Gesichter und Geschichte(n)

Hattingen: Inge Berger streitet für mehr Miteinander

Miteinander im Herzen Hattingens: Inge Berger und ihre Mitstreiter im Seniorentreff Kick. Diese Aufnahme entstand im Rahmen des zehnjährigen Bestehens im Januar 2010.

Miteinander im Herzen Hattingens: Inge Berger und ihre Mitstreiter im Seniorentreff Kick. Diese Aufnahme entstand im Rahmen des zehnjährigen Bestehens im Januar 2010.

Foto: Udo KREIKENBOHM / WAZ

Hattingen.  Inge Berger redet nicht drumherum, fordert nicht nur – sie macht. Mit der Seniorenzeitung „WiR“ und dem Treff Kick hat sie Spuren hinterlassen.

Sie ist streitbar, kein Zweifel, aber ebenso engagiert und zupackend. Senioren liegen ihr am Herzen, das Miteinander, gemeinschaftliche Erlebnisse. Sie redet nicht drumherum, fordert nicht nur, sie macht: Inge­ Berger, Journalistin und aktive Unruheständlerin, ist eine von Hattingens starken Frauen.

Kick: „Keine Clübchen, keine Vereinsmeierei, keine Pflichten“

Der Seniorentreff Kick war ihr Ding. Ein Ort der Zusammenkunft im Herzen der Stadt, einer zum Klönen, zum Lernen, zum Zeitvertreib. „Keine Clübchen, keine Vereinsmeierei, keine festen Gruppen, keine Pflichten“, sagt Inge Berger in einem Gespräch mit der WAZ. Sie meint: nicht verpflichtend, aber verbindlich – vor allem: verbindend. „Wir wollen möglichst viel Freiraum für jeden, der mitmacht, aber die Ziellinie im Blick behalten.“

Zum Kick kommen prominente Gäste wie Franz Müntefering, hier stellen sich die lokale Politik und Stadtverwaltung dem Kreuzverhör. Es gibt Computerkurse und Spielnachmittage, Ausflüge werden organisiert, Experten zu seniorenrelevanten Themen eingeladen. Im Jahr des zehnjährigen Bestehens kommen 5223 Bürgerinnen und Bürger in den Treffpunkt, eine beachtliche Zahl für die Ehrenamtler.

Nach der kaufmännischen Ausbildung wird sie Journalistin

Doch schauen wir jetzt noch ein paar Jahre zurück: Inge Berger hat zunächst eine kaufmännischen Ausbildung absolviert, ehe sie durch ein Stipendium der Evangelischen Landeskirche zum Journalismus kommt. Bis zum Jahr 1962 arbeitet sie für die Jugendzeitung „Jugend unter dem Wort“. Anschließend findet sie den Weg zur Tageszeitung – zunächst zur „Heimat am Mittag“, einem der Vorgänger der WAZ in Hattingen. Nach einem kurzen Gastspiel beim Dortmunder WDR-Fernsehstudio konzentriert sich sich aber schwerpunktmäßig auf den Ennepe-Ruhr-Kreis, sie be­richtet aus der Kreisstadt Schwelm, hält Entwicklungen im Blick, deckt Missstände auf.

Und so stößt Inge Berger im Jahr 1979 als Dozentin zur Hattinger Volkshochschule und baut mit einem Kursangebot die Seniorenzeitschrift „WiR“ auf. Das Heftchen ist beliebt und erfolgreich, es gibt Jahre, die laufen so gut, dass durch Anzeigenerlöse sogar Überschüsse erwirtschaftet werden. Das ruft die Politik auf den Plan, weil die „WiR“ aus dem Stadtsäckel gefördert wird. Bürgermeister Dieter Liebig spricht 2001 mit einem Augenzwinkern von einer „schwarzen Kasse“, für andere ist die Sache ernster, sie fordern, dass das Geld zurück in die Haushaltskasse fließen muss.

Resoluter Widerstand gegen Einwände aus der Hattinger Politik

Inge Berger tritt resolut auf, betont, dass jeder Pfennig in die Ausgabe investiert würde. „Wenn dieser so genannte Überschuss direkt in den Haushalt fließt, handelt es sich um eine Spende der Ehrenamtlichen an die marode Stadtkasse. Oder bei welcher anderen Kostenstelle fließen 25 Prozent des Etatansatzes durch ehrenamtliches Engagement an die Stadt zurück?“

Sie stellt vor dem Rechnungsprüfungsausschuss zudem das Engagement eines 71-jährigen Zustellers heraus, der regelmäßig 7,5 Zentner Zeitungen schleppe. „Sollen das doch mal die Politiker machen, die ihre Aufwandsentschädigung fürs Nicken bekommen!“

Nach 33 Jahren und 193 Ausgaben kommt im Jahr 2012 dennoch das Aus. Inge Berger überwirft sich im Streit um zu spät gezahlte Honorare und inhaltliche Ausrichtungen mit dem VHS-Chef, ihr Honorarvertrag wird nicht verlängert. Daraufhin schmeißt auch ihre Redaktion die Brocken hin.

Aus für den Seniorentreff Kick kommt im Jahr 2018

„Ich liebe diese Stadt über alle Maßen“, sagt sie und bleibt im Kick engagiert dabei. Erst als die Stadt die Miete an der Augustastraße nicht mehr zahlen will und den Umzug in ihr Bürgerzentrum Holschentor fordert, kommt auch für den Seniorentreff 2018 das Ende. „Wir brauchen Angebote, die Depressionen und Seelenkummer vorbeugen, gepaart mit dem ständigen Aufruf: runter vom Sofa, hin zu Mitmenschen“, sagt sie zum Abschied klar und deutlich. Passiert ist seitdem nur wenig.

Dass Inge Berger mit 82 Jahren jetzt noch einmal selbst nach vorne geht und in dieser schwierigen Pandemie-Zeit den Corona-Treff für Senioren ins Leben ruft, beweist einmal mehr, wie wichtig ihr die Sache und das Miteinander sind.

Und das ist stark!

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