Gesichter und Geschichte(n)

Hattingen: Anneke – die Feministin des 19. Jahrhunderts

Mathilde Franziska Anneke, gezeichnet von Gerd Aretz.

Mathilde Franziska Anneke, gezeichnet von Gerd Aretz.

Foto: WAZ / Archiv

Hattingen.  Mathilde Franziska Anneke ist in Blankenstein und Hattingen aufgewachsen. Sie beschreibt diese Zeit als „Eldorado meiner glücklichen Kindheit“.

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„In stiller Abenddämmerung, in heiliger Sonnabendfeier habe ich Dich erreicht, liebliches Blankenstein, Eldorado meiner glücklichen Kindheit, Ziel meiner träumerisch-dichterischen Sehnsucht“ – so hat es Mathilde Franziska Anneke in ihrer unvollendeten Autobiografie aufgeschrieben. Hier, umgeben von Ruhrtal und der Burg, habe­ sie eine „wechsel- und wundervolle“ Kindheit verbracht, erinnert sich die Schriftstellerin, wie aus dem Westfälischen Jahrbuch 1846 hervorgeht. Nach ihrer Auswanderung im Jahr 1850 entwickelt sie sich zu einer der führenden US-Frauenrechtlerinnen.

Mathilde Anneke ist ihrer Zeit voraus, äußert Gedanken, die für ihre Zeit Mitte des 19. Jahrhunderts modern wirken, aber damals wie heute wichtig sind für die Gesellschaft. Nehmen wir etwa ihre Worte, die sie im Rahmen einer Vorlesung in Newark (New Jersey) äußert: „Auf denn, ihr Schwestern, verlangt endlich, dass man Euch nicht mutwillig von Eurer Pflicht abschneide, indem man Euch tausendmal an der Arbeit verhindert, für die Ihr nicht minder als der Mann geschaffen seid!“

Mathilde Franziska Anneke wird am 3. April 1817 auf dem Gut Oberleveringhausen in Hiddinghausen geboren. Sie ist das älteste von zwölf Kindern des betuchten Guts- und Bergwerkbesitzers Karl Giesler und seiner Ehefrau Elisabeth Hülswitt. Der Vater ist evangelisch, die Mutter katholisch – Mathilde Giesler wird in einem Durch- und Nebeneinander Konfessionen erzogen, vor allem aber mit viel Liebe durch ihre Eltern.

Als sie drei Jahre alt ist, zieht die Familie nach Blankenstein

Als Mathilde drei Jahre alt ist, zieht die Familie nach Blankenstein. Ihre jungen Jahre verbringt sie „eigentümlicherweise als freies und heiteres Bergkind auf klippevollen Höhen und in blumigen Tälern an der Seite des Vaters“. Ein Hauslehrer fördert ihre Bildung, sie hat ein sorgenfreies Leben, ist weltoffen.

Im Jahr 1834 führt der Weg der Familie weiter nach Hattingen, in ein Haus am Obermarkt, wo der Vater den Wohlstand noch mehren will. Doch er verspekuliert sich mit Aktien einer pferdebetriebenen Kohlen-Eisenbahn und ist anschließend auch auf seine hübsche Tochter angewiesen. Offen bleibt indes, ob ihre 1836 geschlossene Ehe mit dem Weinhändler Alfred von Tabouillot eine „Zwangsheirat“ ist, wie es feministische Publizistinnen berichten – oder doch eine Vermengung von Liebesheirat und Kalkül. Fakt ist aber: Die Familie Giesler kann durch die Kontakte Tabouillots die Schulden begleichen.

Drei Jahre Scheidungskrieg mit Alfred von Tabouillot

Am 27. November 1837 kommt Tochter Fanny zur Welt. Der Mann indes säuft, neigt immer öfter zu Gewaltausbrüchen gegen seine Frau. Sie verlässt ihn, gerät in einen drei Jahre dauernden Scheidungskrieg. Der Richter fordert sie auf, zu ihrem Ehemann zurückzukehren, doch die Hattingerin widersetzt sich dieser Ansage und wird schuldhaft geschieden: Sie darf die Tochter behalten, Unterhalt bekommt sie nicht.

In Münster lernt sie erst Annette von Droste-Hülshoff und später ihren zweiten Ehemann kennen: Artillerie-Leutnant Fritz Anneke, der 1847 wegen Verweigerung eines Duells unehrenhaft aus der preußischen Armee entlassen wird.

Anneke gehört zu den führenden Frauen der Revolution 1848/49

Mathilde Anneke gehört zu den führenden Frauen der bürgerlich-demokratischen Revolution von 1848/49 in Rheinland-Westfalen, nutzt die von ihr gegründete „Neue Kölnische Zeitung“ als Sprachrohr. Als diese verboten wird, benennt die große Feministin des 19. Jahrhunderts sie in „Frauen-Zeitung“ um. Und Karl Marx, dessen Zeitung zeitgleich verboten wird, bezeichnet sie als „meine politische Erbin“.

Anneke beschreibt Preußen in den 1840er-Jahren „als antidemokratischen Zensor und Unterdrücker, der im Sinne einer feudalen Herrschaftselite die Interessen des Volkes mit Füßen trat“.

Doch als die Revolution schlussendlich niedergeschlagen wird, flüchtet die Familie vor der Verfolgung durch den Staat in die USA. Hier wird sie zur Wegbereiterin der deutschen und amerikanischen Frauenbewegung, ist eine Vorkämpferin für Freiheit und Demokratie.

Deutsche Frauen-Zeitung in den USA gegründet

Mathilde Anneke berichtet vom Freiheitskampf, stellt aber auch immer wieder ihr eigentliches Anliegen Frauenrechte in den Mittelpunkt: „Die Vernunft befiehlt uns, frei zu sein“, sagt sie.

1852 gründet sie die „Deutsche Frauen-Zeitung“, es ist die erste feministische­ Zeitung in den USA. Sie fordert das Frauenwahlrecht ein – und wird zur Vizepräsidentin der neu gegründeten „National Woman Suffrage Association“ gewählt.

Mathilde Franziska Anneke stirbt am 25. November 1884 in Milwaukee, Wisconsin (USA).

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