Gesichter und Geschichte(n)

Der knorrige Wolf kämpft für alle Hattinger Bürger

Besuch auf der Henrichshütte: Paul Wolf (Mitte), der sein Leben lang hier arbeitete, führt als Bürgermeister viele Besucher aus Hattingen und der Umgebung durch die heiligen Hallen. Repro: WalterFischer

Besuch auf der Henrichshütte: Paul Wolf (Mitte), der sein Leben lang hier arbeitete, führt als Bürgermeister viele Besucher aus Hattingen und der Umgebung durch die heiligen Hallen. Repro: WalterFischer

Hattingen.  Paul Wolf hat Hattingen geprägt: Ende der 1970er-Jahre ist er zeitgleich Bürgermeister und Werkmeister der Hütte – geradeaus, offen, und ehrlich.

Paul Wolf ist ein Musterbeispiel, was ein ehrenamtlicher Bürgermeister in den 1970er- und 1980er-Jahren zu leisten hat: Denn in seinen ersten drei Jahren arbeitet er noch als Meister auf der Hütte, ist jeden Morgen spätestens um halb sechs an seinem Arbeitsplatz – und am Abend folgen viele und vor allem lange Verpflichtungen als Stadtrepräsentant.

Warum er das auf sich genommen hat? Weil ihm die Bürger wichtig sind, die Menschen, ganz gleich ob die jungen in Elfringhausen oder etwa die älteren in der Stadtmitte. „Mir lag vor allem am guten Kontakt – zu den Bürgern, den Vereinen, den Kirchen“, sagt er kurz nach seinem Rücktritt im Jahr 1985 zur WAZ. „Ich denke, dass ich durch mein neutrales Verhalten in der Öffentlichkeit manchen guten Bekannten gewonnen habe.“ Auch Feinde? „Ich wüsste nicht.“

Im Jahr 1920 wird Paul Wolf in Welper geboren. Er besucht die Horstschule und fängt im Alter von 14 Jahren eine Lehre als Elektriker auf der Henrichshütte an. Auch sein Bruder Fritz fängt zwei Jahre später auf der Hütte an. Der junge Wolf spielt leidenschaftlich gerne Fußball, für den VfB Henrichshütte geht er auf Torejagd.

Jahre in der russischen Kriegsgefangenschaft

1939, ein Bruch: Gleich im ersten Kriegsjahr wird Paul Wolf eingezogen, ist sechs Jahre Soldat und gerät in russische Kriegsgefangenschaft. Erst 1948 kehrt er nach Hattingen zurück, mit einem festen Willen: Jetzt engagiere ich mich, damit so etwas nie wieder passiert! Konsequent sein Weg: IG Metall, Betriebsrat auf der Hütte, SPD.

Er ist geradeaus, offen, ehrlich. Er gibt zu, dass er gewisse Vorbehalte gegenüber der neuen Stadt Hattingen hat, die im Jahr 1970 durch die Kommunale Gebietsreform massiv wächst und auch Wolfs bisherige Spielflächen Blankenstein und Welper eingemeindet. „Ich habe aber erkannt, dass meine Sorgen unbe­gründet waren. Das Klima ist gut.“ Nicht jeder kommt derweil mit seiner bis­weilen knorrigen Art zurecht, doch sein stets auf Fairness basierendes Wesen bringt ihm Anerkennung. „Ich habe niemals jemandem etwas versprochen, was ich nicht halten konnte“, sagt er rück­blickend.

Mehr als 20 Jahre im Betriebsrat der Henrichshütte

Beruflich geht es voran. Wolf wird Werkmeister auf der Henrichshütte, er sitzt mehr als 20 Jahre im Betriebsrat von Hattingens größtem Arbeitgeber. Zu Hause ist Ehefrau Emmi sein großer Rückhalt. Sie hält private Sorgen von ihm fern, kocht Eintopf, den er so gerne mag.

Am 6. Januar 1977 kündigt Willy Brückner – der erste Bürgermeister der neuen Stadt Hattingen – seinen Rücktritt an, am 24. Februar wird der Sozialdemokrat Paul Wolf zu seinem Nachfolger gewählt – zuvor hat er eine SPD-Kampfabstimmung gegen Günter Wüllner gewonnen. Sachverstand wird ihm nachgesagt, stets die Notwendigkeiten und Belange der Bürger im Blick.

Mit Augstein rasselt er aneinander

Mit Stadtdirektor Pohlmann funktioniert die Zusammenarbeit, mit dessen Vorgänger und Nachfolger Augstein rasselt er indes aneinander. „In den letzten Jahren habe ich fast nur noch mit den städtischen Beigeordneten zusammengearbeitet“, sagt er im WAZ-Interview.

Am 8. August 1985 tritt Paul Wolf aus gesundheitlichen Gründen von seinem Amt zurück. Sein Nachfolger wird Günter Wüllner, der ihm acht Jahre zuvor noch unterlag.

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