Tim Fischer

Tim Fischer: Neues Lied spielt in Hagen

Tim Fischer singt ein Liebeslied über Hagen.

Tim Fischer singt ein Liebeslied über Hagen.

Foto: Sebastian Busse

Hagen.  Tim Fischer macht den Bahnhof Hagen zum magischen Ort. Im Interview verrät der Künstler die Geschichte hinter dem Lied „Zug nach Hagen“.

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New York, Rio und Tokio sind die meistbesungenen Städte der Welt. In diese illustre Runde reiht sich jetzt auch Hagen ein. Chansonnier Tim Fischer widmet der kleinen Großstadt zwischen Ruhrgebiet und Sauerland in seinem neuen Album ein melancholisches Liebeslied. Im Interview mit unserer Redaktion erzählt der gefeierte Künstler die Geschichte von „Zug nach Hagen“.

Hagen ist ein Ort, wo die Leute laut Klischee wegwollen. Warum reisen Sie musikalisch dorthin?

Tim Fischer: Ich habe eine gute Beziehung zu Hagen, weil ich dort oft im Theater aufgetreten bin und ein tolles Publikum habe. Aber auf das Hagen-Lied sprechen mich auch viele Leute an, welche die Stadt gar nicht kennen. Es ist ein Liebeslied mit ganz viel Sehnsucht. Es spielt in einem anderen Leben, einem Leben ohne Smartphone und Internet und modernen Kommunikationsmöglichkeiten. Wenn man sich verabredet hat und einer nicht kommt, bleibt der andere auf der Strecke. Der Zug nach Hagen ist eine Metapher. Der verlassene Liebende will nicht aufgeben, er fährt immer wieder nach Hagen und sucht nach seiner Geliebten.

Youtube Tim Fischer Zug nach Hagen

Kennen Sie das Bahnbistro, in dem die Geschichte anfängt? Haben Sie selbst dort schon mal einen Kaffee getrunken?

Nein, aber das hole ich nach. Der Bahnhof in Hagen ist in dem Lied ein Transit-Ort, ein magischer Ort, an dem alles passieren kann. Es kann passieren, dass Du im Bahnhofscafé sitzt und blickst jemandem in die Augen, und dann verändert sich Dein ganzes Leben. Es ist unglaublich, was für ein Kopfkino „Zug nach Hagen“ auslöst. Marlene Dietrich hat einmal gesagt, zu Orten hätte sie überhaupt keine Beziehung, es sei denn, geliebte Menschen wären dort. Und über den geliebten Menschen entsteht auf einmal so eine Sehnsucht nach einem Ort wie Hagen.

Nähe zum Publikum

Mit „Zug nach Hagen“ kommen Sie dem Publikum sehr nahe. Diese Nähe zeichnet ohnehin ihre Auftritte aus. Wie erreichen Sie das?

Meine Begeisterung für das Chanson erzeugt diese Nähe. Ich bin durch die großen Chanson-Interpreten wie Edith Piaf, Marlene Dietrich oder Jacques Brel begeistert worden. Es hat viel mit Empathie zu tun, dass man sich in die Umstände und die Seele von Menschen hineinversetzen kann. Ich übe den Beruf jetzt seit 30 Jahren aus und empfinde große Dankbarkeit, weil ich ein wunderbares Publikum habe. Wir treten in einen Dialog. Mein ganzes Bestreben ist es, die Grenze zwischen Bühne und Parkett aufzulösen und ein gemeinsames Erleben herzustellen. Ich empfinde es als magisch, wenn das passiert.

Ist der Chansonnier heute nicht der Hofnarr des Politikbetriebs?

Wir leben in komischen Zeiten. Es gibt ganz alte Lieder, die heute wieder brandaktuell sind. Deshalb habe ich das neue Album auch „Zeitlos“ genannt. Das Genre Chanson stellt mit kleinen Mitteln eine große Projektionsfläche dar. Hier kann man bewusst eine neue Sichtweise auf Themen wagen. Dazu gehört auch der Wechsel zwischen Trauer und Freude. Das Weinen kann genauso befreien wie das Lachen.

Lieder sind wie Zaubersprüche

Was können Lieder bewirken?

Die Menschen suchen nach Antworten, denn die Welt spielt verrückt. Dazu kommt dieser Wahnsinnsausschlag nach rechts. Hemmschwelle und Respekt gegenüber anderen sinken, gerade in den sozialen Medien. Uns kommt immer mehr abhanden, Themen differenziert und von verschiedenen Seiten zu betrachten. Lieder wie „Imagine“ oder „Sag mir, wo die Blumen“ sind, die sagen ja: So könnte es gehen. Manchmal wurmt es mich, dass diese Zaubersprüche in der Realität nicht funktionieren und die Menschen ihre Träume nicht mehr verfolgen. Aber ich glaube fest an das Lied. Diese kleine Form ist manchmal ganz groß, da stecken Emotionen drin und Liebe, das ist gelebt.

Erhalten sie auch Drohungen oder Hassmails?

Auf Facebook gibt es schon ganz schön Gegenwind, ich lehne mich ja teilweise sehr aus dem Fenster und fordere auch mein Publikum. Dann kommen Anwürfe aus Richtungen, wo ich das niemals erwartet hätte. Werte wie Höflichkeit oder Freundlichkeit gehen langsam aber sicher den Bach ‘runter.

Zuhörer lernen das Weinen

In dem Chanson „Komm, großer schwarzer Vogel“ geht es um den Tod. Kann man das dem Publikum zumuten?

Das ist ein Lied, wie es kein zweites gibt! Dieses Lied berührt so sehr. Es schwingt ja auch viel Positives mit, es geht um Metaphern des Loslassens und Erlöstseins. Die Beschäftigung mit dem Tod macht uns Lebenden deutlich, dass das Leben endlich ist. Wenn man das begreift, kann man es viel intensiver gestalten. Viele haben das Weinen verlernt. Es kommen Zuhörer zu mir und sagen: Herr Fischer, ich konnte nach 30 Jahren das erste Mal wieder weinen, ich danke Ihnen dafür!

Tim Fischer: Zeitlos. Vertrieb: Sony. Weitere Infos: www.timfischer.de

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