Operette

Theater Hagen wagt mit Blume von Hawaii witzigen Südseetrip

Penny Sofroniadou will vom Hula-Mädchen zum American Girl werden.

Penny Sofroniadou will vom Hula-Mädchen zum American Girl werden.

Foto: Klaus Lefebvre / Theater hagen

Hagen.  So kommt der Jazz in die Operette. Warum das Theater Hagen in „Die Blume von Hawaii“ Hula-Klischees mit Humor begegnet

Diese Operette fällt sozusagen mit der Trompete ins Haus. Eine erotische Jazzfanfare verspricht gleich zum Auftakt: „In der Blume von Hawaii“ passiert viel mehr als walzerseliges Schmachten. Das Theater Hagen zeigt Paul Abrahams unterschätztes Meisterwerk aus dem Jahr 1931 als vergnüglich-ironisches Spiel mit Klischees, von einem jungen Ensemble hervorragend gesungen und noch besser gespielt von den Hagener Philharmonikern unter dem hochbegabten Kapellmeister Rodrigo Tomillo.

Da zaubern die Saxophone romantischen Herzschmerz aus dem Graben, die Hawaiigitarre lockt mit flirrenden Glissandi; viele pikante Harmonien und schmissige Rhythmen sagen an: Jetzt erobert der Jazz die Bühne. Das Publikum bedankt sich mit langem Beifall und vielen Bravos für einen unterhaltsamen Abend.

Kitschige Ananaslampen in Hagen

Vom Südseeparadies sind nur noch kitschige Ananaslampen geblieben und Toasts, bei denen die Belegkirschen auf Schinken, Käse und Ananas die Brustwarzen der Hulatänzerinnen symbolisieren sollen. Hier träumt sich Kenneth Mattice als betrunkener Kapitän Stone in eine paradiesische Parallelwelt, wie sie durch Maler wie Paul Gauguin und Komponisten wie Giacomo Puccini in glühenden Farben beschworen wird. Europas Metropolen befinden sich kurz vor der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges im Rausch des Exotischen, und der Jazz ist der Treiber für alle diese Sehnsüchte und Projektionen.

Entsprechend legt Regisseur und Bühnenbildner Johannes Pölzgutter die Geschichte um Hawaiis letzte, von den USA gestürzte, Königin in einer Rahmenhandlung an, die in einem heruntergekommenen europäischen Varieté spielt. So lässt sich mit kleinen spitzen Stichen der nimmersatte Imperialismus der Großmacht USA ebenso aufs Korn nehmen wie die sexuelle Ausbeutung der Südseeinsulanerinnen durch Touristen. Aber da es sich um eine Operette handelt, werden solche Anspielungen einfallsreich verpackt.

Blumenkränze aus Taiwan

Drei Rollwagen mit Palmen bilden die „traumschöne Perle der Südsee“, der große Mond dient auch schon mal als Werbeträger für Plakate der Tourismusindustrie, die Blumenkränze von Hawaii werden in Taiwan produziert. In dieser Kulisse treffen extrem unterschiedliche Protagonisten aufeinander und sorgen für prickelnde Reibungshitze. Der Schauspieler und Sänger Alexander von Hugo ist die endlos quasselnde Nervensäge John Buffy, der mit virtuosen Stepptanz-Nummern gegen alle Erwartungen doch noch die Frau seiner Träume erringt.

Akrobatischer Jazzsänger

Der Musicaldarsteller Frank Wöhrmann bezaubert als Jazzsänger Jim Boy nicht nur mit einer tollen Stimme, sondern auch mit akrobatischen Einlagen. Die Mezzosopranistin Alina Grzeschik fängt den Overkill ihrer rosaroten Rüschen-Kostüme mit einer sexy Jazzröhre wieder ein. Sopranistin Angela Davis ist als tragische Prinzessin Laya zwischen zwei Männern hin- und hergerissen und gleichzeitig zwischen ihrem mondänen Leben und der neu erwachten Heimatliebe. So wird ihre Operettenprinzessin zu einer herzergreifend gesungenen Charakterstudie.

Tenor Richard van Gemert legt den Prinzen Lilo-Taro als tragisch-verzichtenden Helden an, und Kenneth Mattice verleiht dem Kapitän Stone neben körperlicher Behendigkeit auch leuchtende Baritontöne. Die junge Sopranistin Penny Sofroniadou ist neues Mitglied im Hagener Ensemble. Als Raka wird sie zur geschickten Strippenzieherin, die lustvoll mit den Stereotypen von den primitiven Hula-Mädchen spielt und am Ende die ganze Mannschaft in den Hafen der Ehe dirigiert.

Hier flieg dieses und jenes durch die Luft

„Die Blume von Hawaii“ ist eigentlich eine Revue-Operette, die große Wimmelbilder auf der Bühne braucht und den Chor für die Showeffekte. Das ist in Coronazeiten nicht möglich. Johannes Pölzgutter setzt die Abstandsvorgaben geschickt um. Der Glanz entsteht dabei nicht durch Masse, sondern durch Theaterzauber. Das Publikum darf die Szene keine Sekunde aus den Augen lassen, um nichts zu verpassen - manchmal fliegen Cocktailshaker und Dancesticks auch ohne Regieanweisung durch die Luft, getragen allein vom Schwung des mitreißenden Ensembles.

Termine und Karten: www.theaterhagen.de

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