Klavierfestival Ruhr

Klavierfestival in Hagen: Am Ereignishorizont der Moderne

Die Pianistin Alexandra Dariescu beim Klavierfestival Ruhr im Emil-Schumacher-Museum Hagen.

Die Pianistin Alexandra Dariescu beim Klavierfestival Ruhr im Emil-Schumacher-Museum Hagen.

Foto: Georg Lukas

Hagen.   Am historischen Ort im Kunstquartier Hagen entdeckt die Pianistin Alexandra Dariescu die französischen Impressionisten neu. Das Publikum jubelt.

Viele Musiker haben sich von Gemälden zu ihren Kompositionen anregen lassen. Was liegt also näher, als ein Museum für moderne Kunst in einen Konzertsaal zu verwandeln? Als aufregender Spielort des Klavierfestivals Ruhr hat sich das Emil-Schumacher-Museum Hagen inzwischen etabliert. Das Publikum entdeckt jetzt mit Alexandra Dariescu eine bezaubernde junge Pianistin, der eine große Karriere vorausgesagt wird.

Keine andere Branche hat so viel Verschleiß wie das internationale Pianisten-Karussell. Alexandra Dariescu fällt in dieser Umgebung auf, weil sie künstlerisch wirklich etwas zu sagen hat, weil sie virtuose Brillanz und Temperament mit einer klugen Programmgestaltung verbindet, charmant moderieren kann und die Klischees geschickt unterläuft, dass der Klavier-Zirkus nach Tastenlöwinnen verlangt, die notfalls auch durch brennende Reifen springen.

Schlachtross von Chopin

Stattdessen präsentiert sie bei ihrem Klavierfestival-Debüt ein Programm, wie es nicht besser zum Kunstquartier und zu Hagen als Zentrum der modernen Malerei um 1900 passen könnte: Sie spielt Werke von französischen Impressionisten und konfrontiert diese mit pianistischen „Schlachtrössern“ von Chopin und Tschaikowsky.

So wird am Ereignishorizont der musikalischen Moderne hörbar, wie zum Beispiel Claude Debussy (1862 - 1918) in den „Estampes“ und der „L’isle joyeuse“ Harmonien in Klangfarben-Flächen auflöst, mit dem Klavier Farbmalerei wagt. Alexandra Dariescu lässt den Flügel flirren und glitzern, zeichnet mit federleichten dynamischen Abstufungen eine sonnengesättigte, äußerst sinnliche Momentaufnahme - „Die Insel der Freude“ hat der sehr verliebte Debussy mutmaßlich nach dem Gemälde „Einschiffung nach Kythera“ von Antoine Watteau geschrieben.

Zwei Komponistinnen

In der französischen Moderne können auch Komponistinnen gedeihen, Germaine Tailleferre (1892 - 1983) zum Beispiel, die zur prägenden Gestalt im Pariser Musikleben wurde und die früh verstorbene Lili Boulanger (1893 - 1918), die als erste Frau den Prix de Rome erlangte. Alexandra Dariescu zeigt Werke der beiden als kontrastreiche Miniaturen zwischen Spätromantik und Impressionismus, experimentell und traditionell gleichermaßen.

Die 34-jährige Rumänin, die in England lebt, ist keine Schaumschlägerin zwischen Pedalen und Tasten. Ihr geht es um Klarheit, um Linien und Strukturen, nicht um Parfüm und Donner. Folgerichtig arbeitet sie bei „Andante spianato et Grande Polonaise“ Es-Dur von Frederic Chopin (1810 - 1849) und Auszügen aus der Nussknacker-Suite von Peter Iljitsch Tschaikowsky (1840 - 1893) ebenfalls heraus, wie sehr beide Komponisten bereits die Moderne voraus denken. Das Chopin-Andante kommt mit wunderbar singendem Diskant, die Polonaise sucht inmitten der rauschenden Akkorde nach Geheimnis und Tiefe. Der Tschaikowsky ist in dieser Interpretation nicht nur ein Publikumsliebling, sondern verwandelt ziemlich gewagt Rhythmus in Farbe und schlägt damit den Bogen zum Debussy.

Fruchtbares Mäzenatentum

Alexandra Dariescu war 2017 der Stargast der Internationalen Herbsttage für Musik in Iserlohn. Dort hat das Hagener Ehepaar Junius die junge Musikerin kennengelernt. „Wir haben uns sofort in sie verliebt“, sagt Tone Junius begeistert. Als Sponsoren des Klavierfestival-Gastspiels im Kunstquartier hat Wälzholz-Gesellschafter Dr. Hans-Toni Junius dem Klavierfestival-Intendanten Prof. Franz Xaver Ohnesorg die Pianistin vorgeschlagen. Und auch dieses fruchtbare Mäzenatentum passt zum Spielort, in dessen Altbau Karl Ernst Osthaus seinerseits junge Kunsttalente entdeckte und förderte. Mit zwei Zugaben, Miniaturen von zeitgenössischen rumänischen Komponisten, bedankt sich Alexandra Dariescu beim Publikum, das ein herausragendes Konzert mit Beifall im Stehen feiert.

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