Kunst

Osthaus Museum zeigt Kunst von Stefan Strumbel

Hagen.   Stefan Strumbel wickelt Madonnen ein und baut Fenster in Gemälde. Das Osthaus-Museum zeigt jetzt Arbeiten des jungen Pop-Art-Künstlers

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Stefan Strumbel ist der Heimatkünstler unter den jungen Wilden in Deutschland. Der 39-Jährige verfremdet Kuckucksuhren oder Bollenhüte und nimmt immer wieder religiöse Symbole in seine Arbeit auf. So hat er das erste Facebook-Kunstwerk erfunden, eine Madonna, die weint, wenn der User über ihr Gesicht streicht. Damit wollte er gegen das Kondom-Verbot in der katholischen Kirche protestieren. Eine lebensgroße Muttergottes mit Kind bildet auch den Mittelpunkt einer Ausstellung mit Arbeiten des Offenburgers im Osthaus-Museum Hagen. Der Titel „In every tear there is hope“ (In jeder Träne ist Hoffnung) spielt dabei auf das berühmte Tränenfoto von Man Ray an.

Strumbel gilt als die große Entdeckung der Pop-Art- und Streetart, die mit ihrer unkonventionellen Kreativität ohnehin die Raubgelüste des hungrigen Marktes weckt. Karl Lagerfeld sammelt ihn, die New York Times hat ihm eine Homestory gewidmet. Die Zeichen stehen also auf Erfolg für den jungen Schwarzwälder. Doch Strumbels Auseinandersetzung mit traditionellen Werten und zum Beispiel dem Heimatbegriff appelliert nur bedingt an einen szenebewussten Zeitgeist. Im Gegenteil, sie berührt die wunden Stellen einer verlorenen Kultur, ebenso wie sie neurechte Heimattümelei bloß stellt. Denn das beklagte Verschwinden des Traditionellen ist ja kein Vergessen von etwas Heilem, sondern besteht in der Überformung durch ein kommerzielles Surrogat. Aus der gotischen, von der langsamen Hand eines Holzschnitzers gefertigten Marienskulptur wird ein billiges Kunststoffprodukt, millionenfach von chinesischen Fabriken ausgespuckt, das die Andenkenläden in den Wallfahrtsorten verstopft.

Diese allgegenwärtige Überformung greift Strumbel auf und nimmt sie wörtlich. Seine Marienfigur erscheint eingewickelt in Luftpolsterfolie. Man sieht nur noch die Form, nicht mehr den Inhalt. Das ganze Paket wird in Aluminium gegossen. Die verhüllte Madonna hinterfragt die Wertigkeit von Bildern, die jahrhundertelang Kultur und Gesellschaft geprägt haben. Außerdem verleiht die Luftpolsterfolie der Maria ein Geheimnis. Was verbirgt sich im Inneren? Der Museumsbesucher wird im Amazon-Zeitalter zum Konsumenten, der mit einer kindlichen Neugierde ununterbrochen Päckchen auswickeln möchte.

Versehrte Malerei

Ähnlich kulturkritisch geht Stefan Strumbel in seiner Malerei zu Werke. Dabei handelt es sich um großformatige abstrakte Bilder in fröhlich leuchtenden Farben, die offenbar in einem spontanen Schaffensprozess entstanden sind. Doch diese Malerei ist versehrt. Denn sie enthält ebenfalls Ecken und Flecken von Luftpolsterfolie. Mitunter wirkt es, als sei dem Empfänger des Bildes beim Auspacken ein Malheur widerfahren, die Lupo hätte irrtümlich die Farbe überklebt und müsse nun wieder abgeschabt werden.

Und wieder geht es um Fiktion und Realität, um das eigentliche Bild hinter dem vordergründigen Bild. Auf anderen Werken arbeitet sich die Malerei hinter der Folie hervor, verdrängt sie gleichsam, präsentiert dem Betrachter ein sich im Wortsinne entwickelndes Artefakt. „Ich schätze diese abstrakten Zonen“, betont Dr. Tayfun Belgin, der Direktor des Hagener Osthaus-Museums. „Das Bild enthüllt sich, es arbeitet sich durch die Verhüllung, das ist ein Prozess.“

Tropfen und Tränen

Tropfen, Tränen und sinnliche Spritzer finden sich in vielen neuen Werken. „Die Träne ist das sichtbare Zeichen eines Seelenzustands so wie ein Kunstwerk. Das Kunstwerk überschreitet die Grenzen des Geistes, die Träne die Barriere des Körpers und beides wird ausgelöst durch nicht zu kontrollierende Emotionen“, sagt der Künstler.

Das Osthaus-Museum zeigt ganz aktuelle Arbeiten von Stefan Strumbel. Dessen Schaffen befindet sich in einer dynamischen Entwicklung, zu deren Zeugen der Betrachter wird. Von den Kuckucksuhren hat er sich mittlerweile verabschiedet, das Interesse geht hin zur Malerei – und eben zum Luftpolster-Werkstoff. Der erhält ein eigenes Denkmal. Wie ein Coil aus Bandstahl behauptet eine gigantische Rolle aus in Alu gegossener Noppenfolie ihren Platz im Museum. Sie ist zum Teil aufgewickelt, und der Faltenwurf erinnert an den schönen Fall von kostbarsten Stoffen. Schräg gegenüber steht eine Europalelette. Zusammen bildet das Ensemble einen Altar, an dem die Generation Amazon den Gott des digitalen Kaufrausches anbeten kann.

Und wer guckt zu? Gertrud von Nivelles, komplett in Folie eingehüllt, aber ikonographisch stilecht mit Äbtissinnenstab und Mäusen abgebildet. St. Gertrud ist die Schutzherrin der Landstraße und der Reisenden. Womit wir wieder beim Heimatbegriff wären.

Die Ausstellung ist vom 11. November bis 6. Januar zu sehen. www.osthausmuseum.de

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