Gedenken

Jüdische Familie in Hagen auf Spuren der Vorfahren

Daniela Ran (zweite von links) und Edna Avrahami (Mitte) sind mit ihren Kindern Nilli Malkevich, Edna Avrahami, Michal Gabso und Yael Shsteinbock nach Haspe gekommen. An den Stolpersteinen, sie an Selma und Albert Rosenthal erinnern, singen und beten sie.

Daniela Ran (zweite von links) und Edna Avrahami (Mitte) sind mit ihren Kindern Nilli Malkevich, Edna Avrahami, Michal Gabso und Yael Shsteinbock nach Haspe gekommen. An den Stolpersteinen, sie an Selma und Albert Rosenthal erinnern, singen und beten sie.

Foto: Jens Stubbe

Hagen.  Einst waren die Rosenthals aus Hagen angesehene Kaufleute. 1943 wurden sie in Auschwitz ermordet. Ihre Enkel gehen auf Spurensuche.

Sie holen ein Feuchttuch aus der Handtasche, polieren die goldfarbenen Steine, bis die Namen wieder deutlich zu lesen sind. „Selma und Albert Rosenthal“, steht doch geschrieben. „Deportiert 1943, ermordet in Auschwitz“. Dann halten lesen sie Texte vor, sie beten gemeinsam, sie singen ein jüdisches Lied.

Tillmannsstraße/Ecke Swolinskystraße: Wie das Leben so spielt. Ein Clown dreht sich dieser Tage auf einem Karussell der Hasper Kirmes. Immerhin: Autos dürfen hier deshalb nicht fahren. Es ist ruhig. Es gibt Daniela Ran, Edna Avrahami und ihren Kindern Nilli Malkevich, Michal Gabso, Yael Shsteinbock Gelegenheit zum Innehalten, zur Einkehr.

Stolpersteine erinnern an Ehepaar

Vor dem Haus mit der Nummer neun sind zwei Stolpersteine eingelassen, die an das in Haspe einst so angesehene Ehepaar Selma und Albert Rosenthal erinnern. Ihre Enkel und Urenkel stehen hier, viele zum ersten Mal. Sie legen Blumen nieder, gedenken ihrer von den Nationalsozialisten ermordeten Vorfahren.

Die Stolpersteine mit den Namen – sie liegen am falschen Ort. Das Ehepaar hat ein paar Meter die Straße hoch im Haus Nummer eins gewohnt, ihre Geschäfte waren an der Kölner und an der Voerder Straße in unmittelbarer Nachbarschaft. Daniela Ran und Edna Avrahami versammeln sich mit ihren Kindern um die Steine, dann wandern sie einmal um den Hasper Kreisel.

Es ist für die Schwestern und ihre Kinder eine besondere Reise – ein Zeitreise, eine Reise zu den Wurzeln, eine emotionale Reise, die sie noch einmal auf sich genommen haben – vielleicht ist es die letzte dieser Art. „Vor einigen Jahren war ich schon einmal hier“, sagt Daniela Ran, „meine Mutter hat zwar über ihre Zeit in Haspe, über ihre Flucht gesprochen, hat manches in einem kleinen Erinnerungsbuch aufgeschrieben. Aber die Erzählungen und Aufzeichnungen waren nicht so detailliert, dass ich die Häuser gefunden hätte.“

Die Gebäude, in denen die Mutter aufgewachsen ist, in denen die Großeltern ihre Geschäfte hatten – Reinhold Busch, einst Mediziner und jetzt Autor, der mehrere Bücher über die Zeit des Nationalsozialismus geschrieben hat, hat umfangreiche Forschungen über die Familie Rosenthal angestellt. Er hat herausgefunden, wer in welchem Haus gelebt hat. „Die Rosenthals waren in Haspe eine äußerst angesehene Familie“, sagt er, „Albert war im Ersten Weltkrieg, ist mit dem eisernen Kreuz dekoriert worden. Für ihn war es unvorstellbar, dass er und seine Frau von Nazis behelligt würden. Seine Kinder, also auch die Mutter von Daniela und Edna, haben das anders gesehen. Sie sind geflohen. Alle Versuche, Selma und Albert später nachzuholen, sind gescheitert.“ Sie mussten ihre Immobilien verkaufen, ins Judenhaus neben der Synagoge an der Potthofstraße ziehen. Von hier aus wurden sie deportiert.

Eine Einladung aus Hagen

Die Töchter zogen nach Israel und England. Dr. Arnulf von Auer, der sich auch in der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit engagiert, hat den Kontakt zu Daniela und Edna, die heute in Haifa leben, geknüpft. „Als dann die Einladung kam, habe ich gezögert“, sagt Daniela Ran, „bei meinem letzten Besuch in Deutschland in einer Synagoge in Hamburg, da war es plötzlich, als lägen Steine auf meinem Herzen. Da habe ich mir eigentlich geschworen, nicht mehr zu kommen.“

Arnulf von Auer aber reist mit seiner Frau von Hagen nach Israel. Er trifft die Familie, er lädt sie persönlich nach Hagen ein. Und Daniela und ihre Schwester Edna sagen zu. „Jetzt oder nie mehr – habe ich gedacht“, sagt Daniela Ran.

So sind sind sie an jenem Ort, der ihrer Mutter einst ein Zuhause war. Hier lesen sie Texte vor, hier beten sie gemeinsam, hier singen sie ein jüdisches Lied. Später bei einem Café sagt Daniela Ran: „Es war ein guter Moment bei den Stolpersteinen. Es ist gut, dass wir gekommen sind.“

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