Gesichter und Geschichte(n)

Hattingen: Willi Michels – Kämpfer für mehr Mitbestimmung

Willi und Willy: Willi Michels unterstützt am 17. September 1965 auf dem Hattinger Untermarkt die SPD-Ikone Willy Brandt bei seiner ersten Kanzlerkandidatur.

Willi und Willy: Willi Michels unterstützt am 17. September 1965 auf dem Hattinger Untermarkt die SPD-Ikone Willy Brandt bei seiner ersten Kanzlerkandidatur.

Foto: Walter Fischer, REPRO / FUNKE Foto Services

Hattingen.  Von Welper aus in die Welt – und dennoch hat Willi Michels seinen Ortsteil in Hattingen geprägt wie kaum eine andere Persönlichkeit.

Arbeiterführer Willi Michels, ja, soziales Gewissen, Kämpfer und Kümmerer, auch das. Sozialdemokrat, Bürgermeister, Bundestagsabgeordneter. Ehemann und Vater. Fußballfan. Vor allem aber eines: Welperaner – das ist er!

Heute wäre Willi Michels womöglich Influencer – mit Geschick Netzwerke weben, Meinung streuen, Einfluss nehmen. Alles im posi­tiven Sinne wohlgemerkt. „Er verfolgte seine Ziele unerschütterlich und fest, hatte zugleich aber auch ein weiches Gemüt, das sich leicht zu Tränen rühren ließ“, schreibt Frank Bünte, ehemals Chefredakteur der Westfälischen Rundschau, 2008 in seiner Michels-Biographie „Ein Leben für den Neuanfang“.

Geboren wird Willi Michels im Schatten der Henrichshütte

Willi Michels wird am 27. September 1919 im Schatten der Henrichshütte geboren. Er besucht die Volksschule, wird auf der Hütte zum Formschmied ausgebildet, überlebt Krieg und Gefangenschaft. Er tritt in die SPD ein, wird IG-Metall-Mitglied. Er will vorankommen, strebt nach Höherem – wenn er nach mehr Macht greift, dann nur, um sein größtes Anliegen, die Mitbestimmung, zu fördern.

Von der Hütte führt ihn sein Weg als erster Deutscher zum Präsidenten des Montanausschusses der Berg- und Metallarbeitergewerkschaft in Luxemburg, vom Bürgermeister seiner Heimatgemeinde (1951-62) zum Bundestagsabgeordneten (1961-72) – und vom IG-Metall-Vorstandsmitglied zu einem der wichtigen Motoren in der sozialen Bewegung. Michels ist überzeugt, dass neben der politischen auch die wirtschaftliche Demokratie in Gestalt der paritätischen Mitbestimmung unabdingbar sei.

Willi Michels ist Welper und vor allem ist Welper Willi Michels – kaum eine Persönlichkeit hat den Ort geprägt wie er. Als Bürgermeister hat er das einst zum Amt Blankenstein gehörende Welper in den Aufbaujahren mit Bürgernähe und Kommunikationsfreude geformt. Selbstverständlich geht er Ende der 1960er-Jahre im Kampf gegen die Eingemeindung voran.

Knorrig kommentiert er Entscheidungen auf dem Fußballplatz

Seine Heimatliebe lebt er auch auf dem Fußballplatz, vielmehr an der Bande nebenan. Bis ins hohe Alter schaut er sich die Spieler seiner SG Welper an, egal ob bei heißem Sommer- oder usseligem Winterwetter. Knorrig kommentiert er die Entscheidungen der Schiedsrichter (und des Trainers), auch die Spieler kommen nicht immer gut weg – doch wenn sie mal wieder Stadtmeister geworden sind, zeigt er sich auch besonders spendabel.

„Willi Michels war ein Mann des Wortes und der Tat“, schreibt Frank Bünte. Er wird Arbeitsdirektor bei den Edelstahlwerken in Witten, verliert auch als solcher nie seinen Glauben an die Mitbestimmung, daran, dass Arbeitnehmer ein Recht aufs Mitgestalten in Politik und Wirtschaft haben.

Sein Lebenswerk für und in Welper vollendet Willi Michels im Alter – weil er sich um das soziale Gefüge der Stadt sorgt, startet er den Seniorenverein „neues alter“. Als das Aus für die Henrichshütte viele in eine ungewisse Zukunft blicken lässt, macht er mobil und trommelt ehemalige Hüttenwerker zusammen. Das Schlagwort vom „neuen Alter“ machte die Runde – gemeint sind die, die bereits mit Mitte 50 aus dem Arbeitsleben ausscheiden müssen.

„neues alter“ – lebenslanges Lernen als lebendiger Prozess

1988 wird der Verein gegründet, lange ist Michels sein Antreiber. Ziel: Lebenslanges Lernen als lebendigen Prozess gestalten – für Rentner, aber eben auch für diejenigen, die sich im Schwebezustand zwischen Erwerbstätigkeit und Ruhestand befinden. Zwei Jahre später wird dafür aus Eigenmitteln, Spenden und Zuschüsse die Bildungsstätte an der Rathenaustraße gebaut. Sie trägt heute seinen Namen.

„Man lebt nicht, wenn man nicht für etwas lebt“ ist sein Lebensmotto. Weggefährten wissen, dass er für seine Ideale nicht nur lebt, sondern mit Rastlosigkeit und Feuereifer versucht, sie ins Rollen zu bringen, sie so zum Leben zu erwecken.

Willi Michels erliegt am 7. April 2003 in einer Herdecker Klinik einem schweren Krebsleiden.

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