Literatur

Hattinger Erinnerungen im „Tagebuch eines alten Priesters“

Martin Patzek, Priester im besonderen Dienst in Hattingen, hat sein Tagebuch veröffentlicht.

Martin Patzek, Priester im besonderen Dienst in Hattingen, hat sein Tagebuch veröffentlicht.

Foto: Svenja Hanusch / FUNKE Foto Services

Hattingen.  Martin Patzek veröffentlicht sein Tagebuch „Ich spür nicht Rücken, sondern Seele“. Im Interview spricht er über Glauben, Blankenstein, Politik.

Ausverkauft war die Lesung von Dr. Martin Patzek im Januar 2019 in der „Kleinen Affäre“ in Blankenstein. Der Priester im besonderen Dienst las damals aus seinem noch unveröffentlichten Tagebuch „Ich spür nicht Rücken, sondern Seele“. Nun ist das Buch erschienen. Julian Resch spricht Martin Patzek über sein Leben, das Tagebuch, zeitgemäße Religion und auch über Politik.

Wie kamen Sie auf die Idee, ein Tagebuch zu führen und es zu veröffentlichen? Was hat sie dazu motiviert?

Martin Patzek Das Motiv ist das ’Tagebuch eines frommen Chaoten’. Als alter Priester (74) wollte ich mich vom alltäglichen Dienst verabschieden und die Chance der mir verbleibenden Zeit wahrnehmen. Dazu gehörte, ihre Zumutungen zu ertragen und ihre Erfüllung auszukosten. Mein ‚Memoire‘ hat mir geholfen, den Alltag zu leben. Es schenkt mir Erinnerungen. Ganz bei Trost spüre ich eine heilsame Wirkung.

Aus Ihrer Sicht: Worum geht es in „Ich spür nicht Rücken, sondern Seele“? Was wollen Sie den Lesern mit auf den Weg geben?

Die Spiritualität eines Priesters im biblischen Alter: ‘Unser Leben währt siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, sind es achtzig’, heißt es in Psalm 90,10. Zunächst unsystematisch und bruchstückhaft, aber autobiografisch war das Tagebuch eine der Krücken, mit denen ich durch Blankenstein und anderswo ging. Ich spür nicht Rücken, sondern Seele im christlichen Leben, das Werte vermittelt. Es entsteht aus der Wärme menschlichen Miteinanders im Bereich von Gemeinde und Quartier.

Auf der Buchrückseite steht: „Das Tagebuch hat geholfen, Probleme zu lösen“. Welche Probleme waren das und wie sehen die Lösungen aus?

Im Angesicht der Leib- und Seelsorge meines Berufes geht es um den Sinn des Lebens, der Liebe aber auch des Leids, der Krankheit, des Älterwerdens und des Sterbens. In Blankenstein lebe ich nicht allein, die Pfarrei St. Peter und Paul mit der Filiale St. Johann Baptist ist mein Zuhause. Das Christsein gerade als Priester gibt mir Hoffnung über das Sterben hinaus. Trotzdem gibt es sehr wohl Probleme, die nicht gelöst, sondern nur ausgehalten werden können.

Welche zum Beispiel?

Zurückblickend kenne ich fast alle Höhen und Tiefen der Beziehungsfähigkeit von Priestern. Immer, wenn es zur Entscheidung drängte, war mir meine Berufung wichtiger, führte mich Gott auf neue Wege und zeigte mir andere Perspektiven. Das einzige, was mir hin und wieder auf- und einfällt, sind die fehlenden Enkel. Aber ob ich der richtige ‘Opa fürs Gröbste’ wäre, ohne Oma?

Die Caritas spielt in Ihrem Leben eine große Rolle. Wieso ist Ihnen das so wichtig? Gibt es Projekte, die Sie besonders intensiv unterstützt haben?

Mein ganzes berufliches Leben hatte mit Caritas zu tun: Deus caritas est heißt Gott ist die Liebe! Die Familie war von der Gemeindecaritas geprägt, mein Engagement galt Obdachlosen und gestaltete sich als Caritaspriester in Gemeinde, Verein und Verband. Aktuell bin ich Stiftungsseelsorger der Theresia-Albers-Stiftung in unserer Stadt. Besonders am Herzen liegen mir unsere behinderten und älteren Mitmenschen.

Die Kirche, egal ob katholisch oder evangelisch, verliert immer mehr Mitglieder. Wieso spielt die Kirche und/oder der Glaube in immer weniger Menschenleben eine Rolle? Oder trügt das Bild?

Wenngleich ich mich über eine volle Kirche freue, messe ich den Glauben meiner Mitmenschen nicht am Kirchenbesuch. Einmal geben wir Antworten auf den Sinn des Lebens, der Liebe aber auch des Leids, des Älterwerdens, des Sterbens und des Todes. Da sind wir gefragt. Zum anderen stellen wir uns den Themen Frauenbewegung, Gleichstellung und Homosexualität. Sexueller und spiritueller Missbrauch sind Verbrechen.

In ihrem Tagebuch kommen auch immer wieder politische Inhalte vor, wie passt Religion und Politik zusammen?

Bürgerschaftliches Engagement, zum Beispiel in Blankenstein und Umgebung, gehört bei beiden Kirchengemeinden selbstverständlich dazu. Gemeinde- und Ortsfeste sind verbunden. Es gibt keine Berührungsängste mit den Kirchen.

Und wie blicken Sie auf das aktuelle politische Geschehen?

Die Tagespolitik interessiert mich in der Verantwortung als Bürger und Christ. Wenn es um die Armen geht, engagiere ich mich politisch. Ob es in unserer Stiftung um bezahlbaren Wohnraum geht, oder ob wir uns beruflich oder ehrenamtlich um behinderte oder ältere Mitmenschen kümmern, investieren wir Zeit und Geld als modernes Zeichen von Liebe. Parteiprogramme messe ich am sozialen Engagement und der Zusammenarbeit mit allen Religionsgemeinschaften. Mein Tagebuch war meine Wegstrecke in der Hoffnung, Vertrauen, Lebensbejahung und Beziehungsfähigkeit nicht zu verlieren.

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