Tschick

In Hagen wird Erfolgsroman Tschick zur Oper

Komponisten Ludger Vollmer über Punk in der Oper

Ludger Vollmer hat für das Theater Hagen den Roman Tschick von Ludger Vollmer vertont.
Mi, 15.03.2017, 14.49 Uhr

Komponisten Ludger Vollmer über Punk in der Oper

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Hagen.   Ludger Vollmer vertont für Hagen Wolfgang Herrndorfs Erfolgsroman „Tschick“. Im Interview berichtet er, wie der Punk das Musiktheater erobert.

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Der Jugendroman „Tschick“ (2010) von Wolfgang Herrndorf (1965-2013) gehört zu den Wundern der deutschen Literatur. Wie vor ihm Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ beschreibt er das Lebensgefühl einer Generation und wird deshalb innig geliebt. Auf der Theaterbühne ist die Geschichte von Maik und Andrej, genannt Tschick, ein Dauerbrenner, auf der Kinoleinwand war die Reise der beiden Jungen mit einem geklauten Lada durch die ostdeutsche Provinz ein Riesenerfolg. Nun kommt die Oper zum Buch. Ludger Vollmer, vielfach preisgekrönter Komponist und Vater von fünf Kindern, hat den Text im Auftrag des Theaters Hagen vertont. Am Samstag ist die Uraufführung.

„Tschick“ ist eine Episoden-Erzählung. Eignet die sich überhaupt für das Musiktheater?

Ludger Vollmer: „Tschick“ ist super für die Oper geeignet. Ich kannte das Buch vorher nicht, habe den Stoff vom Theater Hagen vorgeschlagen bekommen. Als ich den Roman las, dachte ich sofort: Das ist aber ein toller Opernstoff. Denn er enthält verschiedene Eigenschaften, die für die Oper prädestiniert sind, zum Beispiel die Koppelung von Komik und großer philosophischer Tiefe. Was sich zwischen diesen beiden Polen auftut, kann dann Oper sein. Und das Thema des Buchs ist genau mein
Thema.

Können Sie das erläutern?

Entwicklungsgeschichten, das Thema des sich entwickelnden Menschen, interessieren mich sehr. Hier geht es um zwei Jungen, die ihre Persönlichkeit, ihre Identität entdecken und dabei eine Straße entlangfahren. Dieser Stoff evoziert großartige surrealistische Bilder, die wir in Hagen auf der Bühne erarbeiten konnten. Es ist eine richtige Road Opera geworden. Mein Wunsch ist, dass wir mit „Tschick“ ein Podium schaffen für junge Leute, die hier in der Region leben und sich entwickeln.

Wie geht Punk in der Oper?

Ich habe keine Punkband im Orchestergraben, aber die Musik ist tatsächlich inhaltlich und ästhetisch oftmals genauso widerborstig, ruppig und auch so lyrisch, wie das Buch es fordert. Die Kulmination des Punk gibt es an der Stelle, wo Maik und Tschick in den Unfall mit dem Schweinelaster verwickelt werden. In dieser Szene, und nur in dieser Szene habe ich eine richtig dreckige E-Gitarre eingebaut. Wolfgang Herrndorf war tatsächlich Punker von seiner inneren Einstellung her, er pflegte eine sehr widerständige, fast anarchische Haltung, und diese Haltung hat der Text auch, und genau das fasziniert mich daran. Es ist der jüngeren Generation angemessen, zu revoltieren, sich zu beschweren.

Sie haben „Gegen die Wand“ vertont und „Lola rennt“. Und Sie haben musikalisch überhaupt keine Berührungsängste, sitzen nicht im Elfenbeinturm. Hilft Ihnen das bei „Tschick“?

Genau deshalb wird mir von Kritikern häufig Eklektizismus vorgeworfen, und ich möchte dazu mal was sagen. Wenn man genau hinhört, wird man in meiner Musik nicht einen Stil finden, der wirklich zitiert ist, keinen. Ich habe meinen eigenen Stil, der ist modal, der orientiert sich am altgriechischen Melos.

In meiner Arbeit versuche ich, die Melodie weiterzuentwickeln, die in den 1950er Jahren abgeschafft wurde von den Apologeten der neuen Musik. Daher beschäftige ich mich mit Melodien und lasse mich inspirieren von der antiken griechischen Musik und der Musik des Orients. Das hat nichts mit Eklektizismus zu tun. Mir Eklektizismus vorzuwerfen, nur weil eine Melodie zu hören ist oder die Geige eine Geigenmelodie spielt, das ist absurd.

Die Walachei ist der Sehnsuchtsort für Maik und Tschick. Wie bringt man die Walachei zum Klingen?

Die Walachei gibt es nicht nur als phantastisches Land Nirgendwo, die gibt es tatsächlich geographisch. Sie ist eine historische Landschaft im Süden des heutigen Rumäniens. Das ist ein balkanisches Gebiet, das lange von Turkvölkern bewohnt wurde und eines der Hochgebiete für einstimmige Melodik, für osmanische Melodien; orientalische Tonleitern kommen dort vor, die ich für die Zeichnung der Walachei benutze. Damit ist klar, woher Tschick seine Kultur hat, und die darf ich mit großer Freude gestalten. Das Schreiben der Oper hat mir viel Spaß gemacht, und man darf auch Spaß haben als Komponist.

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