Was macht eigentlich?

Die Dichter der Königin: Agenten und Häftlinge

Ulrich Land

Ulrich Land

Foto: JvS

Hattingen.  Mit seinem fünften Roman „Messerwetzen im Team Shakespeare“ verführt Ulrich Land in ein burlesk-lebenspralles elisabethanisches Zeitalter. Seine Theorie: Shakespeare war ein Kollektiv.

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Es war Mord, so viel wissen auch die Geschichtsbücher und Literatur-Lexika. Doch war es anno 1593 in Deptford vor den Toren Londons bloß eine Wirtshaus-Schlägerei, die zum Waffengang ausartete? Oder galt der Dolchstoß einem Agenten, Doppelagenten womöglich? Christopher Marlowe, nur wenige Wochen älter als William Shakespeare, ist eines der prominentesten Rätsel der englischen Literatur-Historie – nach dem alles überragenden Rätsel Shakespeare, versteht sich.

Ulrich Land hat die beiden 29-Jährigen – dazu Königin Elizabeth I. samt ihrem gefürchteten Geheimdienstchef Walsingham – in einen nur 250 Seiten schlanken Roman gepackt: „Messerwetzen im Team Shakespeare“ hält, was der Titel verspricht. Und mehr: der Romancier, erfahrene Hörspielautor und langjährige Hattinger liefert einen süffigen Lesespaß – aber keine finstere Tragödie à la Shakespeare. Eher taten es die burlesken Wortgefechte der alten Elisabethaner dem 57-Jährigen an. Denn selbst der Mord an Marlowe gleich auf den ersten Seiten des „Messerwetzens“ ist komödiantisch erzählt – und die Leiche flugs verschwunden.

Der Ohren-Zeuge aus dem Kerker

Die Hauptfigur ist ein Abwesender, bestätigt Ulrich Land am Telefon in Freiburg: „Der Ausgangspunkt war nicht Shakespeare, sondern Marlowe. Sein Tod ist bis heute nicht mit Sicherheit aufgeklärt.“ Und wieso „Team Shakespeare“? Weil Land der Theorie Bert Brechts glaubt: „Ich glaube, dass es ein Kollektiv war, ein fünf- oder sechsköpfiges Gremium.“ Shakespeare war demnach weniger das literarische, als das Manager-Genie, das in 24 Schaffensjahren drei Dutzend großer Dramen vermarktete.

Dem „Schwan vom Avon“, wie die Briten ihren größten Sohn beschwärmen, schrieb der Romancier einen skurrilen Extra-Part in den Krimi: Shakespeare kommentiert das Geschehen aus der Distanz von 420 Jahren (also unserer Gegenwart) „aus erhabener Warte“, wie Ulrich Land sagt. Die Dialoge von Wolke 7 sind durchaus bissig – und sehr gegenwärtig. Den irdischen Londonern von 1593 gibt der Autor, ein Wortmetz mit der Gabe des Feinschliffs, einen der Epoche angemessenen Tonfall – ohne die Lesbarkeit für uns Heutige zu schmälern.

Schließlich gilt es im „Messerwetzen“-Roman noch einen dritten Dramatiker der Epoche zu würdigen: „Thomas Kyd ist mir ans Herz gewachsen“, gesteht Ulrich Land. Den Dichter der „Spanischen Tragödie“ macht er zum Ohren-Zeugen des Mordes an Marlowe – als Lauscher am Kamin. Dabei saß der historische Thomas Kyd im Kerker, als in Deptford die Dolche flogen. „Aber den Schlenker wollte ich mir leisten“, so kostbar war Land seine gebrochene Nebenfigur.

Hat er etwa munter drauflos fabuliert? Nein, so die Antwort, „ich wollte schon genau wissen, was damals Sache war“. Seine Recherchen liegen Jahre zurück, denn das „Messerwetzen“ basiert auf einem Hörspiel. „Das Schreiben war ein Prozess von fünf, sechs Wochen.“ Und die sprühenden Dialoge, die vor allem in seiner Sitzung des Kronrats vor Bosheit funkeln? „Nach 40 Hörspielen hat man das drauf.“

Schließlich bestreitet Ulrich Land, der freie Autor seit 25 Jahren, sein Haupteinkommen mit dem Radio. „Romane sind finanziell eher desaströs – die Lesungen aber umso schöner.“ Für sie – und für jährlich drei Blockseminare an der Universität Witten-Herdecke – kehrt der Neu-Freiburger, nach 23 Jahren in der Elfringhauser Schweiz, immer wieder gerne zurück ins Ruhrgebiet.

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