Ruhrtalente

Drei Jugendliche aus Hattingen werden besonders gefördert

Marika Happich möchte gern die Welt entdecken und gesellschaftliche Zusammenhänge begreifen.

Marika Happich möchte gern die Welt entdecken und gesellschaftliche Zusammenhänge begreifen.

Hattingen.  Ruhrtalente ist ein neues Programm für Schülerstipendien. Gefördert werden Schüler und Schülerinnen aus weniger privilegierten Familien.

Ruhrtalente ist ein neues Programm für Schülerstipendien im Ruhrgebiet. Es eröffnet neue Perspektiven, fördert das Selbstvertrauen und stärkt das Verantwortungsbewusstsein. Diese ersten 50 Talente konnten Lehrer, Erzieher, Sozialpädagogen, Ausbilder, Ehrenamtliche, Trainer oder Talentscouts vorschlagen. Ziel ist es, besonders leistungsorientierte Schüler und Schülerinnen aus weniger privilegierten Familien zu fördern. Mit acht Jugendlichen ist Gelsenkirchen ganz besonders stark vertreten, in Hattingen sind es drei.

Die Förderung umfasst praktische Angebote, Beratung und Unterstützung sowie individuelle Förderung bis zum Beginn einer Berufsausbildung. Die Stipendien werden drei bis viermal pro Jahr vergeben.

Das Angebot zählt zu den großen Schülerstipendien-Programmen im Ruhrgebiet. Unterstützer sind die Nicolai-Thiel-Stiftung, die Margret Hölzemann Begabten Stiftung, der Rotary Club Recklinghausen-Vest und die Initiative Talent Metropole Ruhr.

Marika Happich bringt Schule und Arbeit unter einen Hut

Die 17-Jährige wurde von einem Lehrer für das Projekt Ruhrtalente vorgeschlagen. Sie interessiert sich nicht nur für politische Diskussionen, sondern auch für das Wirtschaftssystem.

Ausgewählt wurde sie von ihrem Geschichtslehrer an der Gesamtschule Hattingen: Marika Happich (17) aus Blankenstein. Vom zuständigen Talentscout der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen hatte er die Unterlagen bekommen und riet ihr, sich für ein Stipendium zu bewerben.

So ganz genau wusste sie nicht, was sie sich darunter vorstellen sollte. Wíe die Förderung aussehen sollte, war ihr – wie so vielen anderen – nicht klar. „Bewerben – ja, kann man ja mal machen“, dachte sie sich und wurde zum Bewerbungsgespräch eingeladen.

Die Jugendliche, die noch fünf jüngere Geschwister zwischen 13 und einem Jahr hat, geht regelmäßig nach der Schule arbeiten. Wie macht man denn so etwas? „Das ist alles eine Frage der Organisation“, sagt sie selbstbewusst. Sie hat früh Verantwortung übernommen, hat aber auch enorm viel Power.

Mit 13 Jahren hat Marika Happich Zeitungen ausgetragen, dreimal in der Woche arbeitet sie neben der Schule. Am Ende des Tages sei es tatsächlich immer irgendwie viel. Aber der Sonntag bleibe ja zum Ausschlafen.

Sozialwissenschaften und Englisch mag sie in der Schule ganz besonders. Sich mit gesellschaftlichen Zusammenhängen zu befassen, findet sie besonders spannend. Eine Reise durch Skandinavien ist ein Traum, den sie sich mal erfüllen möchte. Neugierig und unternehmungslustig ist die Schülerin schon immer gewesen. „Seitdem ich 13 Jahre alt bin, will ich unbedingt eine Weltreise machen. Aber damit muss ich wohl noch warten“, fürchtet sie.

Was sie nach der Schule konkret machen möchte, weiß sie noch nicht so recht. „Auf jeden Fall etwas mit Menschen.“ Da ist das Feld allerdings noch weit offen. Dolmetscher käme in Frage, aber auch Logopädin.

Was sie auch interessiert, ist die Politik. Da fällt der Apfel nicht weit vom Stamm. Denn der Vater sitzt für die Linken im Rat der Stadt Hattingen und Politik ist eben immer Thema in der Familie. „Ich finde es ganz interessant, wie Politik funktioniert“, sagt Marika Happich „und auch das Wirtschaftssystem“. Zum Beispiel habe es ja eine enorme Diskussion um den Mindestlohn gegeben. Wenn der doch so gut sei, warum streiten sich dann die Politiker um so ein Thema. Da interessieren sie die Hintergründe.

Dass sie als Ruhrtalent ausgewählt worden sei, freut sie mittlerweile sehr. Seit der Einführungsveranstaltung in der Hochschule Gelsenkirchen sei ihr auch klarer geworden, welche Chancen sich für sie eröffneten.

Zu ihren ganz besonderen Leidenschaften gehört seit einiger Zeit das Dichten und Texten für Poetry Slams. Ansonsten trifft sie – wie viele in ihrem Alter – in ihrer (wenigen) Freizeit gerne Freunde. Aber das sei ja nichts Besonderes. Das mache ja wohl jeder, meint die 17-Jährige.

Dilara Kilic ist ein Mathe-Ass und hat keine Scheu vor Männer-Domänen

Die 17-Jährige kann sich ein Studium in Maschinenbau oder Bauingenieurwesen vorstellen. Sie freut sich auch auf die Sprachkurse.

Was sie sich in den Kopf setzt, das zieht sie auch durch. Offenbar war das mit ein Kriterium für die Talentscouts, Dilara Kilic als Ruhrtalent auszusuchen. Die 17-jährige Schülerin der Gesamtschule Hattingen hat ihre schulischen Stärken genau da, wo so viele andere passen müssen: in Mathematik. „Das ist mir schon immer leicht gefallen, darum habe ich auch den Leistungskurs gewählt“, sagt sie. Sie liebe Mathe, gesteht sie.

Als Kind einer türkischen Familie kam sie in Deutschland zur Welt und wuchs in diesem Land auf. Also wurde ihr die Zweisprachigkeit schon in die Wiege gelegt. Doch damit nicht genug. Englisch hat sie ebenfalls als Leistungskurs. Auf der Realschule, die sie zunächst besuchte, lernte sie bereits sechs Jahre Französisch. Jetzt paukt sie noch Italienisch, damit sie die Vielsprachigkeit erweitert.

Über das Stipendium freut sie sich. Vor allem auf die Workshops, die angeboten werden, würden weiterhelfen. Und dass die Ruhrtalente Sprachkurse im Ausland machen dürfen, findet sie ganz genial. Sie will auf jeden Fall eine Reise nach England machen und nach dem Abitur ein Studium aufnehmen.

Sie liebäugelt vor allem mit den Fächern Maschinenbau oder Bauingenieurwesen, vielleicht möchte sie aber auch in den Lehrerberuf einsteigen. Das alles ist noch nicht klar. Muss aber auch nicht, wenn man noch auf der Schule ist. Auch bei der Orientierung, wie es nach der Schulzeit weiter gehen soll, helfen die Talentscouts. Wo liegen die Stärken der einzelnen Schüler, was kann man am besten, welche Ziele haben sie?

Bücher lesen, mit Freunden treffen und neben der Schule noch Volleyball spielen und joggen gehen, das alles schafft die 17-Jährige, die noch drei Geschwister hat, offenbar problemlos.

Auf das Treffen mit den anderen Ruhrtalenten freut sie sich jetzt schon.

Merry Berhane-Tecle begeistert sich für Sprachen

Von ihrem Talentcoach erhofft sich die 19-Jährige Hilfe bei der Orientierung auf dem für sie richtigen beruflichen Weg.

Sprachen sind ihre Leidenschaft. Die 19-Jährige, die in die Klasse 12 der Gesamtschule Hattingen geht, liebt Englisch, liebt Deutsch, liebt Italienisch. Englisch und Deutsch hat sie als Leistungskurse gewählt. „Lernen macht so viel Spaß“, sagt sie überzeugt – und man nimmt es ihr ab.

Merry Berhane-Tecle findet Englisch richtig super und möchte darin absolut fit werden. Als Ruhrtalent wurde sie nach einem Gespräch mit einem Talentscout der Westfälischen Hochschule ausgesucht. So ganz fassen kann sie das immer noch nicht. Denn obwohl sie ehrgeizig ist, die Richtung, in die es nach dem Abitur hingehen soll, ist ihr noch nicht richtig klar.

Aber genau das muss bei Schülerinnen in dem Alter auch überhaupt nicht sein. Erwartet wird von den Stipendiaten absolut nicht, dass sie mit 18 oder 19 Jahren bereits wissen, wie der berufliche Weg in den nächsten Jahrzehnten weitergehen wird. Um Sondierungsgespräche zu führen, um heraus zu finden, wo liegen meine Stärken, wo meine Schwächen, wo meine Leidenschaften, können die jungen Schülerstipendiaten jederzeit auf ihre Talentscouts zurückgreifen.

Außer Lernen, gibt es noch ein paar andere Leidenschaften für Merry, auf die sie nicht verzichten möchte: Bücher zu lesen und Sport zu treiben ist ihr ganz wichtig. Beides macht sie glücklich. Und obwohl sie neben dem Lernen nicht richtig viel Zeit übrig hat, engagiert sie sich bei Amnesty International. Alle zwei Wochen ist sie dort zu finden. „Es gibt Veranstaltungen, auf denen wir Geld sammeln.“ Wann immer es geht, ist sie dabei.

Über das Schülerstipendium von der Westfälischen Hochschule freut sie sich riesig. „Ich hoffe, ich bekomme eine Orientierung von den Talentscouts, was für mich nach dem Abitur das Beste wäre.“ Sie hat so viele Interessen, es gibt so viele verlockende Angebote der Universitäten. „Ich freu mich auf Workshops und darauf, meine eigenen Fähigkeiten zu entdecken“, sagt Merry Berhane-Tecle.

Sie würde richtig gerne mal eine Reise nach England machen. „Nur 14 Tage in einem fremden Land zu sein, bringt einen sprachlich nicht wirklich weiter“ findet sie.

Die Orientierung mit Hilfe der Talentscouts ist für sie so wichtig, weil sie genau weiß, was sie nicht will: „Für mich wäre es schlimm, wenn ich irgendwann nach dem Abitur feststelle: Ich habe den falschen Weg eingeschlagen, das ist nichts für mich“, sagt die junge und talentierte Schülerin.

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