Mauerfall

Angst und Freudentränen: BRD-Bürger bei Mauerfall in der DDR

Marianne und Hermann Rogge aus Hattingen erlebten die Tages des Mauerfalls hautnah mit – bei Verwandten in der DDR. Ihre Pässe von damals haben sie noch.

Marianne und Hermann Rogge aus Hattingen erlebten die Tages des Mauerfalls hautnah mit – bei Verwandten in der DDR. Ihre Pässe von damals haben sie noch.

Foto: Walter Fischer / FUNKE Foto Services

Hattingen.  Die Reise zu Verwandten in der DDR stand für das Ehepaar Rogge aus Hattingen längst fest. Und plötzliche erlebte es den Mauerfall hautnah mit.

Eigentlich war der Besuch zum 70. Geburtstag der Mutter lange geplant. Für Hermann und Marianne Rogge wurde es aber eine Fahrt, die sie zu Zeugen eines geschichtsträchtigen Ereignisses machte. Sie berichten von Glück und Tränen, vom ungläubigen Staunen auf ihrem emotionalen Abenteuer: der Reise in die DDR in den Tagen des Mauerfalls.

DDR auf der Suche nach Arbeitsplatz verlassen

Das Ehepaar Rogge lebt in Holthausen. Hermann Rogge stammt aber aus dem Eichsfeld in Thüringen, aus einem kleinen Ort, in dem fast seine gesamte Familie lebte. 1956 strebte der damals gerade 18 Jahre alt gewordene junge Mann in den Westen – wie so viele auf der Suche nach Arbeit. In Hattingen arbeitete bereits der Onkel, also schlug auch Hermann hier Wurzeln.

Doch ein Teil der Familie blieb in Thüringen, in der DDR. „In den ersten Jahren bin ich nicht rübergefahren“, erzählt der heute 82-Jährige. Aus Angst, man könne ihn dort behalten, erklärt er. Als er es 1961 doch wagte – zur Hochzeit seines Bruders – blieb das mulmige Gefühl: „Jeder musterte mich von oben bis unten. Ich habe zitternd am Bahnhof gesessen“, erinnert er sich.

Strenge Kontrollen an der innerdeutschen Grenze

Aber alles ging gut. So besuchte er immer wieder auch mit seiner Frau die Verwandtschaft im Osten. An die Grenzkontrollen haben beide lebhafte Erinnerungen. „Die Kontrollen waren heftig, da wurde man richtig gefilzt“, sagt Hermann Rogge. Er erinnert sich an einen Fall: „Da wurde ich aus der Wartereihe gezogen und die haben jedes Taschentuch nachgeblättert. Die dachten, ich bringe Geld rüber.“

Im November 1989 wurde schließlich Hermann Rogges Mutter 70 Jahre alt. Natürlich wollten der Sohn und seine Frau zur Feier kommen. Die Einreisegenehmigung hatten sie lange vorher, am 11. November sollte es losgehen.

Angst vor der Reaktion Russlands

Bis zwei Tage vorher, am 9. November 1989, einem Donnerstag, Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz die Geschichte gewordenen Worte über die Reisefreiheit der DDR-Bürger sagte und die Bürger an die Grenze strömten. „Wir hatten solche Angst was die Russen jetzt machen“, sagt Marianne Rogge mit Blick auf vorangegangene Aufstände.

„Wir haben nur noch vor dem Radio gesessen“, berichtet das Ehepaar. Immerhin wollte es in zwei Tagen in den Osten fahren. „Wir hatten Angst, die lassen uns nicht mehr raus“. Als sie dann aber von den Menschen hörten die in Berlin über die Grenze kamen, „da dachten wir: Dann schaffen wir das auch“.

Erster Ausflug ins Sperrgebiet

Bei der Einreise in die DDR am Grenzposten Duderstadt war alles wie immer. „Wir wurden gefilzt wie immer, alle Taschen auf links gedreht“, erinnert sich Hermann Rogge. Aber dann, beim Kaffee und Kuchen im elterlichen Wohnzimmer, kam die Gewissheit: Die Grenze ist offen.

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„Wir sind mit meinem Bruder ins Auto gestiegen und ins Sperrgebiet im südlichen Eichsfeld gefahren“, erinnert sich Hermann Rogge. „Da haben uns die Leute angeguckt. ‘Wo kommt ihr denn her’, haben die gefragt. Die hatten das gar nicht mitbekommen.“ Marianne Rogge erzählt von Tränen der Freude bei den Menschen, die seit Jahrzehnten durch die Grenze voneinander getrennt waren. „Vielen konnten nach Jahren das erste Mal wieder in die Sperrzone. Manche hatten seit Jahren ihr Elternhaus nicht besuchen können.“

Trabi-Schlange in Richtung Grenze

Die Fahrt ging weiter auf den Hülfensberg. „Als Kinder waren wir oft dort. Man konnte dort bis in den Westen schauen“, sagt Hermann Rogge. Dann war der Berg Sperrzone. Niemand kam mehr dort hin. Aber in diesen Tagen im November 1989 war der Pater, der dort lebte, schon heiser vom Berichten. Denn Familie Rogge war nicht die einzige, die sich mit dem Wartburg auf den Weg hierhin gemacht hatte.

Überhaupt berichten die beiden Hattinger von einer wahren Auto-Flut. In Worbis stauten sich die Trabis - Stoßstange an Stoßstange. „Die kamen aus Richtung Nordhausen und bis zur Grenze waren es ja nochmal um die 20 Kilometer.“

Ein Kaffee beim ersten Besuch im Westen

Auch das Ehepaar Rogge nutzte die Gelegenheit, packte Nichten und Neffen ins Auto und fuhr mit ihnen in den Westen – über den Grenzübergang Hannoversch Münden. „Da sind wir mit den jungen Leuten in eine Café gegangen“, berichtet Marianne Rogge. Sorge vor Repressalien hatten die damals 14-, 15-Jährigen nicht. „Die waren mutig und hatten ja den Drang, dass sie raus wollten“, lacht Marianne Rogge.

Der Stempel im Pass zeigt: Am 14. November verließen Rogges die DDR – zurück nach Hattingen. Für sie war es ein Wochenende, dessen Emotionen für immer im Gedächtnis bleiben.

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