur noch auf diese Zucht setzen, könnten sich andere Faktoren verschlechtern – mit erheblichen Folgen für die nachfolgenden Milchkuh-Generationen. Grundsätzlich rückt das Tierwohl in den Fokus. Aber das ist auch immer mit Kosten verbunden.

Also muss der Kunde mitziehen...

Bei einer Untersuchung ist herausgekommen, dass 90 Prozent der Befragten bereit sind, für hochwertige Lebensmittel bis zu 30 Prozent mehr zu bezahlen. Als man dann aber deren Kaufverhalten überprüft hat, haben wiederum 100 Prozent die Produkte mit dem günstigsten Preis gekauft. Letztlich wird auch mit den Füßen abgestimmt. Ich will da nicht falsch verstanden werden: Das kann man den Menschen nicht verübeln. Auch ich als Landwirt achte ja darauf, dass ich zu möglichst günstigen Konditionen einkaufe.

Was macht denn Nachhaltigkeit aus Ihrer Sicht aus?

Es gibt eine ökologische Komponente. Aber für uns Landwirte eben auch eine soziale und nicht zuletzt auch eine wirtschaftliche.

Was bedeutet denn „soziale Nachhaltigkeit“ für Sie?

Viele Landwirte leben mit mehreren Generationen unter einem Dach. Sie sind auf die Familie angewiesen. Wenn es mal richtig knallt, dann gefährdet das automatisch die Existenz des Betriebs. Kirchen und andere Institutionen bieten eine Sozial-Beratung, die solche Probleme ins Visier nimmt. Das hat auch etwas mit Nachhaltigkeit zu tun.

Und wie steht es um die Wirtschaftlichkeit?

Eine ganz wichtige Säule. Wir Landwirte und unsere Familien müssen von dem, was wir tun, leben können. Sonst können unsere Betriebe nicht existieren. Veränderung kostet Geld. Dafür brauchen wir einen Ausgleich. Jeder Betrieb muss einen Einklang zwischen Ökologie, Sozialem, Wirtschaftlichkeit finden.

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