Gericht

Hattinger Gericht setzt Prozess im Krankenhaus fort

Foto: Oliver Berg

Hattingen.   Richter, Verteidiger und Staatsanwalt besuchen das Opfer einer Prügelattacke auf Station, um den Fall abzuschließen – mit einem Freispruch.

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Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, kommt der Berg eben zum Propheten, lautet ein Sprichwort, das nur allzugut zu den Ereignissen im Amtsgericht passt. Kurzerhand verlegte Richter Johannes Kimmeskamp die Zeugenbefragung in ein Patientenzimmer, mitsamt dem Staatsanwalt, Verteidiger und Angeklagtem. Doch der Reihe nach. Was war geschehen?

Dem Angeklagten (29) wurde zur Last gelegt, einen Mitbewohner der Obdachlosenunterkunft mit einem 30 Zentimeter langen Gegenstand auf den Kopf geschlagen zu haben. Das Problem: Das Opfer hatte zum Zeitpunkt der Vernehmung 3,5 Promille Alkohol im Blut. Dass der Mann alkoholkrank sei und deshalb eine hohe Alkoholtoleranz habe, war den Polizisten vor Ort bewusst. „Er drückte sich trotz hoher Werte klar aus“, sagte die Polizeibeamtin P. deshalb aus.

Aussage mit 3,5 Promille

Bei einer späteren Vernehmung habe der Geschädigte Abstand von seiner Aussage genommen. Bei dem nun Angeklagten fanden Beamte schließlich einen abgebrochenen Besenstiel, der als Tatwerkzeug in Frage kam.

„Dabei war ich zum Tatzeitpunkt gar nicht zu Hause“, meinte der 29-Jährige. Was auch die Polizeibeamtin vermutete: „Sein Zimmer war an dem Abend von außen mit einem Vorhängeschloss versperrt.“

Opfer erscheint nicht vor Gericht

Das Opfer erschien nicht zum Termin vor Gericht. Der Angeklagte stellte jedoch Vermutungen an, wo sich der Mann aktuell aufhalten könne. Kurzerhand bat Kimmeskamp die Polizeibeamtin um Unterstützung: „Vielleicht können ihre Kollegen den Mann herbringen.“ Nach wenigen Minuten war der Aufenthaltsort des Zeugen bekannt: das evangelische Krankenhaus.

Kurzentschlossen erkundigte sich Richter Kimmeskamp auf der zuständigen Station über den Zustand des Zeugen. Ansprechbar sei er. „Sollen wir hinfahren? Wir vernehmen ihn dort.“

Fahrgemeinschaft ins Krankenhaus

In einer Fahrgemeinschaft machten sich die Prozessbeteiligten auf den Weg und erhielt die Bestätigung, dass der Angeklagte es nicht war. Zurück im Amtsgericht plädierten beide Seiten für einen Freispruch, die Tat sei nicht beweisbar. Kimmeskamp folgte dem Vorschlag. Der Krankenhausbesuch war zeitlich nur möglich, weil die nachfolgende Verhandlung ausfiel.

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