Krieg

Hattingerinnen haben Angst um Angehörige in Afrin

Informieren sich: Narin Joja (31), Alyaa (40), Roken Akkasch (38), Zeyneb Ali Rescho und Rula Ahmed.

Foto: Svenja Hanusch

Informieren sich: Narin Joja (31), Alyaa (40), Roken Akkasch (38), Zeyneb Ali Rescho und Rula Ahmed. Foto: Svenja Hanusch

hattingen.   Krieg und Vorrücken türkischer Truppen lässt syrische Frauen nicht zur Ruhe kommen. Sie tauschen sich aus über Ängste, Sorgen, hoffen auf Hilfe.

Wo ist die Welt? Wo ist das Gewissen? Helft uns, diesen Krieg zu beenden, bitten Frauen aus Afrin. Sie selbst, ihre Männer und die Kinder sind in Hattingen seit zwei bis drei Jahren in Sicherheit. Doch die Mütter kommen nicht zur Ruhe. Eltern, Geschwister, die ganze Verwandtschaft lebt in der kurdischen Stadt im Norden Syriens. Türkische Truppen rücken dort immer näher.

Bürger für den Krieg interessieren

Viele Schulen seien bombardiert worden, viele Kinder und Erwachsene getötet, erzählen die Hattingerinnen. Kein Tag, an dem sie nicht versuchen, Mutter, Vater, Bruder, Schwester und andere Verwandte telefonisch zu erreichen. Sich bang fragen, wenn kein Kontakt zustande kommt: „Leben sie noch? Nicht nur Roken Akkasch ist hin und her gerissen. Die 38-Jährige, die mit zwei Kindern im Alter von zehn und 13 Jahren hier lebt, war drauf und dran zurückzugehen, weil sie die Zerrissenheit und Unsicherheit manchmal nicht mehr aushält. Nicht zu wissen, ob es den Verwandten gut geht, ob sie überhaupt noch am Leben sind.

Dass sich die Frauen nach dem Gespräch im Bürgertreff Holschentor bei Rula Ahmed treffen, in deren Wohnzimmer unser Foto gemacht wird, ist nicht gestellt. Sie kommen auch so öfter zusammen, sehen kurdische Nachrichtensender und tauschen sich über ihre Ängste und Sorgen aus. Hier muss keine viel erklären, jede weiß, wie es der anderen geht. Die 30-Jährige, die vier Kinder zwischen sieben und elf Jahren hat, brüht derweil Kaffee mit Kardamom auf. So redet es sich besser.

Am Wochenende haben sie sich bei einer Kundgebung zum internationalen Frauentag der Gruppe Courage getroffen und versucht, die Öffentlichkeit ins Boot zu holen und Bürger für den Krieg zu interessieren, der für die meisten Menschen hier weit weg ist. Nicht aber für die Frauen aus Syrien, die auch die Menschen vor Ort aufrütteln, ihnen klar machen möchten, dass der Krieg dort die Menschen hier etwas angeht, weil Betroffene mitten unter ihnen leben.

Die Kinder bekommen die Nöte der Mütter mit. Sie fragen nicht nur, „warum weinst du?“ sondern wollen auch wissen, woher die Waffen und Panzer kommen, mit denen der Krieg geführt wird. Zeyneb Ali Reschno allerdings verschweigt ihrer Mutter, was in Afrin geschieht. Ihre Schwester lebt noch dort. Sie hält die Wahrheit von der Mutter fern, die sie nicht verkraften würde. Erzählt, sie habe mit der Schwester gesprochen, es gehe ihr gut. Auch wenn sie sie gerade nicht erreicht hat.

Sie alle hoffen auf Unterstützung, um Präsident Erdogan zu stoppen. Es gebe kein Wasser. Keine Lebensmittel. Kein Brot für die Menschen. Stattdessen Bomben, Angst, Ungerechtigkeit und Unsicherheit. Eigentlich sollten sie von ihren Kindern erzählen. Wie es ihnen in der Schule gefällt. Ob sie Freunde gefunden haben. Wie es sich in ihrem Stadtteil lebt und wie das Zusammenleben mit den Nachbarn ist.

Doch die Frauen fühlen sich oft, formuliert es eine von ihnen, „wie ein Körper ohne Seele“. Sie alle finden keine Ruhe, keinen Frieden, sehen keine Zukunft, haben Schwierigkeiten, den Alltag zu meistern, sagen: „Wir haben nichts getan.“ Und fragen sich und andere: „Warum kann Europa das nicht stoppen?“

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