31. Januar 1984

Als die Beschäftigen den Betrieb besetzten

Hattingen.  Die Mönninghoffer ergriffen am 31. Januar 1984 die Initiative. Otto König, ehemals Erster Bevollmächtigter der IG Metall, erinnert sich an den Arbeitskampf vor 30 Jahren.

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Vor 30 Jahren hielten die Mönninghoff-Beschäftigten in Hattingen nicht nur den Betrieb an der Gottwaldstraße besetzt, sondern führten die Produktion über Wochen in eigener Regie fort. Der traditionsreiche Flanschenproduzent – zuerst Leo Gottwald, dann Mönninghoff — war in den 1980er Jahren mit rund 800 Beschäftigten die drittgrößte Metall verarbeitende Firma in der Ruhrstadt. Am 31. Januar 1984 beschloss die Belegschaft in einer Betriebsversammlung einstimmig: „Wir erklären, dass wir angesichts der existenzbedrohenden Umstände für uns und unsere Familien mit sofortiger Wirkung zum Schutze der Produktionsanlagen und unserer Arbeitsplätze befristet den Betrieb besetzen.“

Anlass war die Weigerung der Hausbanken, die Raten des landesverbürgten Kredits weiter auszuzahlen. Damit drohte die Schließung des Unternehmens. Krisenursachen waren Missmanagement der Geschäftsführung und der Konkurs der Mutter-Gesellschaft, der Bomin-Gruppe in Bochum. „Als erstes ging es darum zu verhindern, dass Lieferanten Material oder Maschinen aus dem Betrieb holten. Da schlossen wir die Tore“, erinnert sich der damalige Betriebsratsvorsitzende Gerd Grevel.

Die Auseinandersetzung blieb nicht auf den Betrieb beschränkt. Die Finanzinstitute, die den Kredithahn zugedreht hatten, waren Adressaten zahlreicher Mahnwachen und Demonstrationen. Im Werk fanden Solidaritätskonzerte statt. Die Beschäftigten trugen unterstützt durch die Hattinger Bevölkerung ihren lautstarken Protest auf den Untermarkt. Von Ministerpräsident Johannes Rau forderten sie, eine „eindeutige Willenserklärung für den Erhalt der Arbeitsplätze“ und das politische Gewicht der Landesregierung gegenüber den Banken für den Erhalt des Betriebes einzusetzen. Das gab der Auseinandersetzung eine politische Dimension. „Manche Aktionsform, die wir mit den Beschäftigten entwickelten, war Beispiel für die späteren Kämpfe der Stahlarbeiter im Ruhrgebiet“, so Hartmut Schulz, damals 2. Bevollmächtigter der IG Metall.

Anfang Mai 1984 ging die Interessenvertretung hoffnungsvoll in das von der Belegschaft erstreikte Gespräch im Düsseldorfer Wirtschaftsministerium. Die Arbeitnehmerseite trug vor: Die Voraussetzungen für eine Auffanggesellschaft seien geschaffen. Die Produktions-GmbH könne schnellstens gegründet werden. Das Anlagenvermögen sei durch ein Bankengespräch gesichert. Danach verkündete das Vorstandsmitglied der Dresdner Bank, dass sie nach erneuter Beratung im Vorstand der Bank das Angebot, ihren Anteil für 2,75 Mio DM an die Belegschaft abzugeben, nicht aufrecht erhalten. Die Bank erwarte, bei einer Versteigerung 4 Mio DM zu erzielen. Das war nach 16 Wochen fantasievollem Kampf das Aus für das Schmiedewerk.

„Der Versuch, mit einer beschäftigungs- und regionalpolitischen Alternative hunderte Arbeitsplätze zu retten, scheiterte an der Angst der Vertreter des Finanzkapitals vor einem von Arbeitnehmern übernommenen Betrieb“, stellte der Betriebsrat fest.„Unser Beispiel könnte ja Schule machen“, waren sich die Beschäftigten einig, die Ende Juni 1984 mit erhobenem Haupt den Betrieb verließen. Zuvor demonstrierten sie noch in der Altstadt und ketteten ihre 800 Arbeitsplätze symbolisch in Form eines schwarzen Sarges an den Eingang der Bank-Filiale in der Heggerstraße.

Heute – 30 Jahre später – klingt es wie Hohn in den Ohren der ehemaligen Schmiedewerker, dass Banken in der Wirtschaftskrise Milliarden Euro verbrannt haben, und die beteiligten Hausbanken in den Jahren danach selbst verkauft oder zerschlagen wurden.

Das Hattinger Modell

War die Betriebsbesetzung schon ein ungewöhnlicher Schritt, so war es die Weiterführung der Produktion durch die Belegschaft in eigener Regie erst recht.

„Aufträge waren ja reichlich da. Die mussten nur abgewickelt werden“, meint Winfried Köhler, Prüfer in der Härterei, rückblickend. Geleitet wurde der Betrieb durch Techniker, Verkäufer, Einkäufer, Arbeitsvorbereiter – die ein Interesse daran hatten, das der Betrieb weiterlief. Ein Teil der Betroffenen erkannte: Die Produktion zu organisieren, das können wir auch selbst.

Belegschaft, Betriebsrat und die sie unterstützende IG Metall Hattingen betraten Neuland: Mit externen Beratern entwickelten sie Vorstellungen zur Fortführung des Betriebes. Der „Förderverein Mönninghoff“ wurde gegründet. Mit weiteren potenziellen Geldgebern sollte der Verein über eine Fortführungsgesellschaft das Unternehmen weiter betreiben. Eine in Kooperation mit der Arbeitsagentur zu bildende Berufsförderungsstätte auf dem Werksgelände hätte die Aufgabe gehabt, die Arbeitnehmer aufzufangen, die in der Produktion nicht weiter beschäftigt werden konnten. Die Konstruktion des Modells setzte voraus, dass sich die Banken bereit erklärten, das Betriebsvermögen unter Verzicht auf einen Teil ihrer Ansprüche zu einem annehmbaren Preis an die neu zu gründende Produktions-GmbH abzutreten.

Der Konflikt spitzte sich in der dritte Woche der Betriebsbesetzung zu. Nach Eröffnung des Anschlusskonkurses sprach der vom Amtsgericht eingesetzte Verwalter die Entlassung fast der gesamten Belegschaft aus. Diese antwortete mit einer Verschärfung der Besetzung.

„Die Kollegen bewachten Tag und Nacht ihren Betrieb, um eine Ausplünderung des Werkes durch Gläubiger abzuwehren“, erläutert Tina Flügge, ehemalige Sprecherin der Frauen-Initiative, die angespannte Situation. Die Aktion zeigte Wirkung: Der Betrieb sollte vorerst bis zum 30. Juni 1984 fortgeführt werden. Daraufhin setzten die Mönning­hoffer die Besetzung nach vier Wochen aus.

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