Interview

Elisabeth Henne: „Wie entsorgt man einen Kindersarg?“

Elisabeth Henne geht nach 40 Jahren in den Ruhestand. Sie war die Leiterin der Abteilung beim Ennepe-Ruhr-Kreis, die sich mit der öffentlich rechtlichen Abfallwirtschaft auseinander gesetzt hatte.

Elisabeth Henne geht nach 40 Jahren in den Ruhestand. Sie war die Leiterin der Abteilung beim Ennepe-Ruhr-Kreis, die sich mit der öffentlich rechtlichen Abfallwirtschaft auseinander gesetzt hatte.

Foto: Stefan Scherer / Stefan Scherer / WP

Hattingen.  Als Elisabeth Henne in der Abfallwirtschaft des Ennepe-Ruhr-Kreises anfing, war Mülltrennung noch nicht erfunden. Eine irre Reise durch die Zeit.

Hohe Vorgesetzte hat Elisabeth Henne im Schwelmer Kreishaus einige erlebt. An ihrem letzten Arbeitstag nach mehr als 40 Jahren beginnt sie mit der Aufzählung. Plötzlich strahlen ihre Augen: „Eigentlich war es mir immer egal, wer unter mir Chef war.“ Lauthals lachen die Kollegen. Kaum eine andere Situation könnte die 64-Jährige, die als Abfallexpertin des Ennepe-Ruhr-Kreises in der Müllwirtschaft einen Ruf wie Donnerhall genießt, besser charakterisieren. Ein Rückblick.

Wie sind Sie aus Brilon in der 150 Kilometer entfernten Schwelmer Kreisverwaltung gelandet?

Elisabeth Henne Wie das so ist: Ich hatte einen Freund in Solingen, der beruflich keine Chance hatte, ins Sauerland zu ziehen. Ich war beim damaligen Kreis Brilon beschäftigt und habe einfach in Schwelm angerufen. Am anderen Ende meldete sich der damalige Dezernent Helmut Wirtz und fragte mit rheinischem Dialekt: „Können Sie Schlussverwendungsnachweise?“ Er hatte mächtig Druck, die ganzen damals neu gebauten Kreisstraßen abzurechnen. Ich sagte „Ja“, und er sagte: „Sie haben den Job.“

Einfach so?

Ohne Bewerbung, ohne meine Zeugnisse, ohne ein persönliches Gespräch sollte ich in der kommenden Woche anfangen. Er hat sich sogar sofort nach unserem Telefonat bei meinem Chef in Brilon gemeldet und dem gesagt, dass ich in den EN-Kreis komme. Der war davon nicht erbaut, und ich bin auch nicht sofort gewechselt, sondern erstmal nach Jamaika in den Urlaub geflogen. Als ich zurück war, habe ich meine Arbeit in Schwelm begonnen. Das war der Anfang vom Ende.

Wie sind Sie zum Abfall gekommen?

Abfall war ja in den 1970-ern pillepalle und an den Tiefbau angedockt. Ich habe allein im ersten Jahr Schlussverwendungsnachweise über 58 Millionen D-Mark für die Kreisstraßen gemacht. Das hatte Priorität. Daneben gab es eine Abfallwirtschaftssatzung, in der stand, dass die Müllgebühr 33 Mark pro Tonne beträgt. Irgendwann kam Helmut Wirtz um die Ecke und sagte: „Ich hab’ das Gefühl, das reicht nicht. Henne, Sie haben doch die Handelsschule besucht. Können Sie sowas rechnen?“ Das war mein Einstieg in die Abfallwirtschaft.

Wie funktionierte Entsorgung damals?

Ganz einfach: Alles kam in eine Tonne und wurde entweder auf eine Kippe gefahren oder in die Verbrennung. Jede Wohnung – auch in Mehrfamilienhäusern – hatte ihre eigene eiserne Aschetonne. Das war ein Theater, bis in allen Städten die Plastikbehälter verteilt waren. Die Hattinger haben sich schon extrem gewehrt, aber was die Schwelmer veranstaltet haben, war beispiellos. Angeblich könnten Senioren die 80- und 120-Liter Tonnen nicht bewegen. Die haben gar nicht geschnallt, dass die im Gegensatz zu den alten Eimern genau dafür Räder hatten und haben ihre alten Pötte bis aufs Blut verteidigt. Und dann ging es sofort weiter mit den Diskussionen.

Worum ging es denn als Nächstes?

Altglas. Da hatte die junge Frau Henne endlich den ganzen Kreis mit Plastiktonnen ausgestattet, da wollte sie den Leuten plötzlich erklären, dass sie ihr Glas in einem Körbchen sammeln sollen, denn wir haben 1982 den ersten Glascontainer in Witten aufgestellt. Und ich habe mir damals ja auch selbst gedacht: „Wie bescheuert ist denn diese Idee?“ Im Nachhinein muss ich sagen: Da habe ich mich getäuscht.

Wie erfolgreich war der Start?

Viele dachten zunächst so wie ich, und im ersten Jahr haben wir 420 Kilogramm Altglas gesammelt.

Das ist ja gerade einmal ein halb gefüllter Container.

So in etwa. Aber gerade Altglas setzte sich in Windeseile durch, und ist ja nun mal auch ein gut bezahlter Rohstoff. In den besten Jahren haben wir mehr als 10.000 Tonnen in den neun Kreisstädten gesammelt. Ein Bruch kam erst, als die PET-Flasche eingeführt wurde. Aber immer noch kommen mehr als 8000 Tonnen pro Jahr zusammen.

Wie hat die Einführung der Papiercontainer funktioniert?

Dadurch dass die Leute die Glascontainer kannten, war das 1986/1987 recht einfach. Damals mussten wir für die Papierentsorgung noch zahlen. Das war aber billiger, als wenn das Papier über den Restmüll mitentsorgt worden wäre. Damit ging die Sache ja aber erst richtig los.

Was meinen Sie?

Plötzlich schossen immer mehr Discounter aus dem Boden, die Tante-Emma-Läden machten zu, Getränke gab es in Dosen und Plastikflaschen. Wir haben immer mehr verpackt, immer mehr konsumiert, der Müll ist uns über den Kopf gewachsen. Plötzlich wurden die vielen damals arbeitslosen Lehrer per ABM zu Abfallberatern gemacht. Ich habe diese Ausbildung ebenfalls absolviert und noch ein BWL-Studium draufgesattelt, der Grüne Punkt hat alles durcheinandergewirbelt.

Wie haben Sie die Einführung der Dualen Systeme in Erinnerung?

Die Ursprungsidee der Verpackungsverordnung war: Wer die Verpackungen produziert, muss auch für die Entsorgung zahlen. Das hat alles so nicht funktioniert wie geplant. Chaos gab es bei uns in Gevelsberg, weil dort auf Drängen der Kommune gelbe Tonnen an den Containerstandorten eingeführt wurden. Diese Sauerei war nach einem halben Jahr zum Glück vorbei. Bis heute allerdings ist nicht wirklich jedem klar, was denn nun in den gelben Sack gehört und was nicht. Sogar Jutebeutel, in denen Nüsse verpackt sind, sind lizenziert.

Fehlwürfe gibt es auch an anderer Stelle, vor allem beim Biomüll.

Oh ja, es landet mehr Bioabfall im Restmüll als in der Biotonne. Doch da werden wir nun flächendeckend im Kreis mit einer Aufkleber-Kampagne auf den Tonnen gegensteuern. In Hattingen haben wir damit sehr gute Erfolge erzielt. Vorreiter war übrigens auch hier Helmut Wirtz. „Was glauben Sie, muss umgebaut werden, damit Bio- und Restmüll getrennt werden?“, fragte er mich bereits im Jahr 1985.

Wie sicher sind Sie selbst in der Mülltrennung?

Sie können sich sicher sein, dass im Haushalt Henne, alles, aber wirklich alles korrekt entsorgt wird. Mir fällt auch im Supermarkt jede neue Verpackung sofort auf.

Welche Bilanz ziehen Sie aus ihrem Berufsleben?

Ich habe in all den Jahren mit jedem mal gestritten, viele beleidigt und mich oft im Nachhinein entschuldigt. Ich durfte oft beim Landrat antanzen und habe Stein und Bein geschworen, so etwas nie wieder zu machen und alle wussten: Sie macht es doch wieder. Ich war aber immer vollkommen offen, ehrlich und habe beispielsweise der Politik nie etwas verschwiegen – auch nicht, wenn es sehr unangenehm gewesen ist. Ich habe gern hier gearbeitet, mir ist nie langweilig geworden und ich habe nie darüber nachgedacht, mich wegzubewerben. Es ist ja auch abwechslungsreich. Alles, was im täglichen Leben passiert, landet irgendwann im Müll.

Zum Abschluss: Was war ihr ungewöhnlichster Abfall?

Die Kripo hat mal einen Kindersarg aus dem Harkortsee gefischt. Drinnen war ein Tier, und der Sarg war wohl von einer schwarzen Messe übrig geblieben. Stellt sich die Frage: Wie entsorgt man einen Kindersarg? Die Polizei hat gesagt, dass sie ihn zur Deponie fährt. „Bloß nicht“, habe ich gesagt, „dann haben wir spätestens in der Müllverbrennung die nächste Kripo stehen, wenn der Sarg dort ankommt und vom Aufseher entdeckt wird.“ Wir haben ihn dann mit Voranmeldung direkt in die Verbrennungsanlage gebracht.

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