100 Jahre Reformpädagogik

Steiners Lehren: Hagen größter Waldorf-Kita-Standort in NRW

Erzieherin Rita Hoffmann (links) und Geschäftsführerin Katja Funke (rechts) im Waldorf-Kindergarten in Haspe.

Erzieherin Rita Hoffmann (links) und Geschäftsführerin Katja Funke (rechts) im Waldorf-Kindergarten in Haspe.

Foto: Michael Kleinrensing

Hagen.  Nur den Namen tanzen und keine Feste feiern? Ein Besuch in der Waldorf-Kita am Quambusch zeigt genau das Gegenteil.

Kaum ein pädagogisches Konzept polarisiert in Deutschland so intensiv wie Waldorf. Gefeiert als vorbildliche Reformpädagogik, die sich dem Menschen, seinem Körper, seiner Seele und seinem Geist zuwendet – und belächelt als Konzept, in dem Kinder ihren Namen tanzen. Das ist das pädagogische Spannungsfeld, in dem die Waldorfpädagogik Anwendung findet.

Auch in Hagen, einem der stärksten Waldorf-Standorte in NRW. 100 Jahre wird das Konzept in diesem Jahr alt und erfährt in Hagen eine enorme Anfrage. Hier gibt es die größte Waldorf-Kindergarten-Organisation in NRW. Ein Besuch in der dazugehörenden Kita am Quambusch, wo der Fokus nach den Lehren Rudolf Steiners auf dem ersten „Jahrsiebt“ der Kinder liegt.

Rita Hoffmann ist seit über 30 Jahren Erzieherin im waldorf’schen Geiste

Die Waldorfkindergärten in Hagen (Haspe, Delstern und dazugehörend auch Ennepetal-Voerde) sind als Verein strukturiert. 98 Kinder werden am Quambusch betreut, 55 in Delstern und 75 in einer neuen Einrichtung Ennepetal. Die Stadt Ennepetal hatte sich explizit einen Waldorf-Kindergarten gewünscht. Katja Funke führt die Geschäfte, Rita Hoffmann ist Angestellte des Vereins und seit über 30 Jahren Erzieherin im waldorf’schen Geiste. Bereits 1975 holte ein Arbeitskreis die Waldorf-Pädagogik nach Hagen. „Da herrschte ein besonderer Geist“, erinnert sich Hoffmann.

Die Menschenkunde Rudolf Steiners, der die von ihm begründete Anthroposophie in die Waldorfpädagogik münden ließ, mit der 1919 an der Betriebsschule für die Kinder der Arbeiter und Angestellten der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart erstmals unterrichtet wurde, steht im Zentrum der Arbeit der drei Kindergärten. Eine grundlegende Betrachtung von Steiners Werk sprengt hier den Rahmen.

Als Kern aber so viel: Die Dreigliederung des Menschen in Geist, Seele und Leib führen auf der pädagogischen Ebene in diesem Konzept zur gleichberechtigten Schulung von „Denken, Fühlen und Wollen“. Hier, im Kindergarten, ganz konkret mit Blick auf das erste „Jahrsiebt“. Steiner teilt die Entwicklung des Menschen in Sieben-Jahres-Abschnitte ein. Mit Blick auf Kinder und Jugendliche im Prinzip von der Geburt bis zum Wechsel der Zähne, von da bis zur Geschlechtsreife und dort bis zur Mündigkeit.

„Für uns sind Steiners Lehren mit Blick auf die ersten sieben Lebensjahre wichtig“, sagt Rita Hoffmann. Bei der Beantwortung der Fragen, was der Körper, die Seele und der Geist benötigen, wird der Tag in Rhythmen eingeteilt. Er beginnt mit einem freien Spiel. Kein didaktisches Material wie Puzzle oder Legosteine, sondern viel Miteinander, Bewegung und gewolltes Chaos.

Im anschließenden Morgenkreis ist die gegenwärtige Natur Thema. „Die Kinder durchleben spielerisch die Prozesse und Abläufe der Natur“, sagt Rita Hoffmann. Die Pädagogen würden den Geist der Natur bereits in sich tragen. Gemeinsames Frühstück, dann raus bei Wind und Wetter. Hoffmann: „Egal, wie die Wetterlage ist. Das schönste ist Freispiel findet draußen statt.“ Im anschließenden Märchenkreis könnten die Kinder sich teilweise bis zu 20 Minuten konzentrieren, weil sie draußen im Freien eineinhalb Stunden „gearbeitet“ hätten.

Eurhythmie: Beziehungen durch Bewegungen sichtbar machen

Die von Steiner mitbegründete „Eurythmie“ spielt aber auch eine Rolle. Für diese Form der Bewegung, bei der die Kinder seidene Gewänder tragen, gibt es einen eigenen Saal. Eurythmie gilt demnach als Kunst, in Sprache und Musik Gesetzmäßigkeiten und Beziehungen durch Bewegung sichtbar zu machen. Gesten, Farben und Raumformen werden dabei eingesetzt. Es gibt Gebärden, die Sinne, Laute, Sätze, Töne- und Motive darstellen können. Also doch den Namen tanzen? Das greift zu kurz, weil es nur ein minimaler Ausschnitt einer künstlerischen Idee ist.

„Hier im Waldorfkindergarten erlernt man eine hohe soziale Kompetenz“, sagt Geschäftsführerin Katja Funke. Die einzelnen Gruppen seien wie eine Familien aufgebaut, in denen in einer entspannten, persönlichen Atmosphäre auch täglich das Mittagessen für die Kinder aus frischen Bio-Zutaten in den Küchen der „Familien“ zubereitet werden. „An liebevoll, gemeinsam gedeckten Tischen wird in gemütlicher Atmosphäre nicht nur Hunger und Durst gestillt, es geht gerade auch um die gegenseitige Wahrnehmung und Kommunikation“, sagt Katja Funke.

Ein Drittel bis die Hälfte der Kinder würden später auch die Waldorf-Grundschule besuchen. „Wir blicken hier intensiv auf das erste Jahrsiebt der Kinder und leben in Rhythmen. Das gibt den Kindern Sicherheit für eine ungestörte Entwicklung. Ein Kind, das Kontinuität in immer wiederkehrenden Ereignissen erlebt, kann sich entspannt seinem Tun hingeben und sein spielerisches Schaffen mit allen Sinnen auskosten. Das Gefühlsleben steht hier sehr im Vordergrund und wir leben den christlichen Impuls. Viele christliche Anlässe nehmen wir zum Anlass, diese entsprechend zu feiern. Wir feiern deshalb fast auch noch mehr als andere Kindergärten“, sagt Rita Hoffmann.

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