Gericht

Gefängnis als Erziehungsmaßnahme wirkt bei Hattingerin

Ein Justizbeamter in einem Flur der Justizvollzugsanstalt Bielefeld

Ein Justizbeamter in einem Flur der Justizvollzugsanstalt Bielefeld

Foto: Friso Gentsch

Hattingen.   Hausfriedensbruch, Beleidigung, Bedrohung: Eine 21-jährige Hattingerin war Stammgast vor Gericht. Jetzt war sie wieder angeklagt.

Eine 21-Jährige musste sich vor dem Jugendschöffengericht wegen Hausfriedensbruch, Beleidigung und Bedrohung verantworten. Für die Hattingerin war das nicht das erste Vergehen und auch Richter Karl-Martin Lucks erinnerte sich noch gut an die Angeklagte. Im Sommer vergangenen Jahres bat die damals von Alkohol- und Drogenkonsum gezeichnete junge Frau darum, eine Haftstrafe zu bekommen. „Selbst schaffe ich es nicht“, sagte sie damals.

Seit ihrem 13. Lebensjahr trank die Hattingerin Alkohol. Ihr schlechtes Verhältnis zur Mutter brachte sie in Heime und Wohngruppen, sie geriet auf die schiefe Bahn. Nächtliche Besuche bei ihrem damaligen Freund in der Obdachlosenunterkunft eskalierten, sie erhielt Hausverbot, dem sie sich immer wieder widersetzte. Sie randalierte, richtete Schäden in Höhe von mehr als 2000 Euro an.

Eskalation in der Kneipe

Das Gericht entschied sich damals für ein Jahr und drei Monate Freiheitsentzug. Das war im Juli 2018. Die Strafe trat sie aber nicht an. Erst als sie nachts in einer Hattinger Kneipe, in der sie kellnerte, von Polizisten erkannt wurde, wurde sie ins Gefängnis in Bielefeld überführt.

In den Monaten zwischen Gerichtsbeschluss und Haftantritt kam es zu weiteren Straftaten, für die sich die nun 21-Jährige verantworten musste. Die Angeklagte betrat zwei weitere Male die Obdachlosenunterkunft an der Werkstraße und beleidigte und bedrohte eine Frau während eines nächtlichen Kneipenbesuchs. Die Hattingerin gestand die Taten und zeigte sich geläutert. „Wie geht es Ihnen denn in der Haft“, wollte Richter Lucks wissen. „Ich bin froh da zu sein“, erklärte die junge Frau.

Jugendgerichtshelfer ist positiv überrascht

Obwohl sie erst wenige Monate ihre Strafe absitzt, hat sich das Auftreten der Hattingerin gewandelt. Jugendgerichtshelfer Thomas Behr zeigte sich positiv überrascht: „Ich habe den Eindruck, dass Sie begriffen haben, worauf es ankommt. Die Erziehungsmaßnahmen haben gegriffen.“

Die Angeklagte erzählte, dass sie sich sehr wohl fühle in Bielefeld und dort auch nach ihrer Entlassung bleiben wolle. Momentan arbeite sie in der Beamtenküche der Justizvollzugsanstalt; ein Arbeitszeugnis legte sie zum Beweis dem Gericht vor. „Meine Güte, das ist ja toll“, meinte Lucks. „Das wäre perfekt, wenn Sie es schaffen, Fuß zu fassen und aus diesem Sumpf herauszukommen.“

Bewerbung für einen Ausbildungsplatz

Eine Mappe gefüllt mit Zeugnissen, Bestätigungen der Drogenberatung und Beantragung eines Therapieplatzes zeugte von dem neuen Lebenswandel der Hattingerin. „Um einen Ausbildungsplatz habe ich mich auch beworben. Ich warte nur noch auf Rückmeldung“, ergänzte sie die Unterlagen.

Dem Vorschlag Behrs, das Verfahren gegen die junge Frau einzustellen, folgten Schöffen, Staatsanwältin, Richter und Anwalt angesichts der positiven Entwicklung einstimmig. Die Taten seien schließlich noch vor dem Haftantritt geschehen und jetzt sollte da „nichts mehr draufgepackt werden“. „Ich hatte beim letzten Mal erhebliche Zweifel und wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft“, sagte Richter Lucks zu der jungen Frau, die in die Haft zurückkehrte.

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