Kemnader See

Alles klar auf der Schwalbe

Hattingen.  Helge Spartz muss arbeiten, wenn andere Urlaub machen. Doch das macht ihm nichts aus: Der Kapitän des Ausflugsschiffes auf dem Kemnader See will gar keinen anderen Job ausüben.

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So richtig warm ist es an diesem Nachmittag nicht, als die MS Schwalbe II, der kleine Ausflugsdampfer auf dem Kemnader See, vom Freizeitbad Heveney ablegt. Dicke Wolken hängen über dem Wasser, Fahrgäste tragen Jacken und Schals. Helge Spartz kann das schlechte Wetter die Laune nicht verderben.

Der Kapitän der „Schwalbe“ wirkt tiefenentspannt, als er das Boot vom Ufer Richtung Schleuse lenkt. „Jeder Tag ist anders“, sagt Spartz. Mit zwei Kollegen teilt er sich die Schichten. Zwei Schiffsführer sind immer an Bord, „wir wechseln ungefähr alle zwei Stunden“. Der eine kassiert, der andere fährt.

Wenn die Gäste gut gelaunt und die Pflanzen am Ufer grün sind, mag Spartz seinen Job besonders. Seit Anfang der 1990er Jahre arbeitet er auf der „Schwalbe“, hat bei den Stadtwerken eine Ausbildung zum Schiffsführer gemacht. Eigentlich ist er gelernter Konditor. Doch mittlerweile kann er sich kaum mehr vorstellen, in seinen alten Beruf zurückzukehren. Auch wenn Helge Spartz genau dann arbeiten muss, wenn andere Ferien machen. „Unseren Jahresurlaub nehmen die Kollegen und ich im Winter, außerhalb der Saison.“ In den Skiurlaub geht es dann trotzdem nicht, „lieber in den Süden“. In den Wintermonaten wird das Schiff gewartet, gesäubert, wieder in Schuss gebracht. „Wir machen alles, was innerhalb der Saison liegen bleibt.“

Lange Arbeitstage

Von April bis Oktober schippert die „Schwalbe“ über die Ruhr. Drei Fahrten gibt es pro Tag, an Sonn- und Feiertagen noch eine zusätzliche Tour. Manchmal sind die Arbeitstage sehr lang, etwa am Wochenende oder an Ferientagen. Es kommt vor, dass Spartz erst um ein Uhr nachts Feierabend machen kann. Seine Familie ist das gewöhnt. „Sie kennen das nicht anders.“

Mit dem regulären Fahrgastbetrieb ist es ja nicht getan. So kann man auf dem Ausflugsdampfer sogar heiraten. Inzwischen geben sich 15 bis 20 Paare pro Jahr das Ja-Wort an Bord. „Das ist schon was ganz Besonderes“, sagt der Kapitän. Dagegen sind die Tagesfahrten für ihn und seine Kollegen längst Alltag. Irgendwann kenne man die Strecke eben sehr genau. Auch anspruchsvolle Stellen, wie die an der Schleuse, bereiten dem erfahrenen Schiffsführer keine Schwierigkeiten. Ob der Dienst auf der „Schwalbe“ aber zu einem relativ entspannten Erlebnis wird, das liege vor allem an den Fahrgästen. Grundsätzlich seien die Leute hier „ruhig und gut drauf.“

Kein Wunder – schließlich verbringen die Passagiere dort einen freien Tag, wollen sich entspannen, ein paar nette Stunden erleben. An den meisten Tagen sei das Publikum gemischt. Spartz: „Natürlich können sich vor allem ältere Leute für eine Bötchenfahrt begeistern. Aber mittlerweile sprechen wir mit unseren Touren alle Altersgruppen an.“

Man sieht Familien mit Kindern und kleinen Hunden, Radfahrer, Omas mit ihren Enkelkindern. Ganz selten käme es zu Auseinandersetzungen mit Gästen. „Mit wem man in einer solch entspannten Situation aneckt, mit dem eckt man auch an jeder Supermarktkasse an.“

Viele Fahrgäste am Vatertag

Allerdings greift man bei den Wittener Stadtwerken, verantwortlich für die „Schwalbe“, bei einer ganz bestimmten Veranstaltung mittlerweile auf Sicherheitskräfte zurück – und zwar am Vatertag. Betrunkene Männer auf einem Schiff, noch dazu an einem nicht selten heißen Frühlingstag – das kann unangenehm werden. Helge Spartz sieht’s gelassen. Zu Ausschreitungen kam es bisher zum Glück nicht. Trotzdem sei es gut, dass die Sicherheitsleute an diesem feucht-fröhlichen Tag mit dabei waren.

Was potenziell alkoholisierte Fahrgäste nicht sehen, sind die wirklich schönen Seiten von Spartz’ Job. Über einen bewegungslosen Tag in einem grauen Büro vor einem Rechner kann sich der 42-Jährige nicht beklagen: Er kann die Natur genießen. „Richtig schön ist es, wenn man sieht, wie die Landschaft sich im Laufe der Jahreszeiten verändert.“ Fischreiher könne man sehen, ja sogar Eisvögel.

Einen Lieblings-Streckenabschnitt hat der Kapitän nicht. Was er aber an seinem Job besonders mag, sind die Tage, an denen viele Gäste kommen und die Sonne auf dem Schiff genießen können. So wie in der vergangenen Woche. „Das war bombastisch.“ Vielleicht kommt das gute Wetter ja schon heute zurück. Auch wenn eine Schwalbe noch keinen Sommer macht.

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