Gesichter und Geschichte(n)

Hattingen: Wohlgemuths Herz für die Heimat und die Arbeiter

Otto Wohlgemuth im Bügeleisenhaus, in dem er seine letzten Lebensjahre verbracht hat. Das Foto stammt aus dem Jahr 1963.

Otto Wohlgemuth im Bügeleisenhaus, in dem er seine letzten Lebensjahre verbracht hat. Das Foto stammt aus dem Jahr 1963.

Foto: Heimatverein

Hattingen.  Dichter und Erzähler, Arbeiter und Familienmensch: Otto Wohlgemuth hat Hattingen geprägt – er war der letzte Bewohner des Bügeleisenhauses.

Heimat und Arbeit, mehr Schlagworte braucht es für Otto Wohlgemuth nicht. Er gilt als ein heraus­ragender Ruhrgebiets-Poet, als bodenständiger Lyriker und Erzähler des Rhein-Ruhr-Gebiets. Er wird als „Arbeiterdichter mit kraftvoller, klarer Sprache“ beschrieben, „schwerblütigen Versen von harter Arbeit unter Tage und den Mythen der Tiefe, des Dunkels und der Ruhrlandschaft“. Kein Zweifel, der Hattinger hat seine Spuren hinterlassen – und er ist der letzte Bewohner des Bügeleisenhauses gewesen.

Nehmen wir Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann (1862-1946), der einer der großen deutschen Schriftsteller des Naturalismus ist. Er lobt seinen Kollegen in den höchsten Tönen: „Otto Wohlgemuth hat mit seiner Literatur eine Form gefunden, in der etwas lodert wie brennende Kohle.“

Otto Wohlgemuth wird 1884 als sechstes von 13 Kindern geboren

Otto Wohlgemuth wird am 30. März 1884 im Haus an der Langenberger Straße 5 als sechstes von 13 Kindern einer Bergmanns-Familie geboren. Er wächst in Klein Langenberg auf, einem verschwundenen, aber nie vergessenen Quartier des alten Hattingens. Der kleine Otto­ besucht die Volksschule, er macht eine Lehre in der Wolffschen Eisengießerei in Linden – und beginnt einen Tag nach seinem 16. Geburtstag doch auf der Zeche Friedlicher Nachbar in Bredenscheid und fährt wie sein Vater unter Tage ein. Am 31. März 1900 hat er seine erste Schicht im Schacht.

Wohlgemuth heiratet 1903 die zwei Jahre ältere Fabrikarbeiterin Anna Nöllecke, sie leben in Armut. Er flüchtet sich in Gedankenwelten, in die Literatur, orientiert sich am Bergarbeiterdichter Heinrich Kämpchen – und macht die für ihn „unerhörte Entdeckung“ der Reclam-Universalbibliothek. Er fährt extra Nacht- und andere Sonderschichten, um sich für jeweils 20 Pfennige die Gedichtbände der von ihm verehrten Annette von Droste-Hülshoff, Eduard Mörike, Joseph von Eichendorff und Ludwig Uhland kaufen zu können.

Seine Gemälde halten zumeist die Dunkelheit unter Tage fest

„Seit meinem 18. Lebensjahr habe ich versucht, das, was ich in der Erde und über Tage zutiefst in mir erlebte, niederzuschreiben, dichterisch zu gestalten“, schreibt Wohlgemuth in seinen Memoiren. Er pflegt seine lyrische Vorliebe, schreibt natur- und heimatverbundene Gedichte, später stellt er die Arbeiter mehr und mehr in den Mittelpunkt. Er malt auch, hält zumeist die Dunkelheit unter Tage in seinen Gemälden fest.

Sein Leben steht oft auf der Kippe: Er hat einen schwerer Grubenunfall, trägt einen Nierenschaden davon, wird einberufen. Zum Ende des Ersten Weltkriegs liegt er in einem Krefelder Lazarett, weil er auf einer Transportfahrt nach Russland an der Spanischen Grippe erkrankt war.

Er zieht mit seiner Familie nach Nierenhof, nach Siegen und wird Bibliothekar in Gelsenkirchen. Er lernt seine zweiten Ehefrau kennen. die Lehrerin Ottilie Kerper.

1942 wird er aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen

1933 wird Otto Wohlgemuth wegen seiner Mitgliedschaft in der SPD von den Nazis zwangsweise in den Ruhestand versetzt. Doch er arrangiert sich mit dem Regime und tritt der NSDAP bei – damit er für seine Kumpel weiterhin Lesungen und Vorträge halten kann. Sein Wirken bleibt zunächst unbemerkt, doch 1942 wird er aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, ein Jahr später dürfen auch seine Bücher nicht mehr verlegt werden.

Bei der Entnazifizierung wird er als „nicht besonders belastet“ eingestuft, sein Gesuch auf Wiedergutmachung bringt ihm eine höhere Pension. Mit seinen Gedichten ist er schnell wieder präsent, wird zu Lesungen im Ruhrgebiet und Westfalen eingeladen. Otto Wohlgemuth widmet sich einer Arbeiter-Anthologie – und mit 78 Jahren kehrt er in seine Heimatstadt Hattingen zurück.

Seine Memoiren bleiben ein Fragment – er stirbt mit 81

Er zieht ins Bügeleisenhaus ein und heiratet seine dritte Frau, die Krankenschwester Marie Wittenbecher. „Die einsame schwere Schönheit der unterirdischen Grubenlandschaft der Allgemeinheit näher zu bringen“ – so schreibt er es hier auf, sei die Motivation für sein literarisches Schaffen gewesen. Leider bleibe seine Memoiren ein Fragment. Und doch gibt es eine Art Vermächtnis: Er fordert jüngere Kollegen auf, „für die Nachwelt erhaltenswert erscheinende literarische Werke zu schaffen“. Er selbst hat das geschafft. Wohlgemuth stirbt am 15. August 1965 im Alter von 81 Jahren.

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